Lese-Rechtschreib-Schwäche

Angst vor der Schule wegen Lese-Rechtschreib-Schwäche – Landkreis lehnt Therapie ab

Olaf und Reena Eckhoff aus Albringhausen
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Große Hürden bei der Bewilligung von Lerntherapien sind Olaf und Reena Eckhoff bereits in Zusammenhang mit ihrem älteren Sohn bekannt, der ebenfalls unter einer Lese-Rechtschreib-Störung litt.

Neunjähriger Sohn der Eckhoffs klagt über Bauchschmerzen. Er will nicht zur Schule. Gutachten zeigt Lese-Rechtschreib-Schwäche. Doch Landkreis lehnt Förderung ab.

Albringhausen – Es war im Herbst vergangenen Jahres, als Olaf und Reena Eckhoff merkten: Irgendetwas stimmt bei ihrem Sohn nicht. Jeden Abend vor der Schule klagte der Neunjährige über Bauchschmerzen, jeden Morgen kullerten schon am Frühstückstisch die Tränen. Der Drittklässler sagte, er wolle nicht in die Schule. Die Eltern hatten einen Verdacht, der sich schließlich bestätigte:

Ihr Sohn hat eine Lese-Rechtschreib-Störung (LRS). Sie wandten sich an das Jugendamt in Diepholz für eine Lerntherapie. Doch dort hieß es: Der Junge habe keine Angst vor der Schule, sondern vermutlich davor, das Elternhaus in Albringhausen zu verlassen. Olaf und Reena Eckhoff sind fassungslos.

Bereits der elf Jahre ältere Bruder des Neunjährigen hatte mit einer LRS zu kämpfen. Auch hier setzten sich die Eckhoffs damals für eine Lerntherapie ein – mit Erfolg. „Das hat ihm unheimlich schnell geholfen“, blickt Olaf Eckhoff zurück. Sein Sohn bekam wieder Lust auf Schule und die Bauchschmerzen, die auch ihn quälten, verschwanden.

Doch jetzt zeigen sich die gleichen Probleme bei dessen jüngerem Bruder. Damit der Landkreis auch für ihn eine Lerntherapie finanziert, ist laut Sozialgesetzbuch ein kinderpsychologisches Gutachten über die Krankenkasse nötig. Mehrere Tage lang absolvierte der Neunjährige daraufhin verschiedene Tests in einer Praxis, dann stand das Ergebnis fest: Der Junge hat zwar eine überdurchschnittliche intellektuelle Leistungsfähigkeit, dafür aber eine unterdurchschnittliche Lese- und Rechtschreibleistung. Die Kriterien für eine LRS sind erfüllt. Auf mehreren Seiten hält die Gutachterin fest, dass der Drittklässler durch die Krankheit ein mangelndes Selbstbewusstsein entwickelt habe und sich selbst als „dumm“ bezeichne. Er zeige aufgrund der häufigen Misserfolge immer weniger Lust und Motivation, zur Schule zu gehen. Es drohe eine sogenannte „seelische Behinderung“.

Die Psychologin empfiehlt abschließend einen Nachteilsausgleich in der Schule, etwa mehr Zeit zum Lösen von Aufgaben oder die Aussetzung von Rechtschreibnoten. Außerdem brachte sie laut Olaf Eckhof ein therapeutisches Gruppenangebot ins Spiel, bei dem Kinder im Bereich Lesen und Schreiben gefördert werden.

Erster Termin im Jugendamt verlief „komisch“

Das psychologische Gutachten reichten Eckhoffs beim Jugendamt ein. Doch bereits das erste Gespräch dort sei „komisch“ verlaufen, berichtet der Familienvater. Auf einmal schien das Gutachten kaum mehr Bedeutung zu haben. Die Mitarbeiter hätten gefragt, ob für die Eltern auch Alternativen zur Lerntherapie in Frage kämen, sollte diese abgelehnt werden. Olaf Eckhoff sagt: „Das Gefühl war: Da geht die Reise hin.“ Dabei hätten „wichtige Ergebnisse“ noch gar nicht vorgelegen, wie er später in einem Schreiben an den Landkreis bemängelt.

Konkret hatte das Jugendamt nämlich noch ein pädaudiologisches Gutachten angefordert, eine Untersuchung des Hörvermögens von Kindern. Das erste psychologische Gutachten hatte nahegelegt, dass der Neunjährige Probleme beim Verstehen von Wörtern haben könnte.

In der Zwischenzeit holte das Jugendamt weitere Informationen ein. Zwei Mitarbeiterinnen hätten zwanzig Minuten mit dem Kind gespielte und dann attestiert „Der ist ja ganz offen.“ Olaf Eckhoff irritiert das: „Die kennen ihn doch gar nicht.“ Später schreibt er an einem Brief an den Landkreis, dieser könne nicht ernsthaft glauben, dass der Junge „zwei fremden Frauen sein Seelenleben in 20 Minuten offenlegen wird“. „Seinen Leidensdruck zeigt er hoffentlich nicht innerhalb kürzester Zeit fremden Personen.“

Neben Gesprächen mit den Eltern und dem Jungen kontaktiert das Jugendamt auch seine Lehrerin an der Grundschule Petermoor in Bassum. Die berichtet teils von schlechten schulischen Leistungen, jedoch einer guten Integration in die Klassengemeinschaft. Von Bauchschmerzen wisse sie nichts. Die Eltern sagen: Ihr Sohn wurde mit seinen Schmerzen „nicht ernst genommen“ und berichte der Lehrerin seitdem nicht mehr davon. Zudem wolle er „unter keinen Umständen auffallen oder Ärger machen“.

In einem Schreiben vom 14. Juni 2021, das der Redaktion vorliegt, teilt das Jugendamt den Eltern schließlich mit, dass man vorhabe, den Antrag abzulehnen. Auch wenn das Gutachten eine LRS festgestellt hat und damit alle gesetzlichen Kriterien für eine Förderung gegeben sind, stellt der Landkreis klar: „Allein die ärztliche Diagnose kann nicht zwangsläufig zu einer Leistungsbewilligung führen.“

Auf Nachfrage der Kreiszeitung beruft sich die Behörde auf den Gesetzeskontext und unterstreicht, die Einschätzung einer Teilhabebeeinträchtigung obliege „der Einschätzung der sozialpädagogischen Fachkräfte des Jugendamtes“.

Mutter hatte 2018 schweren Herzinfarkt

Im weiteren Verlauf des Schreibens legt der Landkreis den Fokus zudem auf einen anderen Aspekt. 2018 hatte Reena Eckhof einen schweren Herzinfarkt und fiel für zehn Tage ins Koma. Es war unklar, ob sie je wieder aufwachen wird. Der fünffache Familienvater nennt diese Zeit heute „den Zusammenbruch“ und gesteht: „Ich konnte die Kinder gar nicht richtig versorgen.“ Er bat beim Jugendamt um Unterstützung in Form einer Haushaltshilfe – erfolglos. Wie er die Zeit am Ende gemeistert habe, bis klar war, dass seine Frau überleben wird? „Ich habe funktioniert.“

Seit diesem Zwischenfall, sagt das Jugendamt mit Verweis auf Aussagen der Eltern, sei die Anhänglichkeit des Jungen größer geworden. Er vergewissere sich oft, wo seine Eltern seien, breche in Tränen aus, wenn sie nicht da seien. Dort, so das Jugendamt, könne auch die Ursachen für die Bauchschmerzen liegen, wenn er das Haus verlassen muss, denn: „Aus fachlicher Sicht sind die Bauchschmerzen nicht im kausalen Zusammenhang mit der LRS zu sehen, da diese nicht in direktem Bezug zum Unterrichtsfach Deutsch und seinen Rechtschreibleistungen stehen.“ Vielmehr empfehle das Jugendamt, den Jungen „therapeutisch anzubinden“, um zu klären, warum er ungern das Haus verlasse.

Bei diesen Aussagen sei ihm „die Spucke weggeblieben“ und er mache sie „wütend und ohnmächtig“, schreibt der 52-Jährige später. Abgesehen davon, dass Rechtschreibung nicht nur im Fach Deutsch erforderlich sei, versteht er nicht: Soll das Kind erst fünf Minuten vor dem Fach Deutsch Bauchschmerzen bekommen? Für Eckhoffs ist klar: Der Junge hat Bauchschmerzen wegen der Schule und kein „therapeutisches Problem“.

Eckhoffs antworten dem Landkreis und erheben neben den genannten Punkten weitere Vorwürfe: Das Jugendamt habe das geforderte pädaudiologische Gutachten gar nicht abgewartet (was zum Glück unauffällig war), und: „Sie legen hier Hürden auf, die gar nicht erreichbar sind oder drehen das Ganze so hin, wie es für das Jugendamt am besten passt.“

Lerntherapeutin bemängelt Hürden

Eine Aussage, die in Teilen auch Thekla Eilers bestätigt. Sie ist die ehemalige Lerntherapeutin vom älteren Bruder des Neunjährigen. Und sie bestätigt: „Da sind sehr, sehr große Hürden eingebaut.“ Das sei problematisch, weil im Falle einer LRS eigentlich schnelle Unterstützung erforderlich sei.

„Wir haben sehr viele Kinder, die still und leise leiden“, erklärt die Bassumerin. Die seelische Bedrohung und die Teilhabebeeinträchtigung betreffe diese unauffälligen Kinder jedoch genauso wie die auffälligen Systemsprenger. Da sei es für sie nicht nachvollziehbar, wenn Gutachten von anerkannten Fachkräften infrage gestellt würden.

Mit Blick auf eine LRS erklärt sie: „Das sind Auffälligkeiten, wo die Schule kaum drauf eingehen kann.“ Einerseits würden Nachhilfe oder Förderunterricht nur wenig bewirken, wenn Grundlagen wie Aussprache oder Hörverstehen beeinträchtigt seien, andererseits zeigt ein weiterer von Eckhoffs kritisierter Punkt ein großes Problem auf: Fachkräftemangel.

Faktisch finde für seinen Sohn kein Förderunterricht in der Schule statt, schreibt Olaf Eckhoff in seinem Brief an den Landkreis. Er übt in diesem Zusammenhang deutliche Kritik an der Grundschule Petermoor in Bassum, die laut Leistungskatalog eigentlich eine Förderung in diesem Bereich anbiete.

Zu wenig Förderlehrer an Schulen

Eine Nachfrage bei der Grundschule bestätigt Olaf Eckhoffs Eindruck. „Es gibt einfach zu wenig Förderlehrer“, fasst Konrektorin Sara Bauer das Problem knapp zusammen. So habe die Schule nur eine Förderlehrerin. Wenn ihre Arbeitskraft nicht ausreiche, schaue die Schule, welches Kind am ehesten weniger Förderunterricht verkrafte. „Das ist total doof. Wir sind auch absolut unzufrieden mit der Situation“, betont Bauer. Aber: Der Arbeitsmarkt sei wie leergefegt – und es werde schlimmer.

Stand heute wird der Neunjährige weder in der Schule noch über eine Lerntherapie in Bezug auf seine LRS umfangreich unterstützt.

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