„Aggressiv und empathielos“

Kindergartenkinder schauen immer öfter Filme, die sie überfordern

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Kinder sehen einen Film, der für ihr Alter nicht geeignet ist. Selbst Kindergartenkinder schauen oft schon brutale Filme - und es werden mehr, findet Hannelore Roitsch-Schröder. 

Bassum - Von Julia Kreykenbohm. Da bekam die Kollegin von Hannelore Roitsch-Schröder, Kindergartenleiterin im Kinder-Reich, große Ohren, als der etwa fünfjährige Junge von dem Film erzählte, den er angeschaut habe. Ein gruseliger Clown sei darin vorgekommen, der Kinder fresse. Die Rede war von Stephen Kings „Es“, der ab 16 Jahren freigegeben ist.

„Schlimm war nicht nur, dass er ihn gesehen hatte, sondern auch, dass es für ihn schon normal zu sein schien“, erinnert sich Roitsch-Schröder. Als sie daraufhin die Eltern des Jungen ansprach, bekam sie zu hören: „Es ist doch nur ein Clown.“ Von Einsicht keine Spur.

Leider kein Einzelfall, weiß die Kindergartenleiterin, sondern eine schleichende Entwicklung. Immer mehr Kinder schauen offenbar Filme, die nicht für sie geeignet sind. Sie sehen sie im Fernsehen, aber auch auf dem Smartphone, das sie besitzen oder von den Eltern zum Zeitvertreib in die Hand gedrückt bekommen. „Ich habe mal eine Zweijährige gesehen, die mit dem Handy ihrer Mutter spielte.“ Roitsch-Schröder erinnert sich auch noch an einen ebenfalls Fünfjährigen, der Jurassic Park mit seinem Vater geschaut hat. „Die Geschichte hat er gar nicht verstanden, aber die Bilder haben ihn geängstigt, denn er hielt sie für Realität.“

Dass sei ein Problem, das vielen Eltern anscheinend nicht bewusst ist: In dem Alter kann der Nachwuchs noch nicht zwischen Fiktion und Realität unterscheiden. Zudem sind sie mit den oft brutalen Szenen völlig überfordert.

Das zeigt sich auch in ihrem Verhalten. „Die Kinder lernen, dass Gewalt normal ist und integrieren sie in ihren Alltag. Sie werden empathielos und aggressiv. Bekommen sie ihren Willen nicht, rasten sie aus, schlagen andere Kinder und Erzieherinnen oder werfen mit Gegenständen“, so die Kindergartenleiterin.

„Was man sieht, wirkt stärker“

Dass auch in Büchern Gewalt vorkommt, beispielsweise in Märchen, ist für Roitsch-Schröder kein Argument: „Was man sieht, wirkt stärker und die Fantasie lässt nur zu, was das Kind verkraften kann.“

Ein weiterer Punkt sei die Botschaft, die die Kinder beim Anschauen der Filme mitnehmen. „In dem Alter sollen Kinder Vertrauen aufbauen und das klappt zum Beispiel, in dem sie in den Filmen sehen, dass das Gute am Ende siegt. Dann ist die Welt für sie in Ordnung. So entwickeln sie Sicherheit.“ Filme, in denen – wie in „Es“ – Kinder sterben oder – wie in Jurassic Park – auch Unschuldige umgebracht werden, machen ihnen Angst.

Sprechen Roitsch-Schröder und ihre Kolleginnen die Eltern an, würden die meist verharmlosen: „Das war doch gar nicht so schlimm“ oder „Es gab auch witzige Stellen“ seien oft Antworten.

Gedankenspiel Aufklärungskampagne

Roitsch-Schröder wünscht sich, dass die Eltern sensibler an das Thema herangehen und den Fernseher nicht als „Aufpasser“ für ihre Kinder missbrauchen. „Gerade im Kindergartenalter sollten sie viel draußen sein, um die Welt kennenzulernen. Wir erleben Kinder, die unvorbereitet durch die Gegend laufen und nicht gelernt haben, ihre Sinne zu benutzen.“ Außerdem werde auf diese Weise die Kommunikation gefördert, die bei dem Flimmerkasten eine Einbahnstraße ist.

Roitsch-Schröder spielt mit dem Gedanken, eine Aufklärungskampagne zu dem Thema zu starten. „Wir dürfen nicht die Augen davor verschließen. Jedes Jahr sind wir über die Ergebnisse der Einschulungsuntersuchung entsetzt. Auch die Ärztinnen dort sind erschrocken, wie viel die Kinder in dem Alter schon fernsehen.“

Dabei sollte das ein Highlight des Tages sein, findet die Kindergartenleiterin. Vorher sollten Eltern mit ihren Kindern absprechen, was sie schauen dürfen und den Apparat dann wieder ausschalten. „Es ist auch gut, wenn Eltern gemeinsam mit ihren Kindern schauen, um hinterher darüber zu reden oder Fragen zu der Geschichte zu beantworten.“

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