Porträt

Seit 17 Jahre Arbeitsgruppe Sternenkinder: Daniela Denker hilft in Not

Vor 17 Jahren hat Daniela Denker die Arbeitsgruppe Sternenkinder mitgegründet. Ihr Bedürfnis ist, betroffenen Eltern zu helfen.

Bassum – „Ich habe das Bedürfnis, mich diesen betroffenen Menschen zuzuwenden und nicht abzuwenden“, sagt Daniela Denker. Sie spricht von Menschen, die ihr Kind während der Schwangerschaft verloren haben. Die 52-Jährige ist Krankenschwester und hat bis zur Schließung der Gynäkologie- und Wochenstation 2011 im Bassumer Krankenhaus gearbeitet. Seitdem ist sie in der Chirurgie tätig. 2008 hat sie eine Palliative Care Weiterbildung gemacht und 2013 eine Weiterbildung zur Trauerbegleiterin im Bremer Verein Verwaiste Eltern.

Für jedes Kind sollte es einen würdigen Ort geben, findet Daniela Denker. Sie hat 2003 die Arbeitsgruppe Sternenkinder im mitgegründet.

Zusammen mit damaligen Krankenhausseelsorgern, Hebammen, zwei Kollegen aus ihrer Station und zwei Gynäkologinnen hat Denker vor 17 Jahren die Arbeitsgruppe Sternenkinder gegründet. Dazu bewogen hatte sie eine Situation nach ihrem Examen, die ihr in Erinnerung geblieben ist: „Ich wurde mit einem betroffenen Paar alleingelassen.“ Der Arzt informierte die betroffenen Eltern und ließ sie dann zurück. Denker war erst 20 Jahre alt. „Ich konnte damit nicht umgehen“, erzählt sie.

„Als Sternenkinder bezeichnet man Kinder, die das Tageslicht nie gesehen haben. Sternenkinder kennen nur das Dunkle nicht das Helle, nicht das Leben“, erzählt sie. Sie spricht von Tot- und Fehlgeburten.

Sternenkinder: Bestattungspflicht erst ab 500 Gramm Körpergewicht

Laut Personenstandsgesetz werden erst Kinder ab 500 Gramm erfasst. Erst dann sind sie bestattungspflichtig. „Und alles, was drunter ist, ist nichts.“ Denker legt sich eine Eichel in ihre Handfläche. „In der neunten oder zehnten Woche sind sie so groß . Aber an dem kleinen Embryo ist alles dran: Augen, Arme, Beine.“

Das Unvermögen, mit den Frauen umzugehen, habe Denker immer beschäftigt und sie dazu bewogen, diese Arbeitsgruppe zu gründen, erzählt sie. Frauen könnten in solch einer Situation nicht alleingelassen werden. „Man kann nicht sagen, die Kinder sind nichts. Die Liebe ist dieselbe wie bei Kindern, die lebend geboren werden. Es entsteht eine Bindung. Nur weil ein Kind stirbt, heißt es nicht, dass man keine Bindung aufgebaut hat“, betont die 52-Jährige. „Das hier hat hier etwas gemacht“, sagt Denker, zeigt auf die Eichel und hält sie sich an ihr Herz.

Ihre Intention, als sie die Arbeitsgruppe Sternenkinder gegründet hat? „Dass Kinder einen würdigen Ort finden. Einen Ort, wo sie existent gemacht werden und wo Eltern trauern können.“ Für ihr Engagement hat Denker kürzlich die Ehrenmedaille der Stadt Bassum erhalten.

2003 hat die Arbeitsgruppe von der Kirchengemeinde eine Grabstelle auf dem Bassumer Friedhof zur Verfügung bekommen. Im selben Jahr war dort die erste Beisetzung. Bei der Grabstelle befindet sich eine Skulptur: „Mutter und Kind“, die ein afrikanischer Bildhauer gefertigt hat. Denker ist regelmäßig dort. „Ich kümmere mich um die Grabstelle.“ Sie erzählt, dass die Stelle häufiger besucht wird. „Es sind mal andere Teddys und frische Blumen da.“ Zweimal im Jahr wurden die Jungen und Mädchen dort beigesetzt. „80 Einzelschicksale gab es in einem halben Jahr im Landkreis Diepholz.“

Daniela Denker: „Bundesweit“ zu wenig Anlaufstellen für Frauen

Trauerfeiern für die Sternenkinder gibt es nicht mehr. Seit vor neun Jahren die Geburtsstation geschlossen wurde, müssen die Frauen woanders hinfahren, „weil es hier keine Möglichkeit mehr gibt“. Die nächsten Geburtshilfen sind in Vechta und Bremen.

Auf der Gynäkologie- und Wochenstation war Denker für die Frauen da. Viele seien aber nicht lange geblieben. „Viele können es nicht ertragen, wenn lebende Kinder geboren werden oder sie glückliche Paare sehen“, erklärt Denker. Sie findet, dass es zu wenig Anlaufstellen für Frauen gibt. „Bundesweit“, betont sie. „Wir haben auch versucht, einen Gesprächskreis zu gründen.“ Das Angebot wurde jedoch nicht angenommen.

Wie sie es sich erklärt? Es sei noch immer ein Tabuthema. „Sterben, Tod, Trauer ist generell behaftet mit Berührungsängsten“, begründet die Krankenschwester. „Du bist doch noch jung“ – So einen Spruch müssten sich Frauen nach solch einem Erlebnis anhören. Wie sie den Frauen hilft? Indem sie für sie da ist. „Man muss nicht immer Worte finden, stilles Dasein ist manchmal wichtiger.“ Wie sie es schafft, mit dem Thema umzugehen? „Man muss ein Stückchen weit mitgehen. Es braucht Menschen, die das tun. Ich investiere Energie, aber es kommt auch wieder eine andere Zeit, wo es leichter ist.“

Für Denker ist das Thema noch genauso wichtig wie damals: „Es tut mir total weh, dass Frauen im Landkreis nicht begleitet werden können. Das Thema ist nach wie vor noch meins.“ Denker ist Mitglied bei dem Verein Sterneneltern Achim. Das ist eine gute Anlaufstelle, findet sie. „Die sind für Betroffene und Angehörige da. Auch Hebammen im Landkreis übernehmen einen erheblichen Anteil an der Betreuung.“

Rubriklistenbild: © Lara Terrasi

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