„Jedes Leben ist es wert, erzählt zu werden“

Bassumer Trauerrednerin Susanne Hinrichs schreibt Biografien über Menschen, die bald sterben werden

Trauerrednerin Susanne Hinrichs schreibt auch Biografien über Menschen, die bald sterben werden.
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Trauerrednerin Susanne Hinrichs schreibt auch Biografien über Menschen, die bald sterben werden.

Susanne Hinrichs aus Klein Ringmar ist Trauerrednerin und schreibt Biografien über Menschen, die nicht mehr lange zu leben haben. Im Gespräch erzählt sie, was sie an ihrer Tätigkeit so reizt, was das Schwierigste ist – und welche Beerdigungen die schönsten sind.

Klein Ringmar – Susanne Hinrichs sitzt in ihrem Garten und tippt konzentriert auf ihrem Laptop herum. Vor ihr liegen zahllose Dokumente und Notizen. Auf grauem Karten aufgezeichnet ein meterlanger Zeitstrahl. Hündin Hazel liegt entspannt zu ihrer Linken. Immer wieder schweift Susanne Hinrichs’ Blick ab und wandert in die Ferne. Sie denkt darüber nach, wie sie das Leben eines bestimmten Menschen am besten in Worte fassen kann. Eines Menschen, der bald sterben wird.

„Wollte etwas Neues machen“

Viele kennen Susanne Hinrichs als Trauerrednerin; eine Profession, der sie jedoch erst seit Anfang 2020 nachgeht. „Ich war immer schon gerne Freiberuflerin“, erzählt die ehemalige Direktorin des Syker Vorwerks, die zuvor als Kuratorin etliche Ausstellungen auf der ganzen Welt betreut oder als Biografin das Leben von Menschen porträtiert hat. „Aber ich wollte etwas Neues machen“, sagt Susanne Hinrichs. Schreiben, sagt sie, lag ihr schon immer. Auch Reden zu halten, habe ihr stets Spaß gemacht. Und die Arbeit mit Menschen, betont sie. Durch zwei Erfahrungen im persönlichen Umfeld, darunter der Tod ihrer eigenen Mutter, habe sie sich seit 2016 vermehrt mit dem Thema Tod und Sterben auseinandergesetzt. Auf einem Waldspaziergang mit ihren Hunden kam ihr die Idee, „platzte bei mir ein Knoten“, wie sie selber sagt: Trauerrednerin, das wollte sie sein.

So sammelte sie Erfahrungen und Tipps über Schulungen und in Gesprächen mit erfahrenen Trauerrednern ein. „Das Wichtigste“, sagt sie ernst, „ist Empathie. Der erste Kontakt mit den Angehörigen eines Verstorbenen findet telefonisch statt, und man benötigt viel Einfühlungsvermögen, um in die Menschen hineinzuhorchen.“ Sie selber wolle zudem nicht als Trauernde rüberkommen: „Es ist nicht meine Aufgabe, traurig zu sein!“ Sondern das Leben des Verstorbenen und die Erinnerung an ihn durch ihre Worte lebendig werden zu lassen.

Persönliche Gespräche mit den sterbenden Menschen

Aber eine Sache hebt Susanne Hinrichs von anderen Trauerrednern ab. Denn sie führt auch Gespräche mit Menschen, die selber wissen, dass sie bald sterben werden. „So kann ich die Rede bei der Beisetzung aus der Perspektive des Verstorbenen halten“, erzählt die 52-Jährige. „Wenn ich mich mit vier Angehörigen einzeln über einen Verstorbenen unterhalte, bekomme ich vier unterschiedliche Bilder gezeichnet.“ Außerdem sei es für ihre Gesprächspartner „auch ein Stück Therapiearbeit, weil man sein Leid lieber mit Außenstehenden als mit seinen Verwandten teilen kann“, betont sie.

Susanne Hinrichs gehe „bewegt und dankbar“ aus den Gesprächen, da sie wisse, dass sie „etwas Sinnvolles“ mache. Und wo man mit dem Thema Tod konfrontiert wird, benötigt man auch Ventile, um sich wieder etwas zu erden: „Ich gehe dann in meinen Gemüsegarten“, sagt sie, „der bedarf viel Zeit und Pflege. Tomaten ernten, Unkraut zupfen – das sind meditative Aufgaben.“

Mit ihrer neuen Tätigkeit verbindet Susanne Hinrichs ihre Arbeit als Trauerrednerin und ihre frühere Tätigkeit als Biografin miteinander. „Jedes Leben ist es wert, erzählt zu werden, jedes Leben ist interessant“, sagt sie. Und als Buch ein ideelles Erbe für die Hinterbliebenen.

500 Arbeitsstunden für eine Biografie

Ein Erbe, das in der Entstehung viel Zeit einnimmt, wie sie sagt. „Gespräche mit den Sterbenden und den Verwandten, Recherche, Sortieren der Informationen und das Schreiben selber. Das nimmt alles sehr viel Zeit ein.“ So kämen für eine Biografie bis zu 500 Arbeitsstunden zusammen, wie sie grob überschlägt. Doch die seien gut investiert: „Die Menschen haben so viel zu erzählen aus Zeiten, die wir heutzutage gar nicht mehr kennen.“

Am Ende des Prozesses steht ein etwa 100 bis 150 Seiten starkes Buch, hochwertig gedruckt und, falls gewünscht, von Hand gebunden. Die Autorin überreicht die fertige Biografie anschließend „natürlich persönlich“, wie sie sagt. Denn die Nähe zu den Menschen ist ihr wichtig. Gleiches gilt auch für das positive Bild, das sie in ihren Trauerreden von den Verstorbenen vermitteln möchte: „Es ist wichtig, dass man sich gerne an diese Menschen erinnert. Das ist meine Aufgabe, und das versuche ich, in die Arbeit zu transportieren“, berichtet Susanne Hinrichs.

Und in all die Traurigkeit passten so auch positive Momente: „Am schönsten“, sagt sie, „sind die Beerdigungen, auf denen viel geweint, aber auch gelacht wird.“

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