Kammermusik in der Stiftskirche Bassum 

Forderung nach der eigenen Tasse Kaffee

Mit der schwedischen Sopranistin Karin Gyllenhammar, Axel Eichhorn (Tenor), Markus Köhler (Bariton) waren namhafte Gesangssolisten in Bassum. - Foto: Jantje Ehlers

Bassum - Von Angelika Kratz. Ausgelagert wurde die vierte Folge der beliebten Kammermusik im Stift Bassum baulich bedingt in die wunderschöne Stiftskirche. Deren viele und meist verschlossene Türen sorgten bei einigen Besuchern für leichte Irritation. „Da findet sicherlich noch eine Trauung statt“, aber die hübsche Braut hatte bereits ihr „Ja-Wort“ gegeben und stand mit ihrem frisch gebackenen Ehemann zum Fototermin bereit. Gemeinsam fanden alle schließlich den Eingang zu einem außergewöhnlichen Konzerterlebnis unter dem Motto „Neue Sitten“.

Johann Sebastian Bach seufzte wie viele heutige Eltern bereits Anfang des 18. Jahrhunderts hinsichtlich des Ungehorsams seiner großen Kinderschar und besonders der aufmüpfigen Mädchen. Mit humorvoller Musik illustrierte der Kirchenmann die gesellschaftskritischen Betrachtungen zum Thema „Huldigung des Adels“ und zum Umgang eines überforderten Vaters mit seiner pubertierenden Tochter in der Bauernkantate und der Kaffeekantate.

Mit der schwedischen Sopranistin Karin Gyllenhammar (für die erkrankte Manja Stephan), Axel Eichhorn (Tenor) und Markus Köhler (Bariton) hatten die Veranstalter namhafte Gesangssolisten verpflichtet. Die musikalische Begleitung übernahmen Geigerin Susanne Steinkühler, Flötistin Gwendolyn Schubert, Hornist Peter Schmidt sowie das Musikerpaar Sabine und Stephan Steinkühler samt Tochter Juliane Bremer (Violoncello, Violine, Viola).

Die Wurzeln des Kontrabassisten Balázs Szabó liegen indes in Ungarn. Geleitet wurde das Instrumentalensemble in bachscher Manier vom Cembalo aus von Reinhard Schmiedel, der momentan an den Musikhochschulen in Weimar und Leipzig unterrichtet.

In bekannter und geschätzter Art führte Stephan Steinkühler in das gut einstündige Konzert ein. Er hatte sich tief in die Materie eingelesen und wartete mit vielen interessanten Details auf. Er berichtete vom steten Wandel der Sitten durch Völkerwanderungen oder Machtkämpfe. In jeder Lebensspanne gäbe es Veränderungen, betonte Steinkühler. Aber dass seine Enkel heute nettere Kleidung tragen dürfen und nicht als Bub die Strumpfhalter der Schwester vererbt bekommen, sieht der Musiker als großes Plus des Sittenwandels.

Das Publikum ließ sich gerne zur Kaffeekantate mit in einstige Kaffeehäuser in Venedig und Bremen nehmen, denn dort standen die ersten von Männern besuchten Genusstempel. „Es war eine reine Männerangelegenheit“ und die oblag nicht unbedingt dem Adel, sondern vielmehr der bürgerlichen Mittelschicht.

In der fraulichen Forderung nach der eigenen Tasse Kaffee, sieht Steinkühler „die Morgenröte der Frauenemanzipation“, was das Publikum mit heiterem Gelächter quittierte.

Der Leipziger Postbeamte Christian Friedrich Henrici, genannt Picander, war ein Freund Bachs und für ihn ein wichtiger Textdichter. Wie Bach, war er ein Mensch der Barockzeit und sah kein Problem, geistliche, ironische und erotische Texte zu produzieren, denn alles gehörte zum Leben, wie eben auch der Kaffee.

Nicht einfach hatte es der Herr Schlendrian mit seiner kessen Tochter Liesgen, die so gerne Kaffee trank. Wunderschön der Wechselgesang zwischen den beiden Männerstimmen und der bis in die Kirchenspitze jubilierenden Stimme der Sopranistin bei einer heftigen Auseinandersetzung zwischen Vater und Tochter.

In der zweiten Kantate, der Bauernkantate, geht es um Lästereien. Anlass war der 36. Geburtstag des Erb-, Lehn- und Gerichtsherren Carl Heinrich von Dieskau. Sämtliche Gäste werden durch den Kakao gezogen. Eindeutige, zweideutige und erotische Angebote und viele aktuelle politische Ungereimtheiten kommen auf den Tisch.

„Ich habe heute Morgen im Halbschlaf von einem himmlischen Boten aus dem Weißen Haus geträumt, der eine Kantate von Bach und Picander für seinen neuen Chef haben wollte.“ Stephan Steinkühlers Traum ging nicht in Erfüllung, aber die Konzertbesucher kamen voll auf ihre Kosten und ließen erst nach vehement geforderter Zugabe Musiker und Sänger schließlich in den wohl verdienten Feierabend gehen.

„Schön wäre es gewesen, die Texte zu haben“, bemerkte eine Besucherin durchaus berechtigt am Ende, denn der Gesang verschlingt die Worte, besonders mit kirchlicher Akustik.

Wer sich anschließend Zuhause die Mühe machte und im Internet auf die Suche ging, war hinsichtlich der frechen, mutigen und hintergründigen Aussagen der Bauern- und Kaffeekantate überrascht.

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