Persönlichkeitsmerkmal als „sanfte Stärke“

Hochsensibilität: „Es ist so, als ob das Gehirn glüht“

Lidia Schladt (links) und Alexandra Thoese wollen über Hochsensibilität aufklären. - Foto: Kreykenbohm
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Lidia Schladt (links) und Alexandra Thoese wollen über Hochsensibilität aufklären. 

Bassum - Von Julia Kreykenbohm. Wenn Susanne morgens ins Büro kommt, merkt sie gleich, ohne das ein Kollege etwas sagt oder tut: schlechte Stimmung. Sofort wird auch ihre Laune gedämpft. Sie will ihre Aufgabe beginnen, doch das Telefon klingelt, E-Mails müssen beantwortet werden und nebenbei kommt laufend der Chef und stellt Fragen. Susanne hat das Gefühl, ihr Kopf würde explodieren und sie will sich nur noch in einen stillen Raum zurückziehen. Alles zuviel. Nach der Arbeit ist sie so aufgeladen von Emotionen, dass sie kaum zur Ruhe kommt. Einfach abschalten, wie alle ihre lapidar raten, kann sie nicht. Den Feierabend verbringt sie allein in ihrer Wohnung, weil sie keinen Menschen mehr um sich herum erträgt.

Wer sich in diesem erdachten Beispiel wiederfindet, ist vielleicht das, was Lidia Schladt und Alexandra Thoese als hochsensibel bezeichnen. Die beiden Frauen arbeiten mit betroffenen Menschen und möchten über das Thema aufklären. Aus diesem Grund waren sie am Donnerstagabend in der Casa Vida in Bassum zu Gast und sprachen unter dem Motto: „Was bedeutet hochsensibel und bin ich das?“ Die Zuhörer verschiedener Altersstufen kamen unter anderem aus Barnstorf und Twistringen und obwohl Frauen die Mehrheit bildeten, waren auch zwei Männer gekommen.

Schladt und Thoese sind selber betroffen. „Für mich war es eine große Offenbarung“, erzählt Schladt, die es seit fünf Jahren weiß. „Ich habe mich immer anders gefühlt und jetzt hat es einen Namen.“ Hochsensibilität sei keine Krankheit oder Störung sondern ein Persönlichkeitsmerkmal – das leider für die meisten erstmal nur schlecht sei, weil es ihnen auch größtenteils von der Umgebung so gespiegelt werde: Überempfindlich, nicht belastbar. „Wir wollen zeigen, dass es keine Schwäche, sondern eine Stärke ist. Wenn auch eine sanfte Stärke“, so Schladt.

15 bis 20 Prozent der Menschen hochsensibel

15 bis 20 Prozent der Menschen seien hochsensibel – also jeder fünfte. Häufig sei es genetisch bedingt, könne aber auch eine Generation überspringen. 70 Prozent der Betroffenen sind introvertiert, die übrigen 30 extrovertiert. Frauen und Männer seien gleichermaßen betroffen.

Sie haben gemeinsam, dass sie Reize viel stärker wahrnehmen, also auch schnell überreizen bei Gerüchen, Geräuschen und Licht. Ihre Filtersystem ist schneller überlastet, was zu einem erhöhten Cortisolspiegel führt – also mehr Stress. Ihre hohe Emotionalität sorge dafür, dass Gefühle noch lange nachhallen. Gleichzeitig sind sie sehr empathisch, häufig naturverbunden, harmoniebedürftig und schätzen die Autonomie. Sie bevorzugen tiefsinnige Gespräche und tun sich schwer mit Smalltalk. „Sie müssen einen Sinn in ihrer Tätigkeit sehen, sind gewissenhaft und perfektionistisch“, so Thoese.

Test gibt Hinweise auf Betroffenheit

Ein Test, konzipiert von der Psychologin Elaine Aron, gebe Hinweise, ob man hochsensibel sei. Für Betroffene sei maximale Selbstfürsorge wichtig, Bedürfnisse wahrnehmen und kommunizieren, erkennen, was einem gut tut, einen runterbringt – und das umsetzen, „ganz egal ob Sport, Meditation oder sich auch nur achtsam einen Tee zubereiten“, so Schladt.

Woher diese schnelle Überreizung genau komme, können man noch nicht beantworten, da die Neurologie noch am Anfang der Forschung stehe. „Es ist so, als ob das Gehirn glüht.“

Diesen Zustand konnten einige der Gäste sehr gut nachvollziehen. „Mir ist nichts egal“, sagt eine Frau. „Das macht den Umgang mit anderen Menschen schwer. Noch schwerer ist, die Reaktionen des Umfelds auf das eigene Verhalten emotional zu verkraften.“ Ein Mann erzählte: „Vor einem Jahr kannte ich den Begriff noch nicht. Dann habe ich ein Buch darüber gelesen und das hat mich abgeholt. Es gab gute Tipps, wie ich mich am Arbeitsplatz verhalten kann. Wenn mein Chef wieder mal zu mir sagt: ,Grübel nicht so viel’, weiß ich, warum das nie klappt.“

Stammtischgründung angedacht

„Du bist halt anders“, musste sich eine andere Frau von ihren Kollegen anhören. „Was für ein Kompliment“, entgegnet Schladt lächelnd. „Aber meistens macht es eher traurig“, meint die Zuhörerin. Darum sei es wichtig, dass Hochsensible sich vernetzen, damit sie merken, dass sie nicht allein sind. Die Idee, einen Stammtisch zu gründen, kommt auf und eine Teilnehmerin kündigt an, sich kümmern zu wollen.

Andere berichteten von Problemen, die ihre Kinder oder Kinder, mit denen sie arbeiten, aufgrund dieser Eigenschaft auszustehen haben: „Da fragt die Lehrerin, was machen wir jetzt damit?“ Thoese, selbst Mutter eines hochsensiblen Sohnes, meint: „Es wird oft nicht ernstgenommen.“

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