Frustrierte Tierhalter

Diskussion in Barnstorf: „Wollt Ihr Wolfsland sein?“

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Eine streckenweise hitzige Diskussion zum Thema Wolf gab es im „Schröders“ in Barnstorf. Schafhalter Werner Olschewski (stehend) beklagte den Verlust etlicher Nutztiere.

Barnstorf - Von Simone Brauns-Bömermann. Der kleine Saal platzte aus allen Nähten, das Interesse war riesig: Annähernd 100 Besucher folgten am Dienstagabend der Einladung des FDP-Ortsverbands Samtgemeinde Barnstorf, um über das Thema Wolf zu diskutieren.

Bei der teilweise hitzigen Veranstaltung im „Schröders“ ging es unter anderem um die Frage, wie Weidetierhaltung und Naturschutz zusammenpassen. Zur Diskussion über den Wolf und zur Ideensammlung, wie künftig der Umgang mit dem Wildtier aussehen könnte, hatten die Gastgeber den FDP-Landtagsabgeordneten Dr. Gero Hocker aus Achim eingeladen. Neben ihm am Podium: Jäger Egon Schumacher aus Barnstorf, Wolfsberater Kurt Gödecke aus Syke und Heike Hannker als stellvertretende Vorsitzende des FDP-Ortsverbands „Altes Amt Lemförde“.

Schnell wurde klar: Das Thema geht ohne Emotionen und gespaltene Lager nicht. Im Publikum trafen konsequente Wolfsbefürworter auf Wolfskritiker, die sich an diesem Abend in der Mehrheit befanden. Die Tatsache, dass am frühen Montag auf einer Weide in Drebber drei Schafe eines Hobbytierhalters dem Raubtier vermutlich als Beute dienten, erhitzte die ohnehin aufgeladene Stimmung.

Tierhalter machen ihrem Ärger Luft

Betroffene und zugleich frustrierte Tierhalter machten ihrem Ärger Luft: „Der Wolf hat letztes Jahr im Offenstall am Haus eines meiner Schafe gerissen“, ärgerte sich Peter Mundin aus Aschen. Aber nicht nur der Verlust brannte dem Agraringenieur unter den Nägeln, sondern dass der von ihm angeschriebene Niedersächsische Umweltminister Stefan Wenzel auf seine berechtigte Frage, wie Nutztierschutz praktisch auszusehen hat, sich in Schweigen hüllt.

„Bis heute habe ich keine Antwort von Verantwortlichen“, sagte der Aschener. Dieses Verhalten bestätigten auch andere Nutztierhalter im Umgang mit spät oder gar nicht gezahlten Entschädigungen bei Rissen, unkonkreten Aussagen zu Schutzmaßnahmen und durchweg bedecktes Verhalten vom eingerichteten Wolfsbüro in Hannover.

Wolf ins Jagdrecht aufnehmen

Sprach sich für einen Abschuss von verhaltensauffälligen Wölfen aus: Dr. Gero Hocker.

In ihrer Forderung, den nach EU-, Bundes- und Landesrecht streng geschützten Wolf ins Jagdrecht aufzunehmen, wurden die anwesenden Jäger von Landespolitiker Hocker bestätigt. Er sprach sich dafür aus, die Wölfe in Niedersachsen so zu behandeln wie alle anderen Wildtiere. „Ich scheue mich nicht zu sagen, überzählige oder verhaltensauffällige Tiere zu schießen“, so Hocker. Rein rechtlich sei der Umweltminister befugt, per Erlass einen verhaltensauffälligen Wolf entnehmen zu lassen. 

Nach Auffassung von Hocker wird in Niedersachsen für den Wolf, ohne natürlichen Feind, der rote Teppich ausgerollt und viel zu viel Geld ausgegeben. „Das Geld könnten wir für den übrigen Artenschutz gut gebrauchen“, sagte der umweltpolitische Sprecher der FDP-Fraktion. Seine Position war klar: „Wir müssen populationsregulierend eingreifen“.

Für ein definiertes Wolfsmanagement, das die Population in kleinem Rahmen hält, sprach sich auch Tierhalter Jürgen Göttke-Krogmann aus Kroge aus. „Das Problem ist, dass der Umweltminister nicht den Mumm hat, auszusprechen, dass die Wölfin hier die verhaltensauffälligste in ganz Deutschland ist“, kritisierte der Vorstandsvertreter des Niedersächsischen Galloway-Verbandes. Er sprach sich für die sofortige Entnahme des Tieres aus, damit sie ihr Verhalten nicht an die potenziellen Jungen weitergeben könne.

Was viele Besucher im Saal ärgerte, war, dass durch die Übergriffe des Wolfes, der sich im Fressverhalten normal verhalte, aber gelernt habe, sehr hoch zu springen, viele Hobbyhalter ihren Betrieb aufgeben würden. 

„Dadurch entsteht wieder eine Verarmung der Landschaft und notwendige Pflegemaßnahmen durch die Schafe stehen auf dem Spiel“, meinte Schafhalter Werner Olschewski aus Goldenstedt. Er habe bisher 36 tragende Muttertiere verloren, die Pflege von 200 Hektar Naturschutzflächen stehe auf dem Spiel. Zaun-Vorgaben seien nicht finanzierbar und bei 1.000 Schafen brauche er rund 30 Herdenschutzhunde. Schäfer Tino Barth aus Rüssen ergänzte: „Ich habe meine Esel abgeschafft, seit wir wissen, dass es sich um zwei Wölfe handelt“.

Heftiger Schlagabtausch

Einen heftigen Schlagabtausch lieferte sich Landwirt Olschewski mit Christian Berge, der sich als Wolfsbefürworter in die Diskussion einschaltete. Es wurde laut und emotional. Der Wolf sei streng geschützt und Nutztierhalter müssten ihre Tiere schützen. Sie stellten sich über das Recht, so die Anklage von Berge.

Etwas Ruhe brachte Wolfsberater Gödecke in die Diskussion: „Es gibt Ansätze, Wolfsgebiete mit Vollschutz und außerhalb dieser Schonzeiten-Fenster einzurichten“, sagte der Syker und zitierte damit Professor Dr. Michael Stubbe und Franz Prinz zu Salm-Salm. Aber er gab zu bedenken: „Wir werden uns hier in der Region auf die Frage einstellen müssen: Wollt Ihr Wolfsland sein?“. Für Göttke-Krogmann war ebenso klar: „Wir müssen mit dem Wolf leben, aber wir müssen bei der Landesregierung für unsere gewachsenen Haltungsformen, für Unterstützung und Entschädigung kämpfen“.

FDP-Urgestein Wilfried Buschmann aus Barnstorf kommentierte: „Grundsätzlich diskutiert man hoch ideologisch über das Tier. Wenn die Politiker am Ruder nicht hinhören, müssen andere ran“. Ortsverbandsvorsitzender Reinhard Börger schloss die Diskussion mit dem Fazit: „Das ganze Leben besteht aus Kompromissen, den gilt es hier zu finden“.

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