RTL hat kein Geld erhalten

Angebliche 10.000-Euro-Spende aus Bassum: Auf Bericht folgt Shitstorm 2.0

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Melanie und Alexander Lenz machten eine Großspende für die RTL-Stiftung „Wir helfen Kinder“ publik. Doch das Geld ist bislang nicht bei der Stiftung eingegangen.

Ein Ehepaar aus Bassum (Landkreis Diepholz) postet auf Facebook eine großzügige Spende und erntet einen Shitstorm. Jetzt kommen Zweifel an der guten Tat.

  • Ehepaar Lenz postet 10.000-Euro-Spende auf Facebook
  • Nach Facebook-Shitstorm kommen Zweifel an guter Tat
  • Emotionale Kritik an Berichterstattung

Update, 13. Dezember: Kein laues Lüftchen, sondern ein richtiger Sturm hat sich entladen, nachdem kreiszeitung.de über ein neues Detail in der Spenden-Geschichte um Familie Lenz aus Bassum berichtet hatte. Unter anderem auf Facebook.

Spende für Stiftung „Wir helfen Kindern“ von RTL

Zur Erinnerung: Die Familie hatte erklärt, 10.000 Euro an die Stiftung „Wir helfen Kindern“ von RTL gespendet zu haben. Darüber berichteten wir (Erstmeldung weiter unten). Doch ein Anruf bei der Stiftung ergab, dass das Geld dort nicht eingegangen ist. Das war hier seit Donnerstagabend zu lesen. Die Wut ist groß – und richtet sich gegen die Kreiszeitung.

Mehrere E-Mails gingen an die Redaktion, bei Facebook häuften sich die wütenden Kommentare. „Wie kann eine lokale Tageszeitung über eine junge Familie so einen Scheiß schreiben? Unfassbar! Wir sind sprachlos!“ oder „Ich bin absolut fassungslos über Ihren heutigen Artikel über die Familie Lenz. Es ist in der heutigen Gesellschaft keine Selbstverständlichkeit, derartig hohe Spenden zu leisten.“

Fakt ist aber nach wie vor: Die Stiftung hat das Geld nicht bekommen. Das ergab Freitag ein erneuter Anruf. Dafür schrieb Anja Nürnberg von „Wir helfen Kindern“, dass die 10.000 Euro nicht eingezogen werden konnten. Es habe eine Rückmeldung gegeben, die besagt, dass das angegebene Konto erloschen sei. „Es ist merkwürdig, dass das Ehepaar das angeblich nicht wusste“, meint Nürnberg.

Späte Antwort auf Anfragen der Kreiszeitung

Alexander Lenz reagierte bis zum frühen Donnerstagabend nicht auf eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter sowie eine E-Mail, in der wir uns erkundigten, ob er inzwischen mit seiner Bank gesprochen und geklärt habe, was denn nun schiefgelaufen ist und wo die 10.000 Euro abgeblieben sind. Als eine Mail eintrifft, ist der neue Bericht (Text vom 12. Dezember weiter unten) bereits veröffentlicht.

Lenz behauptet nach wie vor, sie seien abgebucht worden und legt im Internet ein Formular vor, das mit „Umsatzdetails“ betitelt ist. Dort stehen unter anderem Kontonummer, Buchungstag und am Ende „-10.000 Euro“. Das ist für ihn der Beweis. Doch es handelt sich dabei lediglich um einen Überweisungsauftrag. Es ist kein Konto-Auszug und schon gar keine Bestätigung, dass das Geld bei der Stiftung angekommen ist.

„Dankes-Mail“ und „Spendenzertifikat“ keine Beweise

Zudem hat er eine „Dankes-Mail“ an die Redaktion geschickt, die er von RTL für seine Spende bekommen habe. Das ist laut RTL jedoch ein gewöhnlicher Newsletter, den jeder bekommt, der zuvor als Spender registriert wurde. Das dazu passende „Spendenzertifikat“, das er als weiteren Beweis postet und in dem ihm für die Summe gedankt wird, ist eine automatische Nachricht, die jeder Spender erhält, sobald er nur bekundet, spenden zu wollen. Auch das bestätigt Anja Nürnberg von der RTL-Stiftung.

Kommentar zum Thema: Weihnachtswunder gesucht

Von Julia Kreykenbohm

Den ganzen Tag über hat Alexander Lenz am Freitag auf Facebook seinem Unmut über die Berichterstattung der Kreiszeitung Luft gemacht. Oder über meine Berichterstattung, nennen wir das Kind beim Namen. Spannender als Schimpftiraden gegen den Artikel hätte ich es gefunden, wenn Lenz mit seiner Bank gesprochen und das Ergebnis genauo eifrig mitgeteilt hätte.

Die Inbrunst, mit der sich viele Leser im Netz vor die Familie werfen, kann ich verstehen. Ich war bei meinem Treffen mit dem Ehepaar genauso angetan von dessen Spendenbereitschaft und erschüttert, dass es im Internet dafür angegriffen wurde. Was für eine böse Welt! Eine gute Tat gehört belohnt! Darum schrieb ich darüber. Gern sogar. 

Ich gab mich mit dem „Spendenzertifikat“ zufrieden, das die beiden im Netz zeigten, anstatt bei dem Empfänger nochmal nachzuhaken. Warum? Weil ich – sowie die vielen erbosten Leser jetzt – an das Gute im Menschen glaube und mir nicht vorstellen kann, dass jemand nur vorgibt, Kindern in Not zu helfen, um Aufmerksamkeit zu bekommen. Anscheinend ein Fehler.

Denn egal, welche Gründe dahinterstecken mögen: Fakt ist, das Geld ist nie bei der Stiftung angekommen. Das hat mich getroffen. Und offenbar wurde ich auch in einem anderen Punkt belogen. Nachdem mein erster Artikel erschienen war, meldete sich das Ordnungsamt bei mir, das wissen wollte, wieso ich denn „Alexander Lenz“ schreibe – wo er doch unter einem anderen Namen gemeldet sei.

Schön wäre es, wenn sich am Ende herausstellen würde, dass alles nur ein Missverständnis gewesen ist. So als Weihnachtswunder quasi – aber ich glaube nicht mehr dran.

Update, 12. Dezember: Bassum – „Bei uns ist das Geld nicht angekommen.“ Das sagt Anja Nürnberg von der Stiftung RTL „Wir helfen Kindern“. Das Ehepaar Melanie und Alexander Lenz aus Bassum habe im November auf der Homepage der RTL-Stiftung erklärt, 10.000 Euro spenden zu wollen. 

Für diese Bekundung erhielt das Ehepaar aus Bassum online ein „Spendenzertifikat“, in dem ihnen für die große Summe gedankt wurde. Doch bisher ist sie nicht auf dem Konto der Stiftung eingegangen. Nachgehakt hat „Wir helfen Kindern“ deswegen nicht. „Wir bekommen über 125.000 Buchungen“, so Nürnberg.

Ehepaar Lenz aus Bassum postet RTL-Spendenzertifikat online

Rückblende: Das Ehepaar Lenz aus Bassum stellte das Spendenzertifikat auf Facebook und nahm auch Kontakt zur Online-Redaktion der Kreiszeitung auf. Es schlug vor, darüber zu berichten, um auch andere Leute zum Spenden zu motivieren. „Die Welt ist leider schlecht genug geworden und es ist extrem wichtig, dass man dann auch was macht“, schrieb das Paar, das zusammen ein Unternehmen führt. 

Daraufhin veröffentlichte kreiszeitung.de eine Geschichte (siehe Erstmeldung unten), in der das Bassumer Ehepaar Lenz seine Gründe für die großzügige Spende darlegte. Der Bericht über die Kinderarmut während des RTL-Spendenmarathons hätte sie stark betroffen gemacht. „Es hat uns bewegt und schockiert, vor allem die Bilder von den Kindern auf der Straße“, berichtete Melanie Lenz in dem Artikel. Sie und ihr Mann erklärten, dass die Summe auch für sie groß gewesen sei, aber es sei ihnen wichtig gewesen, etwas zu tun.

Nach Facebook-Shitstorm kommen Zweifel an Spende aus Bassum 

Als sie ihre Spende dann auf Facebook mitgeteilt hätten, seien sie mit einem regelrechten Shitstorm überzogen worden. „Ihr wollt euch doch nur ins Rampenlicht rücken“, sei ihnen unter anderem von Nutzern vorgeworfen worden. Nach Veröffentlichung des Artikels bekamen die beiden hingegen viele positive, ermutigende Rückmeldungen, vor allem über Facebook. Zahlreiche Menschen lobten ihr Engagement und ihre Hilfsbereitschaft. 

Doch es meldeten sich auch Leser aus dem Umfeld bei der Redaktion, die bezweifelten, dass das Ehepaar Lenz aus Bassum über solche finanziellen Mittel verfüge, woraufhin die Redaktion Kontakt zur RTL-Stiftung „Wir helfen Kindern“ aufnahm. Die wiederum erklärte, bisher nichts bekommen zu haben. „Das ist seltsam, ich kann mir das nicht erklären“, sagt Melanie Lenz auf unsere Nachfrage. „Von unserem Konto sind 10.000 Euro abgebucht worden. Ich finde das sehr ärgerlich. Da ist man bereit, etwas zu spenden, und wird dann als Lügner dargestellt.“

Ehepaar aus Bassum spendet angeblich 10.000 Euro - und erntet Shitstorm

Erstmeldung, 6. Dezember: Bassum - Alexander und Melanie Lenz haben in ihrer Kindheit einiges durchmachen müssen und Erfahrungen gemacht, auf die sie gern verzichtet hätten. Doch diese Erfahrungen haben sie auch etwas gelehrt: Nämlich wie wichtig es ist, Hilfe von außen zu bekommen. 

Unterstützung von Menschen außerhalb der Familie zu erfahren. „Deswegen wollen wir etwas zurückgeben“, sagt Alexander Lenz. Schon seit vielen Jahren spendet er für verschiedene Projekte in der Region. Am liebsten, wenn sie etwas für Kinder tun.

Anfang des Jahres bekam die B-Jugend des TSV Bassum neue Trikots und Bälle. „Es war schön, die Augen der Jugendlichen leuchten zu sehen“, sagt Lenz. Zuvor habe er mehrere Firmen im Umfeld angeschrieben, ob sie nicht auch etwas dazugeben wollen, doch da seien keine Reaktionen gekommen. Viele meinten, dass sie schon die Ersten Herren unterstützen würden. „Das fanden wir schade, denn es ist doch schön, wenn die Jugendlichen überhaupt den Weg in einen Verein finden“, sagt Lenz, der dort selber eine Weile als Trainer gearbeitet hat. Auch in Zukunft will er den TSV unterstützen.

10.000 Euro für Spendenmarathon von RTL

Dann sahen er und seine Frau den Spendenmarathon von RTL „Wir helfen Kindern“. „Wir wussten zwar, dass es Kinderarmut in Deutschland gibt. Aber nicht, wie viele davon inzwischen betroffen sind. Es hat uns bewegt und schockiert, vor allem die Bilder von den Kindern auf der Straße“, erinnert sich Melanie Lenz.

Daraufhin haben die beiden, die in ein paar Wochen selbst Eltern werden, ein langes Gespräch geführt und am nächsten Tag eine Entscheidung getroffen: „Wir geben 10. 000 Euro. Das ist auch für uns eine große Summe, und eigentlich spenden wir lieber für etwas in der Region. Wir möchten uns vor Ort selber ein Bild machen, den Betrag persönlich übergeben und den Leuten in die Augen schauen – aber es war uns wichtig, etwas zu tun“, so Melanie Lenz.

Spende: Shitstorm auf Facebook

Sie und ihr Mann beschlossen, die Spende auf Facebook zu teilen. Nicht, um zu prahlen, sondern um auch andere zu animieren, zu helfen. „Schließlich zählt jeder Euro. Auch kleine Beträge können schon etwas bewirken“, sagt Alexander. Was dann jedoch passierte, überraschte die Eheleute – aber im negativen Sinne. Sie seien von einem regelrechten Shitstorm überzogen worden, der sie am Ende sogar dazu veranlasste, die Kommentarfunktion zu sperren. 

„Ihr wollt euch doch nur ins Rampenlicht rücken“, sei ihnen vorgeworfen worden. „Das brauchen wir nicht“, stellt Alexander klar. „Unsere Auftragsbücher sind voll. Wir wollten damit nur zeigen, dass sogar unsere Firma, die es erst seit knapp einem Jahr gibt, etwas spenden kann. Einige haben das auch so aufgenommen und selber etwas gegeben. Aber die meisten schrieben negative Nachrichten, auch Mitarbeiter von anderen Firmen, die viel größer sind als wir.“

Viel Hass und Missgunst für eine gute Tat

Das Ehepaar, das seit August in Bassum lebt, ist noch immer fassungslos, wie eine gute Tat soviel Hass und Missgunst hervorrufen kann. Als sie versuchten, sich zu erklären, sei es noch schlimmer geworden. „Ich schrieb, dass wir nur wachrütteln wollten. Daraufhin beschwerten sich einige, dass sie ja auch schon gespendet hätten. Und das ist doch auch prima. Ich weiß nicht, warum sie sich angegriffen fühlten.“

Sie hätten niemanden beleidigen wollen, sondern seien einfach der Meinung, dass jemand, der mehr hat, als er braucht, etwas geben kann – nicht nur an Feiertagen. „Es wäre schön, wenn es mehr Miteinander und Gemeinschaft gäbe, denn es gibt so viel zu tun.“

Das Paar kann sich für die Zukunft in jedem Fall vorstellen, sich weiterhin an Projekten zu beteiligen oder auch selber mal etwas auf die Beine zu stellen. „Nicht nur für Kinder, sondern vielleicht auch für Senioren“, sagt Alexander und legt den Arm um seine Frau. Aber wohl erst, wenn der eigene Nachwuchs gesund und munter Zuhause eingezogen ist.

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