Ärger in der Autowelt

„TÜV nutzt Monopol gnadenlos aus“ - Fahrlehrer üben massive Kritik an Prüfgesellschaft

Vier Fahrlehrer vor einem Fahrschulauto.
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„Wir kriegen den schwarzen Peter zugeschoben“, klagen die Fahrlehrer der Interessengruppe über den TÜV Nord. Von links: Beyhan Yeter, Hartmut Emde, Mahmoud Shehada, Michael Schallhorn und Wolfgang Belau.

Einige Fahrlehrer äußern Kritik gegenüber dem TÜV Nord. Nicht erst seit der Coronavirus-Krise sollen die Abläufe kompliziert sein. Doch nicht alle Kollegen können ihnen zustimmen.

  • Fahrlehrer Interessengruppe aus dem Landkreis Diepholz kritisieren den TÜV Nord.
  • Corona-Pandemie ist für Diepholzer Fahrlehrer nur ein „vorgeschobener Grund“ für Probleme.
  • Nicht alle Fahrlehrer in Diepholz kritisieren den TÜV Nord.

Landkreis – 14 Stunden Theorie, etwa 30 Stunden Praxis, zwei Prüfungen und schon hat man im Idealfall den Autoführerschein. Doch eine Gruppe von Fahrlehrern sagt: Das Prozedere ist – nicht nur durch Corona – ins Stocken geraten. Offenbar schwelt in der Region seit Monaten ein Konflikt zwischen einigen Fahrschulen und dem TÜV Nord, der die Führerschein-Prüfungen abnimmt.

Vor einigen Jahren mussten Fahrschulen etwa zwei Wochen auf eine beantragte Praxis-Prüfung beim TÜV warten, heute sind es oft bis zu vier, macht Wolfgang Belau es kurz. Der Bassumer betreibt zwei Fahrschulen in Bremen und ist nach eigenen Angaben seit mehr als 40 Jahren als Fahrlehrer aktiv. So was habe er noch nie erlebt, sagt er.

Seit einer Umstellung im Online-Programm „Fahrschulservice“, über das die Fahrlehrer sogenannte Prüfpunkte (ein Punkt = 15 Minuten Prüfzeit) für ihre Schüler buchen, ärgern sich Belau und seine Mitstreiter verlässlich jeden zweiten Montag um 9 Uhr. Da beginnt das, was Belau eine „Schnitzeljagd“ nennt.

Extrakosten für Diepholzer Fahrschüler

Rund 150 Fahrschulen würden sich online um die Prüfpunkte reißen. Die Folge: Zusammenhängende Termine seien nur schwer zu bekommen, die Wartezeit auf Prüftermine habe sich teils verdoppelt. Zum Nachteil der gemeinsamen Kunden von Fahrschule und TÜV: Die Schüler müssten laut Belau bis dahin nämlich weiter Fahrstunden nehmen – und würden teils bis zu 500 Euro extra zahlen.

Das sorgt für Ärger bei vielen Eltern: „Warum wurde meine Tochter immer noch nicht für die Prüfung angemeldet?“ Währenddessen andere: „Warum wurde mein Sohn schon für die Prüfung angemeldet? Er ist doch noch gar nicht so weit!“ Für Belau ist klar: „Die zielgerichtete Ausbildung ist nicht mehr gewährleistet.“

Corona-Pandemie für Dieholzer Fahrlehrer „nur eine vorgeschobene Begründung“

Die Corona-Pandemie ist dabei für Belau und seine Mitstreiter nur eine vorgeschobene Begründung. Doch eine Nachfrage bei der Regionalleitung des TÜV in Bremen zeichnet ein anderes Bild. Die Verantwortlichen rechnen anhand mehrerer Tabellen vor, vor welchen Problemen der TÜV aufgrund der Pandemie steht. Für den Zeitraum Januar bis September 2020 sei mit rund 33.000 Praxis-Prüfungen in der Region Bremen, die sich von Cuxhaven bis an die Südgrenze des Landkreises Diepholz erstreckt, kalkuliert worden. Aufgrund des Lockdowns waren es am Ende nur 28.000. Ganz anders das Bild im September: Geplant waren 3 900 Praxis-Prüfungen, am Ende waren es 4 700.

TÜV Nord holt angestaute Prüfungen nach

Jetzt gehe es darum, die angestauten Prüfungen nachzuholen. „Wir haben schon wieder einen Monat aufgearbeitet“, sagt Wolfhardt Werner, Leiter des Bereichs Fahrerlaubniswesen beim TÜV Nord.

Doch Belau und seine Mitstreiter sehen die aktuellen Probleme nicht nur in der Pandemie begründet. Die Prüfgesellschaft habe drastische Personaleinsparungen vorgenommen. „Der TÜV fährt personaltechnisch auf Messers Schneide“, so Michael Schallhorn. Er ist stellvertretender Vorsitzender des Bremer Fahrlehrerverbands und genau wie Belau Mitglied einer siebenköpfigen Interessengemeinschaft von verärgerten Fahrschul-Betreibern. Schallhorn befürchtet: „Es wird im nächsten Jahr nicht mehr ausreichend Prüfplätze geben.“

Fahrlehrer aus dem Landkreis Diepholz kritisieren zu komplizierte Abläufe beim TÜV Nord - gerade wenn es um die Führerscheinprüfung geht.

Mehr TÜV Mitarbeiter in der Region Bremen

Der TÜV widerspricht entschieden. Es gebe keine Personaleinsparungen. Im Gegenteil: Seit 2016 sei die Mitarbeiterzahl in der Region Bremen von 205 auf 250 gestiegen. „Die Personalverfügbarkeit 2021: Sie ist da!“, bekräftigt Wolfhardt Werner.

Prüfpunkte-Chaos zwischen TÜV und Fahrlehrer

Ein weiterer Kritikpunkt der Fahrlehrer: Die Prüfgesellschaft habe ihr unternehmerisches Risiko auf die Fahrschulen abgewälzt. Vor der Pandemie konnten Fahrschulen nicht benötigte Prüfpunkte – etwa wenn der Fahrschüler krank geworden ist – fünf Werktage vor dem Termin kostenfrei zurückgeben. Das sei jetzt nicht mehr möglich, so Wolfgang Belau. Fahrschulen, und damit am Ende auch die Schüler, zahlen für jede Prüfung, ob genommen oder nicht – immerhin rund 90 Euro pro Praxis-Prüfung mit dem Auto. „Der TÜV nutzt sein Monopol gnadenlos aus“, findet Michael Schallhorn.

Rückenwind kommt beim Thema Punkterückgabe von der Fahrschule Maik Beermann in Twistringen. Mitinhaberin Nadja Beermann: „Das ist das größte Unding.“ Es gebe zwar eine WhatsApp-Gruppe in der die Fahrschulen nicht benötigte Prüfpunkte untereinander tauschen würden, doch wenn das nicht klappe, müssten auch sie zahlen.

Einspruch vom TÜV. Zumindest in einem Fall würden die Punkte jederzeit erstattet: „Einen krankheitsbedingten Ausfall stellen wir keinem in Rechnung“, so Wolfhardt Werner. Die Einschränkung der Punkterückgabe solle vor allem die Planbarkeit und Zuverlässigkeit für alle Beteiligten erhöhen. Das käme bei den meisten Fahrschulen auch gut an. Viele könnten Prüfungen aufgrund guter Planungsarbeit bis zu zwei Monate im Voraus ankündigen. Allerdings sei „noch nicht jeder im Rahmen der Digitalisierung bei der Vorplanung angekommen“, kritisiert TÜV-Regionalleiter Ulrich Hajek.

Auch mit einer Umlegung des unternehmerischen Risikos auf die Fahrschulen habe die Aussetzung der Regel nichts zu tun, ergänzt Wolfhardt Werner. „Es muss für beide Seiten kalkulierbar sein.“ Zuvor habe das Risiko alleine beim TÜV gelegen. Wenn Fahrschulen die Prüfpunkte erst kurz vor dem Prüftag zurückgeben, sei es für den TÜV unmöglich, diese neu zu besetzen. Gerade mit Blick auf den Nachholbedarf durch die Pandemie sei ein solcher Leerlauf jedoch ärgerlich.

Nicht alle Fahrlehrer in Diepholz mit TÜV unzufrieden

Eine Umfrage im Landkreis Diepholz zeigt derweil, dass nicht alle Fahrschulen unzufrieden mit dem TÜV sind. „Wir kriegen da eigentlich im Moment ganz gut Termine“, berichtet Klaus Tiesing von der Fahrschule Bergmann aus Syke. Und Fahrlehrer Maik Beermann aus Twistringen bestätigt: „Wir können uns im Großen und Ganzen nicht beschweren.“

Kritiklos bleiben die anderen Fahrschulen dann aber doch nicht. Mit Blick auf die flexible Buchung von Prüfpunkten bestätigt der Betreiber einer kleinen Fahrschule aus dem Südkreis, der anonym bleiben möchte: „Es ist schon schwieriger geworden.“ Und auch Fahrlehrer Heiko Weißleder aus Barnstorf bestätigt: „Spontan geht beim TÜV gar nicht.“

Diepholzer Fahrlehrer: Schnitzeljagd nach Prüfterminen

Was aber offenbar gut klappt, sei die Buchung fester Prüfblöcke. Seit vergangenem Jahr bietet der TÜV Fahrschulen feste Prüfplätze in der Woche an – individuell, je nach Bedarf. Wer sich diese Prüfblöcke vertraglich gesichert hat, muss nicht mehr – oder zumindest nur noch selten – an der „Schnitzeljagd“ am Montag teilnehmen und um seine Termine bangen. Auf dieses Angebot sind die meisten der befragten Fahrschulen im Landkreis Diepholz eingegangen – auch die Fahrschulen Bergmann und Beermann.

Und warum buchen Wolfgang Belau und seine Mitstreiter aus der Interessengruppe nicht auch einfach feste Prüfblöcke? „Da habe ich noch nie drüber nachgedacht“, so Belau. Später sagt er, individuelle Prüfblöcke seien ihm und seinen Kollegen aber auch gar nicht angeboten worden. Stattdessen müssten er und alle anderen Fahrschulen ohne feste Prüfblöcke sich um die Rest-Termine reißen. Aber auch wenn sie das Angebot bekommen hätten: Die Fahrlehrer sehen es kritisch. Michael Schallhorn nennt die Vergabe der Prüfblöcke „wettbewerbsverzerrend“. Fahrschulen müssten mindestens alle zwei Wochen einen ganzen Tag buchen – schwierig bei kleinen Fahrschulen.

TÜV Nord: Prüfgemeinschaften möglich

Was er dabei jedoch außer Acht lässt: Laut den Durchführungsrichtlinien des TÜV Nord sind auch „Prüfgemeinschaften“ mehrerer Fahrschulen möglich. Und auch an anderer Stelle widerspricht der TÜV. Ulrich Hajek weist darauf hin, dass alle Fahrschulen über das Angebot fester Prüfplätze informiert worden seien und das auch abseits davon genügend flexible Punkte zur Verfügung stünden.

Ein Treffen von Interessengruppe und TÜV, um die Probleme aus der Welt zu räumen, scheiterte bislang an unterschiedlichen Vorstellungen eines coronagerechten Zusammenkommens. Doch an einer Stelle sind sich die Streit-Parteien einig. „Wir wollen ja einen Weg finden, wir wollen ja reden“, heißt es von den Fahrlehrern. Und vom TÜV: „Die Bereitschaft, sich auszutauschen, ist immer da gewesen. Wenn das berechtigte Kritik ist, sind wir die Letzten, die das nicht aufnehmen.“

Von Luka Spahr

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