Bassumerin entschied sich für die Palliativmedizin

Dorette Kinder wollte keine Krebsbehandlung – kurz vor ihrem Tod erzählte sie ihre Geschichte

Dorette Kinder hatte sich entschieden, sich auf keinen Zweikampf mit dem Krebs einzulassen.
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Dorette Kinder hatte sich entschieden, sich auf keinen Zweikampf mit dem Krebs einzulassen.

Dorette Kinder hatte sich entschieden, sich auf keinen Zweikampf mit dem Krebs einzulassen. Kurz vor ihrem Tod erzählt sie ihre bewegende Geschichte: Palliativmedizin statt Chemo.

Regelmäßig lässt die Zeitung Menschen aus verschiedenen Phasen des Lebens zu Wort kommen: Kinder, die sich auf den Weihnachtsmann freuen, Schüler, die über ihre Berufswünsche sprechen, Erwachsene, die mitten im Berufsleben stehen, Senioren im Ruhestand, die sich engagieren. Selten finden sich die, die das Ende ihres Lebens erreicht haben oder sogar wissen, dass es bald kommt. Dorette Kinder aus Bassum wusste es. Sie war einverstanden, andere an ihrem letzten Lebensabschnitt teilhaben zu lassen.

Dorette Kinder wollte keine Krebsbehandlung - das ist Ihre Geschichte:

26. November 2020

Bassum - Die Uhr an der Wand tickt laut. Der Himmel ist grau, die Wege glänzen feucht. Novemberwetter. Im Zimmer von Dorette Kinder in Bassum ist es kuschelig warm. Das ist wichtig, denn die 86-Jährige friert leicht. Ihr Körper baut langsam schützende Fettschichten ab. In eine Decke gehüllt liegt sie auf dem Sofa. Lange Sitzen strengt sie an. Genauso das Laufen. Wenn sie nur ein paar Schritte geht, ist sie erschöpft. Doch das ist erst seit ein paar Tagen so, sagt Kinder. Davor war noch alles gut.

Und im August war sie sogar noch an der Nordsee. Kräftig und gesund hat sie sich da gefühlt. Sie wusste nicht, dass sich zu diesem Zeitpunkt schon der Krebs in ihrer Leber auszubreiten begann. Heute weiß sie, dass sie den kommenden August nicht mehr erleben wird. Dorette Kinder wird bald sterben.

Wer sie sieht, mag es nicht so recht glauben. Zwar wirkt sie müde, die Stimme ist leise, aber klar. Sie erzählt, sie lächelt und versäumt auch nicht, dem Gast etwas zum Naschen anzubieten. Sie hat ihr Schicksal angenommen und kann sogar über den Moment, als sie die Diagnose bekam, mit einem fast trockenen Humor sprechen: „Erst habe ich gar nicht gewusst, was es zu bedeuten hat. Dann habe ich ganz dumm aus der Wäsche geguckt. Aber was soll man machen?“

Dorette Kinder verzichtet auf Chemo: Kein Zweikampf mit dem Krebs

Kinder hat beschlossen, sich auf keinen Zweikampf mit der Krankheit einzulassen. Keine Chemo, keine Bestrahlung. „Ich habe oft gehört, wie anstrengend das ist. Das wollte ich nicht.“ Das stand sofort für sie fest. Stattdessen hat sie sich für die Palliativmedizin entschieden, die es ihr ermöglicht, bis zum Ende zu Hause in ihrer gewohnten Umgebung zu bleiben.

Angst vor dem Tod hat sie keine. Nur vor möglichen Schmerzen. „Wir müssen alle sterben. Ich kann zufrieden sein.“ Was sie hingegen sehr bedauert ist, dass wegen des Coronavirus die geplante Weihnachtsfeier mit der ganzen Familie ausfallen muss.

Einmal in der Woche kommt Dr. Christoph Lanzendörfer bei ihr vorbei, schaut, wie es ihr geht, beantwortet ihre Fragen, spricht mit den Angehörigen über die Medikation. „Bei der palliativen Betreuung machen wir nichts mehr mit dem Patienten. Wir sorgen nur dafür, dass er nicht leiden muss“, sagt der Internist und Palliativmediziner.

Dorette Kinder hat immer an Gott geglaubt und an ein ewiges Leben. Eine Nahtoderfahrung während einer Operation bestärkte sie in diesem Glauben. „Ich befand mich in einem Tunnel und sah am Ende ein helles Licht. Ich hatte keine Angst, ich war ganz ruhig.“

Familie respektiert die Entscheidung von krebskranker Bassumerin

In den Regalen und an den Wänden finden sich zahlreiche Bilder von dem, was der Lebensmittelpunkt der 86-Jährigen ist: die Familie. Sechs Kinder hat sie großgezogen. 13 Enkel und neun Urenkel sind mittlerweile geboren. Natürlich sind sie traurig, ihre Mama, Oma und Uroma bald zu verlieren. Aber sie respektieren ihre Entscheidung. Keine Überredungsversuche, obwohl sie doch eigentlich „100 werden sollte“, wie Kinder mit einem müden Lächeln sagt.

Die 86-Jährige mag nicht gern auf ihr Leben zurückblicken. „Da wird man nur traurig, weil man merkt, wie schön doch früher alles war und wie es jetzt ist.“ Als Kind eines Schausteller-Paares zog die gebürtige Lilienthalerin mit ihren Geschwistern von Ort zu Ort, erlebte, wie die Wehrmacht den Wohnwagen des Vaters beschlagnahmte, den Fliegeralarm und den erleuchteten Nachthimmel über Bremen.

Säuglingskrankenschwester wollte sie werden, lernte vorher jedoch ihren Mann kennen und ließ sich vor 50 Jahren in Bassum nieder. Die Menschen hätten damals weniger gehabt, aber sie seien ihr zufriedener vorgekommen als heute, freundlicher und hilfsbereiter.

Lange Jahre arbeitete sie als Reinigungskraft im Modehaus Maas. An dem großen Essen, das es anlässlich des 100-jährigen Bestehens für die Angestellten gab, nahm sie noch teil. „Es war sehr schön.“

Heute kann sie das Essen nicht mehr genießen. Sie hat keinen rechten Appetit. Eine Scheibe Toast, mehr geht oft nicht. Müde ist sie fast immer, doch schlafen kann sie kaum. Häufig wacht sie nachts auf. Dann schaltet sie den Fernseher an und freut sich, wenn ein Krimi läuft. Und geruchsempfindlich ist sie geworden, sagt sie. Wenn jemand nach etwas riecht, nimmt sie das stark wahr. Schmerzen hat sie keine.

17. Dezember 2020

Weihnachten hat Einzug gehalten. Ein Teelicht brennt auf dem Tisch, in der Ecke steht ein künstlicher Weihnachtsbaum. „Den habe ich schon viele Jahre“, sagt Dorette Kinder. Sie wirkt sehr erschöpft, wie sie in ihrem verstellbaren Sessel sitzt, eine Decke über den Beinen, ein Nackenkissen wärmt ihren Hals. Wenn sie sich zur Seite beugt, um nach etwas zu greifen, atmet sie anschließend schwer durch.

Nach wie vor schläft sie nur eine oder zwei Stunden am Stück. Das Essen klappt ganz gut. Dennoch ist ihr Körper schwächer geworden. Sonst konnte sie immer mithilfe ihres Rollators in die Küche. Seit ein paar Tagen geht das nicht mehr. Jetzt liegt sie entweder im Bett oder sitzt im Sessel. Ihre Töchter schlafen bei ihr im Zimmer, um ihr zu helfen, wenn es nötig ist.

Dafür bekommt sie heute etwas besser Luft. „Sobald ich mich zurücklehne, fällt mir das Atmen schwer“, sagt Kinder. Das liegt an den Metastasen in der Leber, die auf die Lunge drücken, sowie an denen in der Lunge selbst.

Doch was sie am meisten belastet, sind die Schmerzen. Kinder streicht mit der rechten Hand über die rechte Seite ihres Oberkörpers. „Das ist der Krebs, der in der Leber drückt“, weiß Christoph Lanzendörfer.

Dorette Kinders Freude auf das Weihnachtsfest

Die Schmerzmittel, die Kinder bekommt, sind noch nicht so stark, wie sie sein müssten, um ihr Leiden verschwinden zu lassen, da ihr Körper erst daran gewöhnt werden muss. Hinzu kommt, dass die Medikamente die Atmung lähmen.

Außerdem sammelt sich in ihrem Bauch Flüssigkeit. „Im schlimmsten Fall müssen wir punktieren“, sagt Lanzendörfer. Da sich dabei Kammern bilden, die verkleben, kann diese Methode nur wenige Male angewandt werden.

Wie sich Kinder gerade fühlt? „Wenn ich das so sagen darf: beschissen“, gibt die 86-Jährige zu. Oft kreisen ihre Gedanken um die Frage, warum das alles jetzt so sein muss.

Im Fernsehen schaut sie gern Weihnachtsfilme. Das aktuelle Geschehen rund um Corona hingegen gar nicht. „Da schalt’ ich schnell weg.“ Auch ihr Musikgeschmack ist eher klassisch. Ihr gefallen Lieder wie „Oh du fröhliche“ oder „Vom Himmel hoch“, die sie auch in der Familie früher gesungen haben.

Auf die freut sie sich an Weihnachten. Viele werden über die Feiertage verteilt vorbeikommen, bei anderen wird sie wiederum zu Gast sein. Geschenke hat sie allerdings schon bekommen. Auf der Terrasse steht ein beleuchtetes Rentier, und auf dem Bett liegt ein Kissen mit dem Aufdruck „Beste Oma der Welt“.

An Silvester denkt sie noch gar nicht. Aber sie findet es gut, dass nicht geböllert werden soll. „Ich mochte das noch nie. Was soll das? So viele arme Leute haben nichts zu essen, und hier schießen sie das Geld in die Luft!“ Wünsche hat sie keine. „Das Wichtigste ist, dass die Schmerzen aufhören.“

28. Dezember 2020

Dorette Kinder ist in der Nacht verstorben. Das Weihnachtsfest mit ihrer Familie, auf das sie sich so gefreut hat, habe sie größtenteils verschlafen, weil ihr Körper bereits so geschwächt war, berichtet eine ihrer Töchter. Sie glaubt zu ahnen, wann der Lebenswille ihrer Mutter anfing zu verlöschen: Als sie nicht einmal mehr die Kraft fand, alleine aufzustehen.

Eine große Stütze seien in dieser Zeit die täglichen Besuche von Lanzendörfer und dem Pflegedienst Stecker gewesen. „Man fühlt sich überfordert, weil man daneben steht und nicht helfen kann“, schildert die Tochter ihre Gefühle. Trost zu spenden, sei schwierig gewesen, denn ihre Mutter sei immer ein Mensch gewesen, der kein Mitleid wollte.

Um Mitternacht des 27. Dezembers geht die Tochter ins Bett, das im Nachbarzimmer steht. „Vorher sagte ich zu meiner Mutter: ,Ich lege mich jetzt schlafen, du bist nicht allein.’ Da wurde ihr Atem, der die ganze Zeit sehr laut ging, plötzlich leise.“ Kurz darauf ist alles vorbei. „Sie ging leise und unaufdringlich, so wie sie war.“

Zurzeit gehen der Tochter noch viele Dinge durch den Kopf. „Ich hoffe, dass sie keine Schmerzen hatte. Und ich frage mich, ob ich alles richtig gemacht habe, ob es für meine Mutter so in Ordnung war“, sagt sie. „Doch ich denke, dass es so ist. Es war ihr Wunsch, zuhause zu sterben und der wurde ihr durch die Palliativmedizin erfüllt. Am Anfang hätte ich mir nie vorstellen können, sie bis zum Schluss Zuhause zu betreuen. Aber man wächst da rein und wird auch unterstützt. Natürlich gehört viel Kraft dazu und ich hatte zudem die Unterstützung durch meine Geschwister. Gemeinsam konnten wir meiner Mutter ermöglichen, bis zum Ende bei uns zu sein. Das war ein großes Glück für sie und uns. Es gibt gerade so viele Menschen, die sterben allein.“

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