Bassumerin ärgert sich über Pestizid-Abdrift auf ihrem Grundstück

„Vor Wut geheult“

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Braune Flecken verraten: Hier hat der Landwirt nicht aufgepasst. Erika Hollwedel ist stinksauer.

Bassum - Von Frauke Albrecht. Erika Hollwedel arbeitete gerade auf ihrem Grundstück am Kiebitzsee, als sie Zeugin wurde, wie ihr benachbarter Landwirt sein Feld mit einem Pflanzenschutzmittel besprühte. „Der Wind stand so, dass ich das riechen konnte“, erinnert sie sich. Da sie nicht eingenebelt werden wollte, fuhr sie nach Hause. Das Dilemma sah sie erst ein paar Tage später, als auf ihrem Grundstück, direkt an der Grenze zum Feld hin, Heckengehölze und Gras braun wurden und abstarben.

„Ich konnte es kaum glauben. Ich habe vor Wut geheult“, berichtet Erika Hollwedel. Lange habe sie überlegt, was sie dagegen tun könne, ob sie überhaupt etwas tun solle. Da sich die Naturschützerin aber über das Verhalten dermaßen ärgerte, begann sie zu telefonieren. „Ich wusste nicht, an wen ich mich wenden sollte“, erzählt sie.

Und so kontaktierte sie unter anderem das Landvolk und auch die Polizei. Zwei Beamte kamen sogar raus, um sich den Schaden anzusehen. Doch auch sie verwiesen weiter.

Schließlich landete Hollwedel nach unzähligen Telefonaten beim zuständigen Prüfdienst der Landwirtschaftskammer Hannover mit Sitz in Oldenburg.

Zu diesem speziellen Einzelfall möchten die Prüfer keine Auskunft geben, unter anderem, weil es sich um ein laufendes Verfahren handelt. Wohl aber nimmt Mitarbeiter Andreas Mikutta auf Nachfrage unserer Zeitung Stellung zu der allgemeinen Problematik.

Die sechs Mitarbeiter der Prüfstelle sind zuständig für ganz Niedersachsen und bearbeiten mehrere Hundert Fälle im Jahr.

Pflanzenschutzmittel dürfen nur auf landwirtschaftlich genutzten Flächen ausgebracht werden, nicht an Seitenrändern, Böschungen, Hecken und Feldgehölzen oder Grabenrändern.

Wenn ein Verstoß festgestellt werde, könne ein Bußgeld verhängt werden. Und das nicht zu knapp. Mikutta verweist auf ein Hinweisblatt der Landwirtschaftskammer: „Wer auf den zuvor genannten Flächen Pflanzenschutzmittel ohne Ausnahmegenehmigung anwendet, begeht eine Ordnungswidrigkeit, die mit einer Geldbuße (bis zu 50000 Euro) geahndet werden kann. Wer zum Beispiel Totalherbizide außerhalb der eigenen Grundstücke (also auf fremdem Gelände) anwendet, setzt sich zudem dem Risiko aus, wegen Sachbeschädigung strafrechtlich verfolgt zu werden.“ Außerdem müsse der Landwirt mit einer Kürzung der Betriebsprämie rechnen.

Mikutta weiß, dass die Technik heute punktgenau arbeiten kann – trotz der meterlangen Ausleger. Die Frage sei, ob der Mensch mit der Technik umgehen kann. Die Maschinen – einige sind sogar GPS-gesteuert – müssen auf die jeweiligen Felder individuell eingestellt werden. Viele Faktoren können die Abdrift minimieren. Dazu zählt die Fahrgeschwindigkeit. Je schneller der Fahrer unterwegs sei, desto größer die Abdriftmenge. Auch Luftfeuchte, Temperatur und vor allem Windstärke müssen Landwirte beachten. Bei starkem Wind dürfen sie gar kein Pflanzenschutzmittel ausbringen. Mikutta weiß, dass ein windiges Frühjahr Niedersachsens Landwirte vor so manche Probleme stellen kann. Bei 580000 Hektar Mais sei es kaum zu schaffen, alle Flächen gleichzeitig abzuarbeiten.

Henry Ziemer, Mitglied des Gesamtvorstandes des Landvolks Mittelweser und zuständig für den Bezirk Bassum, bestätigt die Präzision der Technik. „Unsere Maschinen ermöglichen uns ein punktgenaues Arbeiten.“ Er hat überhaupt gar kein Verständnis für Vergehen. „Die meisten Landwirte wissen um die Sensibilität dieses Themas und bleiben von sich aus viel weiter von Grundstücksgrenzen weg, als sie eigentlich müssten.“ Vergehen müssten geahndet werden. „Da gibt es null Toleranz“, so Ziemer.

Nach Aussage von Andreas Mikutta hat die Anzahl der Pflanzenschutzmittel in den vergangenen Jahren insgesamt abgenommen. „Die gefährlichen Mittel werden weniger.“

Für das Pestizid-Aktions-Netzwerk (PAN Germany) aber kein Grund, Entwarnung zu geben. Auf deren Internetseite berichten Betroffene von Vergiftungen durch Pestizid-Abdrift.

Weitere Informationen:

www.pan-germany.org

www.lwk-niedersachsen.de

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