Sandabbau genehmigt

Bedeutsame Schätze schlummern in Stühren: Archäologen entdecken 50 Brandgräber

Die dunklen Kreise auf dieser Luftaufnahme sollen laut Wulf auf Funde im Boden hinweisen.
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Die dunklen Kreise auf dieser Luftaufnahme sollen laut Wulf auf Funde im Boden hinweisen.

Im Boden rund um Stühren schlummern seit Jahrhunderten, wenn nicht sogar seit Jahrtausenden bedeutsame archäologische Schätze. Dem Landesamt für Denkmalpflege Hannover (Referat Archäologie) wäre es am liebsten, sie würden dort auch weiterhin schlummern.

Stühren – „Denn alles, was im Boden bleibt, ist geschützt, und Schutz ist das Wichtigste für uns“, erklärt der Referatsleiter Friedrich Wilhelm Wulf. Doch das Gebiet gehört, wie bereits mehrmals berichtet, zum Vorranggebiet Sandabbau. Ohne Sand geht nichts in der Baubranche, weder im Haus- noch im Straßenbau. Die Firma Meyer und Schreiber aus Stuhr hat die Genehmigung, dort Sand abzubauen. Dieser Abbau aber würde laut Wulf die Schätze unwiderruflich zerstören. Deshalb untersuchen nun Archäologen das Gelände, bevor der erste Bagger anrollt. Und zwar Stück für Stück.

„Wir haben uns von Anfang an in die Planung eingebracht, weil wir um die Bedeutsamkeit des Gebietes wussten“, erklärt Wulf die Historie. Im Bereich „Sieben Berge“ bei Stühren, wie das Gebiet genannt wird, sei unbedingt mit Funden zu rechnen. „Das Hügelgrab dort gehört zu den bedeutendsten im nordwestlichen Niedersachsen“, so Wulf.

Brandgräber in Bassum-Stühren: Teile in den 50er-Jahren durch Unwissenheit zerstört

Leider seien Teile in den 50er-Jahren durch Unwissenheit bei der Kultivierung – also durch die Umwandlung von Wald in Ackerland – zerstört worden. „Wir haben bereits in den 90er-Jahren westlich das Ackerland untersucht und Reste von Hügeln entdeckt“, so der Archäologe. Er geht davon aus, das alle Hügel zusammengehören. Sie seien Ende der Jungsteinzeit – etwa 2000 vor Christus – angelegt worden.

In der Bronzezeit – 1400 vor Christus – sei der große Hügel erhöht worden, so die Forscher. Ringsum in den Wäldern seien weitere, kleinere Hügel erhalten. „Wir haben Luftbilder erhalten, unter anderem von Ehrenamtlichen“, so Wulf. Auf diesen seien eindeutig Hinweise zu sehen, dass weitere Relikte im Boden schlummern.

Analyse der Kohle und Knochenfunde mit C14-Methode

„Von Anfang an war also klar, dass dort im Falle irgendwelcher Funde oder Bodenbearbeitung, diese archäologisch zu untersuchen sind – und dass es dafür zeitlichen Vorlauf gibt“, erklärt Wulf. Die Kosten für die Untersuchung muss im Übrigen der Auftraggeber zahlen, in diesem Fall das Sandabbauunternehmen.

Wobei auch das Landesamt in die Tasche greift – unter anderem für weiterführende Untersuchungen. Einige Kohle und Knochenfunde werden derzeit mithilfe der sogenannten C14-Methode analysiert. „Da kostet eine Probe 300 Euro“, so Wulf. „Das zahlen wir.“

Die Grabung vor Ort wird durch das Unternehmen „Archäologische Dienstleistung Blanck“ aus Bruchhausen-Vilsen betreut.

In einem ersten Teilbereich seien Sondage-Schnitte vorgenommen worden – sogenannte Probeschnitte. Diese sind vier Meter breit und finden sich in Abständen von 20 Metern. Gefunden wurden unter anderem Reste einer eisenzeitlichen Siedlung. „Mit Hausgrundrissen und Gruben“, so Wulf. Östlich des Hügelgrabs wurden zudem mehr als 50 Brandgräber entdeckt. Die genaue Analyse der Radio-Carbonmethode stehe noch aus. Die Archäologen vermuten, dass es sich um ein durchgehendes Gräberfeld handelt, das dort seit Ende der Jungsteinzeit existieren könnte.

Brandgräber in Bassum-Stühren: Für Funde gilt Meldepflicht

„Wir haben die Firma gebeten, nicht die gesamte Fläche zu bearbeiten. Der Grabhügel sollte unbedingt erhalten bleiben“, so Wulf. Er geht davon aus, dass die Untersuchungen noch längere Zeit in Anspruch nehmen. Das treibe die Kosten für den Abbauer in die Höhe. Aber: „Wir können die Fläche erst freigeben, wenn wir alles Stück für Stück untersucht haben.“ Und selbst dann besteht die große Gefahr, dass Funde übersehen werden können.

Wobei Wulf auch betont: „Für alle Funde gilt eine Meldepflicht, für den Fall, dass beim Abbau Relikte zum Vorschein kommen.“ Sonst drohen Ordnungsgelder. „Wir hoffen da sehr auf das Verantwortungsbewusstsein der Auftraggeber.“ 

Bei dem Gedanken an den Abbau aber blute ihm das Herz. Selbst jede Ausgrabung sei in seinen Augen eine Zerstörung. „Sehen Sie, vor zehn bis 20 Jahren hatten wir noch ganz andere Möglichkeiten, Funde zu dokumentieren. Früher hat man Knochen, die gefunden wurden, weggeworfen. Heute haben wir die Möglichkeit, sogar DNA-Analysen zu machen. Wer weiß, welche Möglichkeiten in zehn Jahren existieren? Vielleicht könnten die Funde ganz anders facharchäologisch geborgen werden.“

Relikte in Stühren: Zusammenhang mit dem Goldschatz in Gessel ?

Was die Relikte im Boden noch brisanter macht, ist, dass laut Wulf ein Zusammenhang mit dem Goldschatz in Gessel durchaus möglich sein könnte. Der Fund ist sieben Kilometer von Stühren weg. Wulf erinnert sich daran, dass die Archäologen damals ein Handyfoto erhalten hatten. Es  waren grüne Bronzepartikel zu sehen. Sonst gar nicht viel. „Wir haben uns sofort auf den Weg gemacht.“ Nach dem Fund hätten sich die Forscher gefragt: Was macht ein Schatz, was macht so viel Gold wie in ganz Schleswig-Holstein zusammen, ausgerechnet an dem Ort? War da jemand unterwegs nach Stühren, weil es dort eine Siedlung gab? Das macht das Ganze noch schlimmer.“

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