Kein „vordringlicher Bedarf“:

Trotz tödlichem Unfall: Radweg an der L776 ohne hohe Priorität

Franc Henkensiefken, Sprecher der Bassumer ADFC-Gruppe, neben dem von ihm aufgestellten Ghost-Bike.
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Ein weißes Rad zum Gedenken: Mit einem Ghost-Bike erinnert Franc Henkensiefken vom ADFC Bassum an den tödlichen Unfall von Anfang August.

An der Landesstraße 776 erinnert ein weißes Fahrrad an einen tödlichen Unfall. Der ADFC Bassum hat das Ghost-Bike dort aufgestellt. Dessen Sprecher verbindet damit die Forderung nach einem Radweg.

Bassum – Wer den Ort des folgenschweren Unfalls vom 2. August besucht, muss in die grasbewachsene Böschung ausweichen, wenn sich Autos nähern. Denn einen Fuß- oder Radweg gibt es an der Landesstraße 776 zwischen Bassum und Harpstedt nicht. An jenem Tag war ein 47-jähriger Radfahrer bei einem Unfall mit einem Lkw tödlich verunglückt.

Bremsspuren auch Wochen später noch zu erkennen

Seit einigen Wochen erinnert ein weißes Fahrrad am Fahrbahnrand an den Unfall. Das sogenannte Ghost-Bike (Geisterrad) hat Franc Henkensiefken, Sprecher der Bassumer Ortsgruppe des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC), aufgestellt.

Henkensiefken kennt die Stelle gut. Trotz der regennassen Fahrbahn findet er Bremsspuren vom Unfall auch Monate später wieder. „Wie man hier überholen kann, das geht mir nicht in den Kopf“, sagt er. Die L 776 beschreibt hier eine Kurve und eine leichte Steigung.

Die Aufschrift verdeutlicht, was es mit dem weißen Fahrrad auf sich hat.

Zur Botschaft, um die es ihm mit dem Ghost-Bike geht, sagt Henkensiefken: „Die Erinnerung, dass dort ein Mensch ums Leben gekommen ist.“ Und er ergänzt: „Was nicht hätte sein müssen, wenn man dort einen Radweg hätte.“ Dass dort ein Radweg fehle, sei seit Jahren bekannt.

Auf einen Radweg an der L776 angesprochen sagt Bassums Bürgermeister Christian Porsch: „Das sind wir raus.“ Der Radwege-Bau an Landesstraßen ist Landesaufgabe, die im Kreis Diepholz von der Behörde für Straßenbau und Verkehr in Nienburg übernommen wird. Deren Leiter Uwe Schindler betont: Niedersachsen sei ein Flächenland und der Bedarf an Radwegen insgesamt hoch.

Niedersachsen will Nachholbedarf mit Radwegekonzept abarbeiten

Um den Nachholbedarf abzuarbeiten, hat das Bundesland 2016 ein Radwegekonzept vorgestellt. Entlang von Kriterien wie Schulwegsicherheit, Gefahrenpotenzial, Tourismus oder Lückenschluss hatte die Landes-Straßenbaubehörde im ganzen Bundesland 144 Projekte mit „vordringlichem Bedarf“ ermittelt. Die Kommunen und Landkreise hatte die Behörde dabei eingebunden.

Die so ermittelten Projekte sollen die 13 Geschäftsbereiche der Straßenbaubehörde in den kommenden Jahren nach und nach abarbeiten. Elf vordringliche Radweg-Projekte hat die Nienburger Behörde derzeit auf ihrer Liste, womit sie ihrem Leiter zufolge für weitere acht bis neun Jahre beschäftigt sein wird.

Kein „vordringlicher Bedarf“: Andere Radwege-Projekte dringender

Die ungefähr zur Hälfte auf Harpstedter und auf Bassumer Gebiet liegende L 776 ist nicht darunter. Bei der Befragung im Vorfeld hatte sich der Landkreis Oldenburg für den L 776-Radweg als vordringlich ausgesprochen, der Landkreis Diepholz nicht.

Die unterschiedliche Prioritätensetzung der beiden Landkreise hatte Harpstedts scheidender Bürgermeister Herwig Wöbse (CDU) dieser Zeitung so erklärt: Oldenburg habe in der Vergangenheit mehr Radwege gebaut. Demnach wäre die Liste der noch offenen Projekte dort kürzer als auf Diepholzer Seite.

Landkreis: L776 bisher unauffällig, aber Verkehrsschild soll kommen

Zu dieser Aussage konnte sich der Landkreis Diepholz nicht äußern, es lägen keine Daten vor. Eine Landkreis-Sprecherin erklärt: Die Landesstraße zwischen Bassum und Harpstedt sei bisher unauffällig gewesen. Bei anderen Landesstraßen seien vordringlichere Bedarfe festgestellt worden, beispielsweise zur Schulweg-Sicherung. Als Sofortmaßnahme sei aber die Aufstellung eines Gefahrzeichens „Radverkehr“ unmittelbar vor dem Kurvenbereich angeordnet worden.

Mitte September hätten die Landesbehörde für Straßenbau und Verkehr sowie die Polizei-Inspektion Diepholz mit einem Ortstermin auf den Unfall reagiert. „Weitere Verkehrsunfälle mit Personenschaden sind und waren auf diesem Teilabschnitt der L 776 bis zu diesem Zeitpunkt nicht zu verzeichnen, lediglich Wildunfälle sind hier bislang vorgekommen“, so die Sprecherin. Die Verkehrsbelastung der Landesstraße belaufe sich auf täglich circa 2200 Fahrzeuge bei einem Schwerverkehrsanteil von sechs Prozent – eine vergleichsweise geringe Verkehrsbelastung.

Grüne: Ein Radweg wäre im Sinne der Verkehrswende

Berufspendler und Touristen würden die rund zehn Kilometer lange Strecke vermutlich häufiger mit dem Rad zurücklegen, wenn es dort einen befestigten Radweg gäbe. Darauf und dass das im Sinne der Verkehrswende sei, verweist Rainer Hartmann, Fraktionsvorsitzender der Bassumer Grünen. „Der Unfall hat ganz klar die Gefahr vor Augen geführt, auf so einer Straße als Radfahrer unterwegs zu sein“, stellt Hartmann fest.

Seine Fraktion hatte Anfang 2020 im zuständigen Ausschuss beantragt, dass Bassum sich bei der Landesbaubehörde für einen Rad- und Fußweg an der Landesstraße 776 einsetzen solle. Der Ausschuss für Stadtentwicklung hatte mehrheitlich gegen den Antrag gestimmt. Das Thema beschäftige seine Fraktion weiter, sagt Hartmann. Aber ob es konkret wieder eingebracht werde, „darüber haben wir noch nicht diskutiert.“ Es gehe darum, die Situation zu verbessern, möglicherweise im Rahmen des aktuell entwickelten Verkehrskonzepts.

Landtagsabgeordneter: Ein Radweg wird kurzfristig nicht kommen

Volker Meyer, Landtagsabgeordneter und CDU-Stadtverbandsvorsitzender, bringt zur kurzfristigen Verbesserung der Verkehrssicherheit eine Reduzierung der Höchstgeschwindigkeit ins Spiel. Es sei unrealistisch, dass dort innerhalb weniger Jahre ein Radweg gebaut werde.

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Aus Sicht der Anwohner sei jeder Radweg der wichtigste. Deshalb plädiert Meyer dafür, „nach objektiven Kriterien die Strecken zu beurteilen und die Reihenfolge zu entwickeln“. Also dafür, weiter nach der Reihenfolge aus dem Radwegekonzept vorzugehen. Meyer sagt auch: „Mehr Geld für den Radwegebau zur Verfügung stellen – das ist erklärtes politisches Ziel.“ Die Idee: Je schneller Niedersachsen die offenen Radwege-Projekte erledigt, desto höher rückt eine Strecke wie Bassum-Harpstedt in der Prioritätenliste.

Nebenwege als Alternative? Beim Ausbau wahrscheinlich nicht

In der Zwischenzeit weichen Radfahrer auf dem Weg nach Harpstedt von der Landesstraße auf landwirtschaftlichen Nebenwege aus. Deren Ausbau ist für ADFC-Sprecher Henkensiefken eine Alternative zum Neubau. Bürgermeister Porsch hält das nicht für machbar: „Dafür gibt es keine Zuschüsse.“

Auch Franc Henkensiefken fordert eine Höchstgeschwindigkeit von 70 und ein Überholverbot auf der Unfallstrecke. Und überhaupt ein Umdenken beim Autofahren, um die Sicherheit von Radfahrern zu erhöhen.

Außerorts gelten zwei Meter Mindestabstand beim Überholen

Außerorts schreibt die Straßenverkehrsordnung seit 2020 beim Überholen von Radfahrern einen seitlichen Mindestabstand von zwei Metern vor. Würde man einen Zollstock anlegen, sagt Henkensiefken, dann würde man sehen: Auf bestimmten Strecken ist die Fahrbahn zu schmal für einen Überholvorgang mit vorgeschriebenem Abstand. Als Autofahrer verzichtet der ADFC-Sprecher in solchen Situationen aufs Überholen, aber damit dürfte er noch eine Ausnahme sein.

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