Nach Aufnahme-Stopp in Essen

Für die Bassumer Tafel zählt „nur Bedürftigkeit“

Bassum - Von Julia Kreykenbohm. „Ist es bei euch auch so schlimm?“ Diese Frage bekommen Hartmut Stolte und seine Mitstreiter von der Tafel in Bassum in den vergangenen Tagen öfter zu hören. Seit die Tafel in Essen in den Schlagzeilen ist, weil sie vorerst nur noch deutsche Kunden bedient, werden auch sie vermehrt angesprochen – und sehen sich mit viel Halbwissen konfrontiert.

„Die Leute sind meist gar nicht richtig darüber informiert, wie eine Tafel arbeitet“, sagt Stolte. Da gebe es Menschen, die sagen: „Die Ausländer, die zu euch kommen, sind nicht bedürftig, ich sehe die immer mit dicken Autos vorfahren. Dann sage ich, dass diese Fahrzeuge Verwandten gehören, denn jeder, der die Tafel nutzt, muss seine Bedürftigkeit nachweisen. Wer zu uns kommt, der braucht die Hilfe auch.“

Natürlich verfolgen die Bassumer, was in Essen gerade passiert, und bezeichnen die Geschehnisse als „sehr unglücklich“ für die Tafeln. „Wir stehen fest hinter dem Grundsatz des Bundesverbandes, dass wir allen helfen, die Hilfe benötigen, und niemanden ausschließen. Nur die Bedürftigkeit ist ausschlaggebend.“ Doch den Vorsitzenden der Essener Tafel für sein Vorgehen zu verurteilen, wollen sie sich nicht anmaßen. „Wir wissen nicht, was dem vorweg gegangen ist“, sagt Marianne Rupprecht. Womöglich schwele der Konflikt schon lange, und der Vorsitzende habe eine „Notbremse“ ziehen wollen, um sein Team zu schützen. „Wir glauben, dass die Tafeln in den großen Städten von der Politik allein gelassen werden.“

Zusammenarbeit mit Stadt läuft gut

Anders laufe das in Bassum. „Wir arbeiten mit der Stadt sehr gut zusammen und finden bei der Verwaltung immer ein offenes Ohr“, betont Stolte. Auch die Konflikte mit den ausländischen Kunden, die in Essen thematisiert werden, gebe es vor Ort nicht. „Hier wurden noch nie Senioren beiseite geschubst, und deutsche Kunden haben sich auch noch nicht über die Migranten beklagt. Das tun meist Außenstehende, die auch wissen wollen, wie viel denn die Ausländer von uns bekommen.“

Wenn Menschen aus fremden Kulturen das erste Mal zur Tafel kommen, könne es auch mal zu Missverständnissen kommen, weil sie die Regeln nicht kennen. „Man muss ihnen erklären, dass sie nicht alles haben können, was sie sehen, oder dass hier in Deutschland Gleichberechtigung herrscht und sie deswegen die Helferinnen respektvoll behandeln müssen“, sagt Stolte. Er lege darauf großen Wert, motiviere seine Mitarbeiterinnen, selbstbewusst aufzutreten, und schreite auch ein, wenn sich jemand danebenbenimmt – egal, woher er komme.

„Das Wichtigste ist, dass man miteinander redet“, sagt Marianne Rupprecht. Sie spreche die Kunden offen an, wenn ihr etwas nicht gefalle. „Ich sage: ,Die Leute hier arbeiten alle ehrenamtlich, Sie dürfen ruhig mal Danke und Bitte sagen.“ Nach solchen Erklärungen gebe es in der Regel keine Probleme mehr.

Bundesverband hofft auf Tipps

Der Bundesverband hat die übrigen Tafeln in Deutschland aufgerufen, den Kollegen in Essen Tipps zu geben, wie sie ihre Probleme lösen können. Was raten die Bassumer? „Um den Andrang zu entzerren, könnte man Gruppen einteilen. Zu Spitzenzeiten hatten wir 200 Familien, die haben wir dann jeweils in Gruppen von 50 Personen zu verschiedenen Zeiten eingelassen. Jedes Mal war dann eine andere Gruppe die erste, damit es gerecht zuging.“ Zu dieser Zeit waren zwei Drittel der Kunden Ausländer, jetzt sind es etwa die Hälfte.

Die Schere zwischen Arm und Reich klaffe immer weiter auseinander, sagt Stolte. „2009 haben wir mal mit 39 Familien angefangen.“ Es gebe Kunden, die mit 50 Euro im Monat über die Runden kommen müssten.

Was auch helfe, sei ein Dolmetscher in jeder Gruppe als Ansprechpartner, und Öffentlichkeitsarbeit. „Wir bieten zum Beispiel Führungen an, damit jeder weiß, was wir hier tun.“

„Wir brauchen die Hilfe der Gesellschaft“

Was wünschen sich die Mitarbeiter der Bassumer Tafel vor dem Hintergrund der aktuellen Debatte? „Dass sie kein schlechtes Bild auf die Tafeln wirft“, sagt Stolte. „Wir brauchen die Hilfe der Gesellschaft, egal ob durch Essensspenden oder Mitarbeit.“ Ebenso wollen sie nicht, dass der Vorsitzende der Essener Tafel geht. „Ich wünsche ihm, dass er das durchsteht und Hilfe bekommt, um eine gute Lösung zu finden“, sagt Stolte. Gleichzeitig hoffen die Bassumer, dass durch die Diskussion der Fokus auf die zunehmende Armut in der Gesellschaft gerichtet wird und karitative Einrichtungen besser unterstützt werden.

Wer eine Führung durch die Tafelräume möchte, kann sich unter 04241/2612 melden. Ebenso, wer ehrenamtlich helfen will. Mitarbeiter werden immer gesucht.

Rubriklistenbild: © dpa-avis

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