Jäger finden Kitz

Kleine Ella im Glück: Mit der Flasche aufgepäppelt und ausgewildert

Kurz vor der Auswilderung: Rehkitz Ella im Hänger.
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Kurz vor der Auswilderung: Ella im Hänger.

In Albringhausen durchsuchen Jäger vor der Mahd die Felder nach Jungtieren. Am 13. Mai retten sie acht Kitze. Trotz aller Bemühungen wird eine Ricke getötet. Ihr Kitz hat keine Chance, allein zu überleben. Jäger Dennis Köhler, seine Freundin Nadine Gudert und Kerstin Meier päppeln das Tier auf und wildern Ella erfolgreich aus.

Bassum/Albringhausen – In Albringhausen springt seit Kurzem ein junges Reh mit Ohrmarke herum und genießt seine Freiheit. Die Markierung hat es bekommen, damit es nicht versehentlich geschossen wird. Denn Ella, wie das junge Reh heißt, genießt Schutz auf Lebenszeit. Das ist zumindest die Hoffnung von Kerstin Meier, Dennis Köhler und seiner Freundin Nadine Gudert. Ella ist vor ein paar Tagen erfolgreich ausgewildert worden. „Dass uns das geglückt ist, haben selbst die alten, erfahrenen Jäger nicht für möglich gehalten“, sagt Dennis Köhler. Er hatte Ella gefunden.

Ihre Geschichte beginnt am 13. Mai dieses Jahres. Die Landwirte in Albringhausen wollen Gras mähen und bitten die Jäger, dazu zählt auch Dennis Köhler, der seit zwölf Jahren seinen Jagdschein besitzt, die Felder nach Jungtieren zu durchsuchen. „Einige Jäger machen das mit Drohnen. Wir überlegen auch, uns eine anzuschaffen“, erzählt der junge Mann. Noch kontrollieren sie mithilfe freiwilliger Helfer. „Das funktioniert gut“, erzählt er.

Ella am Tag ihrer Rettung.

An dem besagten Tag holen sie acht Kitze aus dem Feld. „Vier springen selbst hinaus, die anderen sind noch zu klein. Sie haben noch keinen Fluchtinstinkt entwickelt.“ Köhler und seine Freunde tragen sie mit dicken Handschuhen aus dem Feld und legen die Kitze am Rand geschützt ins hohe Gras. „In der Regel kommen die Mütter später zurück“, ist seine Erfahrung.

Ins Feld stecken die Helfer Stangen mit Wertstoffsäcken, damit die Tiere nicht zurücklaufen. Außerdem verteilen sie Menschenhaare. Den Geruch mögen Wildtiere nicht.

Dennis Köhler: „Ich konnte es da nicht liegen lassen.“

Doch an diesem Tag läuft was schief. „Völlig untypisch springt eine Ricke zurück ins Feld“, erzählt Köhler. Der Landwirt übersieht das Tier später und erwischt es mit dem Mähdrescher. Es wird getötet. „Es ist sehr ungewöhnlich, das Ricken zurücklaufen“, betont Dennis Köhler. Ob das Tier krank war? Er weiß es nicht. Die Jäger hoffen, dass die getötete Ricke nicht zu den Kitzen gehört, die sie rausgeholt haben. Köhler legt sich auf Beobachtungsposten. Doch bis zum Abend lässt sich bei einem Kitz keine Mama blicken. Die Nacht bricht herein. Der junge Jäger trifft eine Entscheidung: „Ich konnte es da nicht liegen lassen.“

Er nimmt das Tier mit zu seiner Freundin nach Bramstedt. Sie beraten mit der Familie und den Jägern, was sie tun können. Köhlers kennen Kerstin Meier aus Bassum gut. Sie hat Erfahrung mit der Aufzucht zahlreicher Tierarten und päppelt zu diesem Zeitpunkt einen kleinen Ziegenbock mit Lämmermilch auf. Dennis Köhler ruft sie an und bittet um Tipps und um Milch. So erfährt er beispielsweise, dass sie dem Kitz den Popo massieren müssen, damit es abführen kann.

Zwei Findelkinder im Stall der Familie Meier, Ella und der kleine Ziegenbock.

Dennis und Nadine rufen beim Veterinäramt an, beim Tierarzt, der Wildtierauffangstation, die leider keinen Platz hat, und stoßen bei ihrer Recherche auf die Internetseite Rehkitzhilfe. „Dort stehen sehr viele tolle Tipps“, erzählen sie.

Das Kitz ist zu dem Zeitpunkt etwa fünf bis sieben Tage alt. Den beiden jungen Leuten ist klar, dass sie die Aufzucht allein aus zeitlichen Gründen nicht schaffen. Beide sind berufstätig. Ella, so hat Nadine das Tier getauft, muss alle drei Stunden gefüttert werden. Kerstin Meier ist sofort bereit, die kleine Ella zu sich zu nehmen. Am Anfang spielt ihr der Ziegenbock in die Karten. Beide seien etwa im gleichen Alter. „Sie haben sich sofort aneinander gekuschelt“, erzählt Meier.

Alle drei Stunden muss Ella die Flasche haben

Die ersten Tage trinkt Ella noch nicht von allein. Sie muss zwangsgefüttert werden. Die Bassumerin probiert verschiedene Techniken, Schnuller und Aufsätze. Am vierten Tag gelingt der Durchbruch: Ella trinkt freiwillig. Tagelang muss die Tierfreundin alle drei Stunden raus zum Füttern. Langsam versucht sie, die Häufigkeit der Flasche zu reduzieren auf schlussendlich vier Mahlzeiten am Tag.

Die ganze Familie kümmert sich. „Für meine Kinder ist das eine tolle Erfahrung“, sagt Meier. Sie sammeln Brombeeren, Kräuter und Haselnuss für Ella. Rehe seien wählerisch, was ihre Nahrung betrifft.

Auch Dennis und Nadine besuchen das Kitz regelmäßig. Allen ist klar, dass Ella so wenig Kontakt wie möglich zu Menschen haben darf, wenn die Auswilderung klappen soll. Sie überlegen Möglichkeiten für den Fall, dass sie scheitern. „Wir haben hier ein sehr großes Grundstück. Eine Überlegung war beispielsweise, einen Teil einzuzäunen. Aber dann wäre Ella trotzdem allein gewesen. Sie gehört in den Wald“, so Meier. Also setzen sie ihre Hoffnung auf das Auswildern.

Zum Abschied die Hand geleckt

Als Ella zehneinhalb Wochen alt ist, erhält sie Ohrmarken. „Damit wir sie erkennen und die Jäger sie nicht versehentlich schießen.“ Dann ist es soweit: Für Ella heißt es Abschied nehmen von ihrem Ziegenfreund. Sie verbringt die Nacht im Anhänger. Am nächsten Tag fahren alle nach Albringhausen und öffnen die Hängertür. Meier beschreibt die Szene: „Zuerst schaut Ella nur, sie tapst ein paar Schritte und beginnt genüsslich zu fressen. Im Stall hat sie sich zum Schluss nicht anfassen lassen. Dann plötzlich kommt sie zu mir und leckt mir die Hand. So als möchte sie sich bedanken. Dann springt sie in die Freiheit.“ Die Szene rührt alle. „Ich bin sehr glücklich. Ich vermisse sie, aber ich bin glücklich“, sagt Meier.

Da sich die Jäger untereinander gut kennen, halten alle die Augen auf. Ella sei ein paar Tage später schon in Apelstedt gesehen worden. Nun hoffen alle, dass sie schnell Anschluss findet. Meiers Fazit: „Trotz aller Strapazen, würde ich es wieder machen.“

Ella ist nicht das einzige Findelkind, das am 13. Mai ein neues Zuhause bekommen hat. „Wir haben auch ein verlassenes Fasanengehege mit vier Eiern gefunden“, berichtet Dennis Köhler. Er nimmt die Eier mit, legt sie unter die Brutmaschine seines Bruders. „Zwei haben wir groß bekommen. Die laufen nun auch in Albringhausen herum.“

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