Lehmkuhls kleine Farm

Bassumer arbeitet seit 25 Jahren im örtlichen Klärwerk

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Auch bei rauem Winterwetter muss Gerd Lehmkuhl nach draußen. Seit 25 Jahren arbeitet er nun schon im Bassumer Klärwerk

Bassum – Von Luka Spahr. „Das Berufsfeld ist gut geworden im Vergleich zu früher“, sagt Gerd Lehmkuhl nachdenklich. „Damals war man ganz anders angesehen als heute.“ Während seiner Sprechpausen ist es sehr ruhig im Raum. Nur das sonore Summen technischer Geräte hallt durch die gekachelten Räume des roten Klinkerbaus vor den Toren Bassums. Hier verirren sich selten Besucher hin. Gerd Lehmkuhl verrichtet seine Arbeit im Stillen. Dass es ihn gibt, fällt erst auf, wenn die Dinge nicht mehr funktionieren. Seine Berufsbezeichnung nennt sich Anlagenkoordinator. Sein Arbeitsplatz: die Kläranlage Bassum.

Das Wasser, das wir im Alltag brauchen, verbirgt sich meist im Dunkeln. Hinter dicken Rohren und noch dickeren Wand- oder Erdschichten. Kurz kommt es zum Vorschein, wenn es aus dem Wasserhahn fließt, nur um dann genauso schnell wieder im Abfluss zu verschwinden. Und dann? Dann ist es nicht mehr trinkbar, sondern oft verunreinigt. Rund 2 500 Kubikmeter Abwasser nehmen in Bassum an einem durchschnittlichen, niederschlagsfreien Tag dann den Weg Richtung Hassel. Das sind rund 16 666 Badewannen gefüllt mit Abwasser. Kommen noch Niederschläge dazu, rauschen bis zu 7 500 Kubikmeter auf Gerd Lehmkuhl und seine drei Kollegen zu. Glücklicherweise haben sie bei ihrer Arbeit Millionen von kleinen Helfern. Zahlreiche Bakterien erledigen die Schmutzarbeit für die Männer in den blauen Arbeitshosen.

Wann er etwas reparieren muss, sieht Lehmkuhl in der Schaltwarte. Zahlreiche Sensoren überwachen die Anlage rund um die Uhr und geben Meldung, wenn etwas nicht stimmt.

Beim Thema Klärwerk würden viele immer noch die Nase rümpfen, erzählt Lehmkuhl, während er in seiner neongelben Arbeitsjacke über den Hof der Kläranlage geht. Dass der Geruch oft gar nicht so schlimm sei, versucht er deswegen bei jeder Gelegenheit zu kommunizieren. Etwa, wenn Schulklassen zu einer Führung bei ihm vorbeischauen.

Öffentlichkeitsarbeit wie dieser ist es vermutlich auch zu verdanken, dass sich das Ansehen der Klärwerker laut Lehmkuhl gebessert hat. Wenn er die Klassen dann zur ersten Station der Kläranlage führt, wo über drei Zuwege das Abwasser angeliefert wird, stinkt es aber doch erstmal ganz schön. Mit einem großen Rechen wird das Abwasser dort von groben Verschmutzungen gereinigt. Das können Essensreste und Feuchttücher sein, die eigentlich im Abwasser nichts zu suchen haben, oder auch mal ein Gebiss. Die Wege, wie dieses in der Toilette landen kann, würden nicht viele Interpretationsmöglichkeiten zulassen, sagt Lehmkuhl und lacht.

Dann geht es weiter zur nächsten Station. Auf dem gepflasterten Weg liegen vereinzelt dicke Schläuche herum. Die haben Anlagenkoordinator Lehmkuhl und seine Mitarbeiter verlegt, weil eine Pumpe ausgefallen ist. Und hiermit hat auch ihre Hauptaufgabe zu tun. Die Kläranlage arbeitet weitgehend autark. Die Klärwerker müssen erst ran, wenn es Probleme gibt oder Reparatur- und Wartungsarbeiten anstehen. Und hier sind die Arbeitsfelder oft recht eindeutig: Pumpe oder Rührwerk. Diese werden gesteuert durch ein komplexes Computersystem und überwacht durch zahlreiche Sensoren.

Beinahe wie eine Schießscharte sieht die sogenannte Schaltwarte des Klärwerks aus, in der alle Daten zusammenfließen. Durch die Fensterscheiben haben die Arbeiter des Klärwerks die gesamte Anlage im Blick. Von hier aus hatten sie auch einen weitläufigen Seeblick, als das Klärwerk im regenstarken Jahr 1998 an einem Tag von 11 800 Kubikmetern Wasser überrollt wurde. Lehmkuhl und seine Kollegen konnten dann nicht über die Pflasterwege zu den verschiedenen Becken laufen, sie hätten schon ein Schlauchboot nehmen müssen. Vergilbte schwarz-weiß Bilder im Eingangsbereich des Klärwerks dokumentieren den Tag, an den sich Lehmkuhl noch gut erinnert.

Derzeit sind die Pflasterwege aber gut passierbar und ein Besuch bei der nächsten Station des Abwassers ist möglich: den Belebungsbecken. Die schlammige Brühe, die da durch eine Art großen Mixer träge im Kreis bewegt wird, steckt tatsächlich voller Leben. Hier verrichten die Bakterien ihre Arbeit und bauen die einzelnen Bestandteile des Abwassers ab. Ihre Aktivität werde dabei über eine Sauerstoffzufuhr reguliert, stellt Lehmkuhl seine kleine Farm vor.

Im Nachklärbecken sieht das Wasser dann schon deutlich sauberer aus. Dort herrscht kaum Bewegung. Letzte gröbere Partikel sinken auf den Boden des gigantischen Beckens und werden von dort abgetragen. Die Bakterien bleiben größtenteils im abgetrennten Klärschlamm zurück und werden teilweise wieder dem neuen Abwasser zugeführt, um ihre Arbeit zu verrichten.

Am Ende sieht das Wasser, wenn es aus dem Nachklärbecken läuft, beinahe trinkbar aus. Das ist es aber bei Weitem nicht, warnt Lehmkuhl. Würde man das Wasser in ein sauberes Glas schütten, würde man nie auf den Gedanken kommen, es zu trinken. Für die Natur unbedenklich ist es aber. Deswegen läuft es zuerst in die sogenannten Schönungsteiche, wo es wieder dem Milieu der Natur angepasst wird. Hier leben sogar ein paar Hechte. Nach rund 24 Stunden ist die Reise des Abwassers im Klärwerk dann vorbei und es wird wieder in den Klosterbach geleitet.

Die Anlage ist dabei ein gigantischer Kreislauf. Lehmkuhl und seine Mitarbeiter sind ihre Bewacher. Dazu gehört viel handwerkliches Verständnis, aber kein Ingenieurstudium, verrät der 57-Jährige. Als 1993 mit dem Bau der Anlage begonnen wurde, kam er als junger Betriebselektriker nach Bassum. Das Wasser läuft nur einen Tag durch die Anlage, Lehmkuhl seit 25 Jahren.

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