Markierungen auf der B 61 fehlen: Testfahrt mit Fahrsicherheitstrainer Wachholz

„Das ist brandgefährlich!“

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B61: Hans-Jürgen Wachholz, Fahrsicherheitstrainer, zeigt, wo die weite Orientierungslinie abrupt endet

Bassum/Sulingen - Von Anke Seidel. Es ist ein buchstäblich dunkles Straßenbau-Kapitel, das Autofahrer zurzeit auf der Bundesstraße 61 erfahren – und das im Wortsinn. Auf dem Streckenabschnitt zwischen Wedehorn und Anstedt gibt es so gut wie keine Straßenmarkierung: Keine weißen Seitenstreifen, keine voll markierten Abbiegespuren. Wie gefährlich ist das gerade jetzt, in der dunkelsten Zeit des Jahres? Diese Zeitung fragte beim Fahrsicherheitstrainer der Verkehrswacht Grafschaft Hoya, Hans-Jürgen Wachholz, nach – und unternahm mit ihm eine Testfahrt. Ergebnis: „Das ist brandgefährlich!“

Rechtlich gesehen ist das zuständige Straßenbauamt in Nienburg auf der sicheren Seite. Denn auf dem gesamten, gerade mit einer neuen Asphaltdecke versehenen Streckenabschnitt gilt Tempolimit 50 – verbunden mit dem Warnhinweis „Fahrbahnmarkierung fehlt“. Doch die Testfahrt mit dem erfahrenen Fahrsicherheitstrainer beweist: Die wenigsten Verkehrsteilnehmer halten sich daran. Wir fahren in Richtung Neuenkirchen – noch auf der „alten“, komplett markierten Straße. Hier gilt Tempo 100, doch kurz hinter der Abzweigung nach Wedehorn ist plötzlich alles schwarz. „Ohne Vorwarnung fährt man in den sanierten Bereich hinein, erst dann kommt das Schild Tempo 50“, stellt der Fahrsicherheitstrainer fest.

Zwar entdeckt er an den Einmündungen sogenannter qualifizierter Nebenstraßen die vorgeschriebenen Wiederholungsschilder mit der Tempo-Begrenzung und dem Warnhinweis auf die fehlende Fahrbahnmarkierung – aber nicht an allen. Plötzlich überholt ein Lieferwagen eilig unser Auto – mit einer Geschwindigkeit von deutlich mehr als 50 Kilometern pro Stunde. Doch belangen können hätte ihn die Polizei nicht, selbst wenn sie zur Stelle gewesen wäre: „Der Fahrer hätte nur behaupten brauchen, er sei aus der Nebenstraße gekommen, nach deren Einmündung kein Schild stand“, erklärt Wachholz. „Denn die, die neu auf die Straße aufbiegen, können ohne Schild von der Geschwindigkeitsbegrenzung ja nichts wissen. Das kann zu gefährlichen Situationen führen!“ Bei strahlendem Sonnenschein spiegeln sich Arbeitsbahnen auf der glatten, pechschwarzen Fahrbahn. „Man sieht, dass die Straße nicht eben ist“, stellt der Verkehrsexperte fest.

So höflich drückt es ein Nutzer des sozialen Netzwerks Facebook nicht aus: „Ich bin da vorletzte Woche sechs mal mit Trecker lang gefahren, an einigen Stellen hab ich gedacht, ich fall vom Sitz“, schreibt der Verkehrsteilnehmer. Dass der weiße Sicherheits-Seitenstreifen an der B 61 auf dem kompletten Sanierungsstück fehlt, bereitet Wachholz gerade jetzt große Sorgen: „Der Berufsverkehr fährt morgens im Dunkeln und abends auch. Mindestanforderung wäre, dass die stark verschmutzten Leitpfähle in kurzen Abschnitten gereinigt werden.“ Denn bei Dunkelheit, Regen oder Nebel ist die Gefahr groß, dass Verkehrsteilnehmer den Fahrbahnrand nicht rechtzeitig erkennen – und auf dem Grünstreifen landen. Unser Testwagen erreicht das Ortsschild Neuenkirchen. Wir fahren innerorts im jetzt doppelt geltenden Tempo 50 weiter Richtung Sulingen.

Plötzlich überholt ein 40-Tonner im Gegenverkehr ein Auto – obwohl er sowohl das Ortsschild als auch das direkt dahinter platzierte Warnschild gesehen haben muss. „Absolut verantwortungslos!“, kommentiert der Fahrsicherheitstrainer diese Aktion. An der Abzweigung nach Staatshausen ist alles schwarz. Wer dort links abbiegen will, muss selbst einschätzen, wie weit er mittig auf die B 61 fahren kann. Stellenweise ist auf der Straße dann wieder ein Mittelstreifen zu sehen. Auch eine notdürftig aufgebrachte Links-Abbiegespur an der Abzweigung nach Schwaförden ist zu erkennen. Nur wenige Meter später beginnt eine durchgezogene Linie, die den Verkehrsexperten alarmiert: „Das ist brandgefährlich! Wer sich an dieser Linie orientiert, der wird automatisch in den Gegenverkehr geleitet“, warnt Wachholz.

Denn weil die Fahrbahn an dieser Stelle in einer leichten Kurve verläuft, sei die Unfallgefahr groß: „Das darf keine Nacht so bleiben!“ Auf der Rückfahrt Richtung Bassum sieht es nicht viel besser aus. Eine enorme Gefahrenstelle entdeckt der Fahrsicherheitstrainer in Anstedt: Es gibt keine Linksabbiegespur Richtung Twistringen – nur ein Torso ist zu erkennen. Die geschwungene, weiße Linie endet abrupt – und das etwa 100 Meter vor der Abzweigung. Linksabbieger müssen selbst abschätzen, wie weit sie sich mittig einorden können oder müssen. Wir beobachten den Verkehr einige Minuten. Bei einigen Abbiegevorgängen wird es buchstäblich sehr eng. Insgesamt sieht der Verkehrsexperte dringenden Handlungsbedarf, damit es in dem Streckenabschnitt nicht zu Unfällen kommt. „Man könnte Warnbaken oder Pylone aufstellen, das gibt es auf Autobahnen ja auch“, schlägt der Experte der Verkehrswacht vor. In jedem Fall müsse das Straßenbauamt dringend etwas unternehmen.

Was sagen die Behörden?

Am Mittwoch hatte diese Zeitung das erste Mal beim Straßenbauamt in Nienburg nach dem Aufbringen der Markierungen gefragt. Anwort des zuständigen Mitarbeiters: Voraussetzung dafür sei eine Tagestemperatur von mindestens zwölf Grad und maximal 80 Prozent Luftfeuchtigkeit – und das über mehrere Tage. Der Mitarbeiter wörtlich: „In diesem Jahr wird das nichts mehr.“ Die zweite Anfrage nach der Testfahrt beantwortete gestern Dietmar Thomsik, stellvertretender Leiter der Behörde: „Wir sind uns im Klaren, dass es in den Einmündungsbereichen keine befriedigende Situation ist.“

Allerdings gelte wegen der größtenteils fehlenden Markierungen ja Tempo 50. Die von Fahrsicherheitstrainer Wachholz vorgeschlagenen Baken oder Pylonen seien keine Lösung. Die würden erfahrungsgemäß immer wieder unabsichtlich umgefahren. „Wir werden als ersten Schritt versuchen, die Markierungen doch noch kurzfristig aufzubringen“, sagte Thomsik – und kündigte für heute ein Gespräch mit der Markierungsfirma an. Als absolute Notlösung seien gelbe Markierungen denkbar, die aufgeklebt werden. Mit der unteren Verkehrsbehörde, sprich dem Landkreis, und der Polizei will das Straßenbauamt noch Gespräche führen. Die Polizei kenne den Sachverhalt und werde vor Ort verstärkt kontrollieren, so Polizei-Pressesprecher Thomas Gissing.

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