Streitpunkt Kommunikation

Hella von Beckerath: „Alleingelassen, trotz der Bitte um Hilfe“

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„Gut miteinander leben“: Slogan des Landkreises Diepholz unter dem Hinweisschild zum Jobcenter in Syke.

Landkreis   Diepholz - Von Katharina Schmidt. Hella von Beckerath aus Bassum fühlt sich vom Jobcenter des Landkreises im Stich gelassen. Sie wirft der Behörde vor, nicht respektvoll mit den Sorgen und Nöten Hilfesuchender umzugehen.

Im Januar 2017 hat die Kunsthandwerkerin aufstockendes Arbeitslosengeld II beantragt, weil ihre Einnahmen durch den Verkauf ihrer Werke auf Wintermärkten nicht reichten. Seitdem wartet sie eigenen Angaben zufolge auf Hilfe.

Doch von Anfang an: Das Jobcenter lehnte von Beckeraths Antrag auf Aufstockung ab. Die Bassumerin sagt, dass dies einem Bearbeitungsfehler geschuldet sei. Deshalb habe sie mithilfe des Sozialverbands (SoVD) Widerspruch eingelegt – und daraufhin einen Brief vom Jobcenter erhalten, dass die Sache bearbeitet würde. 

Danach hörte die Selbstständige eigenen Aussagen zufolge lange nichts mehr von der Behörde. Erst habe sie sich Geld geliehen, dann versucht, die Überziehung ihres Kontos durch Mehrarbeit auszugleichen. „Das führte im Mai 2017 zu einem totalen Zusammenbruch, der mit einem dreimonatigen Krankenhausaufenthalt endete.“

Private Versicherung griff ein

Zwischenzeitlich griff eine private Krankentagegeld-Versicherung. Als diese aufgrund eines Fehlers einer Assistenzärztin beim Ausfüllen eines Formulars vorübergehend nicht zahlte, wandte von Beckerat sich erneut ans Jobcenter und beantragte Heizkostenbeihilfe, um Weihnachten nicht im Kalten sitzen zu müssen. „Vom Jobcenter hörte ich nichts.“ Die mangelnde Kommunikation ist einer der Punkte, der sie am meisten stört.

Mittlerweile, über ein Jahr nach ihrem ersten Antrag, hat von Beckerath vom Jobcenter Antworten bekommen – aber auf die Klärung des Falls oder finanzielle Hilfe wartet sie noch immer. Sie hat beim Sozialgericht Klage gegen Untätigkeit (siehe Infokasten) eingereicht und eine Anwaltskanzlei eingeschaltet.

Das Jobcenter des Landkreises äußert sich „im wohlverstandenen Kundeninteresse“ grundsätzlich nicht öffentlich zu Details aus Leistungssachen seiner Kunden. Geschäftsführer Harald Glüsing kommentiert die Angelegenheit auf Anfrage wie folgt: „Ich war selbst schon langzeitarbeitslos, habe infolgedessen Leistungen zum Lebensunterhalt in Anspruch nehmen müssen und weiß nur zu gut, was das bedeutet.“ 

Er habe Verständnis dafür, dass Verärgerung entstehen kann, wenn die Antragsbearbeitung längere Zeit in Anspruch nehme und es keine Zwischennachricht gebe. „Dies zu gewährleisten ist – gerade auch im Hinblick auf die sehr hohe Arbeitsbelastung der Mitarbeiter im Jobcenter – eine stetige Herausforderung, an der immer gearbeitet werden muss und auch wird.“

Schwierigkeiten im Einzelfall

Darüber hinaus komme es auf Schwierigkeiten im Einzelfall an. „Zum Teil sind tatsächliche Verhältnisse eher aufwendig zu ermitteln – etwa weil umfangreiche Unterlagen zu bewerten sind oder weil der Sachverhalt wegen unterschiedlicher beziehungsweise widersprüchlicher Angaben zu den Tatsachen nicht eindeutig dargestellt ist“, so Glüsing.

Von Beckeraths ist überzeugt: „Ich habe alles zur Sprache gebracht, was bei mir in Zusammenhang mit dem Antrag stand.“ Sie vermutet, dass der Knackpunkt sei, dass sie ihrer Mutter monatlich Geld überweise – im Gegenzug dafür, dass die das kleine Haus, in dem sie wohnt, einst von ihr bekommen hat. Der Betrag sei niedriger als eine ortsübliche Miete, so die Bassumerin.

„Ich will mich nicht in eine Rolle drängen lassen, die keinem Bürger dieses Landes zusteht, in eine endlose Warteschleife, irgendeiner Willkür ausgeliefert, alleingelassen trotz der Bitte um Hilfe“, so von Beckerath. „Ich bin eine ältere Dame, habe meinen Beitrag zu dieser Gesellschaft geleistet, Kinder erzogen, Steuern gezahlt und mir nichts zuschulden kommen lassen“, sagt sie.

„Wie ich es bisher geschafft habe? Durch Minimierung der Kosten, Strapazierung der Geduld derer, denen ich Geld schuldig blieb und mit Hilfe von Freunden, die mir Lebensmittel schenkten. Und mit meinem eigenen – leider sehr kleinen Garten“. Für Kleidung sei seit Jahren kein Geld mehr da.

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