Wolfs-Experte Frank Fass räumt auf mit Mythen um das Wildtier

„Wir stehen nicht auf ihrem Speiseplan“

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Symbolbild

Barnstorf - Von Anke Seidel. Furcht und Faszination rund um den Wolf: Im hoffnungslos überfüllten Saal des Barnstorfer Hotels Roshop räumte der Wolfsexperte Frank Fass am Dienstag auf mit den Mythen rund um das Wildtier, das sich offensichtlich einen Lebensraum im Landkreis Diepholz geschaffen hat. Vor allem aber erläuterte er besorgten Schäfern und Nutztierhaltern Möglichkeiten zum Schutz ihrer Herden.

Genau das war den ehrenamtlichen Wolfsberatern und dem Landesschafzuchtverband wichtig. Sie hatten Frank Fass (Leiter des Wolfcenters Dörverden) als Referenten eingeladen, weil er zugleich ausgewiesener Herdenschutzfachmann ist. Fass präsentierte Fakten, Zahlen sowie die „Richtlinie Wolf“ und beantwortete ebenso geduldig wie gradlinig die nicht enden wollenden Fragen der Zuhörer – fast vier Stunden lang.

„Der Wolf ist strengstens geschützt!“, nannte Fass ein elementares Faktum. So streng, dass selbst einem schwer verletzten Wolf nach einem Unfall nicht der erlösende Fangschuss gesetzt werden darf: „Dafür kann man ins Gefängnis kommen!“ Erlösen dürfe das Tier nur ein hinzugerufener Amtstierarzt.

Wölfe seien hochsoziale Tiere, erklärte der Experte: „Nicht ohne Grund stammt der Hund, der es ja sogar bis in manches Ehebett schafft, vom Wolf ab.“

Engagiert in Sachen Wolf und Herdenschutz: Frank Fass.

Was aber, wenn ein Wolf – wie möglicherweise im Drebber Moor – immer wieder nur Schafe reißt? „Entwickelt er sich zu einem solchen Beutespezialisten, dann darf das Umweltministerium verfügen, dass dieser Wolf aus der Natur genommen wird“, so Fass. Will heißen: Allein das Ministerium darf nach unzweifelhafter Beweislage einen Wolf zum Abschuss frei geben – selbstverständlich auch dann, wenn ein Wolf Menschen gefährden würde. Doch das hält Fass für absolut abwegig: „Wölfe sind an Menschen nicht interessiert. Wir stehen nicht auf ihrem Speiseplan!“, bewies der Wolfsexperte mit Zahlen: In 60 Jahren habe es in Europa fünf Übergriffe von tollwütigen Wölfen auf Menschen sowie vier Übergriffe auf Kinder gegeben: „Das sind extreme Ausnahmen!“ Fass warnte ausdrücklich davor, Wölfe anzufüttern und so – fatalerweise – an den Menschen zu gewöhnen.

Und: Die Wildtollwut sei bekämpft, komme in der Natur nicht mehr vor. Sorge vor einer Überpopulation von Wölfen müsse niemand haben, denn allein zwei Elterntiere würden ein Territorium zwischen 20000 und 30000 Hektar besetzen – und streng mit Kot und Urin markieren, also gegen andere Wölfe abgrenzen. Ihr Nachwuchs würde nach der Geschlechtsreife abwandern und sich ein neues Territorium suchen, sagte Fass – und schlussfolgerte: „Deutschland wird nie mehr wolfsfrei sein!“ Er zeigte sich überzeugt davon, dass Wölfe in einigen Jahrzehnten wieder zum Abschuss freigegeben werden – wann, sei allerdings völlig offen: „Der Gesetzgeber will erstmal, dass ein günstiger Erhaltungsstand der Wolfspopulation geschaffen wird.“ Die Zuhörer erfuhren, dass es für eine Abschussfreigabe extrem strenge Kriterien gibt.

Die notwendigen Fakten dafür kann nur das Wolfsmonitoring liefern: Die systematische Auswertung von DNA-Proben, Trittsiegeln, Kot- und Haarresten sowie Fotos. Genau diese Auswertung ist für einen zweiten elementaren Bereich entscheidend: Die „Richtlinie Wolf“, die zum einen die so genannte Billigkeitsleistung festschreibt: Reißt nachweislich der Wolf ein Nutztier, bekommt der Besitzer den Wert des verlorenen Tieres ersetzt, maximal 5000 Euro. Außerdem kann er 80 Prozent der Kosten für Tierarzt und Tierkörperbeseitigung geltend machen.

Der Wolfsexperte erklärte seinen Zuhörern, wie der Wolf seine Beutetiere tötet: „Gemäßigt. Mit einem Biss in die Kehle. Die Tiere sterben den Erstickungstod.“ Mehr als 50 Prozent der Wolfsbeute sei Rehwild. Schafe hätten nur einen Anteil von 0,75 Prozent, erfuhren die Zuhörer.

Warum aber waren dann mehrfach mehrere Schafe gerissen worden? Ursache dafür sei das Verhalten der Herde, erläuterte der Wolfsexperte: „Flüchtende Schafe bilden Bewegungsreize, auf die der Wolf reagiert.“

Drangvolle Enge im Saal: Fast 200 Interessierte folgen dem Referat und diskutieren – fast vier Stunden lang.

Geld für Schutzmaßnahmen stellt das Land über die „Richtlinie Wolf“ zur Verfügung. Ein neuer Zaun beispielsweise könne mit bis zu 80 Prozent bezuschusst werden, erklärte Fass – und stellte klar: Ausgenommen von dieser Regel sind Hobby-Züchter, sie erhalten keine Zuschüsse. Der Herdenschutz-Experte wünscht sich schnell Nachbesserungen – auch für die Haltung von Herdenschutzhunden: „Die müssen grundsätzlich von der Hundesteuer befreit sein!“ Zuschüsse für den Kauf solcher Schutzhunde sieht die Richtlinie zwar vor – aber erst, wenn es um eine Herde mit mindestens 100 Tieren geht. Frank Fass empfiehlt den Nutztierhaltern, sich auf der Internet-Seite des Umweltministeriums (Rubrik Aktuelles) zu informieren.

www.umwelt.niedersachsen.de

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