Mehrheit des Drentweder Gemeinderates dagegen

Islamisches Gräberfeld: „Wollen keine Sonderklasse schaffen“

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Wenn es nach dem Antrag der Grünen geht, soll auf dem kommunalen Friedhof in Drentwede ein Gräberfeld für die Bestattung von muslimischen Einwohnern aus der Samtgemeinde Barnstorf geschaffen werden. Der nötige Platz wäre vorhanden.

Drentwede - Von Thomas Speckmann. Bei einem Antrag der Grünen scheiden sich die Geister: Die Fraktion im Rat der Samtgemeinde Barnstorf hat angeregt, ein islamisches Gräberfeld auf dem kommunalen Friedhof in Drentwede zu schaffen. Die öffentliche Diskussion ist jetzt in vollem Gange. Vor allem in der betroffenen Ortschaft regt sich Widerstand. Ganz deutlich wird die ablehnende Haltung im Gemeinderat, der sich in seiner jüngsten Sitzung mehrheitlich gegen die Einrichtung eines Gräberfeldes für eine eigene Glaubensrichtung ausgesprochen hat.

Es war eine kontroverse Debatte, die sich Gegner und Befürworter in der Gemeinschaftshalle in Drentwede lieferten. Dabei schalteten sich auch einige der etwa 20 Zuhörer ein, unter ihnen Grünen-Fraktionssprecher Klaus-Joachim Schmelz aus Barnstorf, der im Laufe der öffentlichen Sitzung die Gelegenheit bekommen sollte, den vorliegenden Antrag zu erläutern. Seine Intention: „Wer hier aufwächst und lebt, sollte auch hier beerdigt werden können.“

Schmelz brach eine Lanze für Menschen mit muslimischem Glauben, denen die Möglichkeit eröffnet werden solle, in der Samtgemeinde Barnstorf nicht nur zu wohnen, sondern auch ihre letzte Ruhe finden zu können. Damit wäre dieser Teil der Bevölkerung nicht mehr gezwungen, eine auswärtige Grabstelle suchen oder sogar in das Herkunftsland ihrer Vorfahren gebracht werden zu müssen, so Schmelz.

Hintergrund sind spezielle Bestattungsrituale, die sich von den christlichen Gewohnheiten abheben und eine Nutzung von normalen Grabstellen offenbar unmöglich machen. Wesentlicher Punkt: In muslimischen Kreisen werden Verstorbene in unberührter Erde beigesetzt, also auf freien Flächen, die bisher nicht genutzt worden sind. „Das können wir in vorhandenen Grabstätten nicht in jedem Fall sicherstellen“, erklärte Verwaltungsmitarbeiter Friedhelm Helmerking.

85 Prozent der Muslime nicht in Deutschland bestattet

Der Sachbearbeiter hatte einen islamischen Bestatter in Bremen bemüht, um sich über die Praktiken zu informieren. Dazu gehöre auch, dass Muslime auf einen Sarg verzichten und stattdessen ein Leichentuch benutzen würden. Das Niedersächsische Bestattungsgesetz sei dabei kein Hindernis. Das Gesundheitsamt könne entsprechende Ausnahmen vom Sargzwang erteilen, berichtete Helmerking.

Schätzungen zufolge würden etwa 85 Prozent der Muslime nicht in Deutschland bestattet. Angehörige überführten Verstorbene in ihre Heimatländer, wie zum Beispiel die Türkei. Dort hätten viele Familien noch Grabstellen. Doch das könne sich in Zukunft ändern, so Helmerking, weil die Verbindungen mit jeder Generation, die in Deutschland aufwachse, schwinden würden. Hinzu kämen andere Nationalitäten, bei denen die Bindung zur Heimat noch geringer sei.

Bisher habe es noch keine einzige Anfrage für muslimische Verstorbene in der Samtgemeinde gegeben. Aber es sei sinnvoll, sich darauf vorzubereiten, meinte der Verwaltungsvertreter. Die Satzung müsse dafür nicht geändert werden, denn es gebe keinerlei Beschränkung zu Religion und Konfession. Platz für etwa 20 bis 25 Grabstellen sei ebenfalls vorhanden auf dem Friedhof in Drentwede, übrigens dem einzigen kommunalen Friedhof in Trägerschaft der Samtgemeinde. Die übrigen Friedhöfe in Barnstorf und Drebber befinden sich in kirchlicher Hand.

Voss schlägt scharfe Töne an

Widerstand gegen die Pläne regte sich vor allem in der Wählergemeinschaft. Fraktionssprecher Dirk Meinecke hielt fest, dass die Friedhofssatzung schon vor Jahrzehnten festgelegt worden sei. Alle Einwohner, also auch Muslime, könnten Familiengrabstellen in Drentwede erwerben. Für die Integration wäre es hingegen eher nachteilig, wenn auf dem Friedhof zwei getrennte Bereiche entstünden. „Das gibt ein falsches Signal“, meinte Meinecke.

Sein Fraktionskollege Peter Voss schlug schärfere Töne an. Er kritisierte die muslimische Kultur, beklagte die fehlende Gleichberechtigung von Mann und Frau, entwickelte eine Verbindung zum Terrorismus und kam zu dem Schluss, dass Muslime die Gesetze und Freiheit in diesem Land nicht tolerieren würden. Weil die Regierung in Berlin nicht handele, müsse vor Ort ein Zeichen gesetzt werden, so Voss: „Jeder hat das Recht hier beerdigt zu werden. Aber wir wollen keine Sonderklasse schaffen!“

Bürgermeister und SPD offen für Antrag

Bürgermeister Theo Amelung und Wilhelm Dieke scherten aus ihrer Wählergemeinschaft aus und stimmten mit den Vertretern der SPD-Fraktion, die dem Antrag der Grünen offen gegenüber standen. Fraktionssprecher Horst Niemann wies zwar darauf hin, dass auch die Kirchengemeinden entsprechende Gräberfelder einrichten könnten, von dort aber keine Signale kämen. Da sich die Rituale von christlichen Praktiken abheben, sollte die Kommune die Möglichkeit für Muslime aus der Samtgemeinde einräumen.

Schmelz nahm das Abstimmungsergebnis in Drentwede enttäuscht zur Kenntnis. Er hätte sich ein anderes Signal aus der Mitgliedsgemeinde gewünscht: „Ein Zugehen auf die hier lebenden Menschen mit muslimischer Tradition und ein Zeichen von Respekt, Integration und Toleranz“, wie es die Grünen in ihrem Antrag formuliert hatten. Ihre Hoffnungen beruhen nun auf den weiteren politischen Beratungen, denn die endgültige Entscheidung trifft der Rat der Samtgemeinde Barnstorf.

Ein Kommentar zu diesem Thema

Toleranz auch nach dem Tod - Von Thomas Speckmann

Thomas Speckmann

Bei der Arbeit, auf dem Sportplatz, in der Schule: In nahezu allen Lebensbereichen treffen junge wie alte Menschen mit unterschiedlichen Nationalitäten, Kulturen und Religionszugehörigkeiten aufeinander. Nicht zuletzt seit der Flüchtlingskrise ist das Bemühen groß, den Dialog zu suchen und die Integration voranzutreiben. Doch unsere Gesellschaft stößt an Grenzen. Das machen die in Drentwede geäußerten Vorbehalte gegenüber einem islamischen Gräberfeld deutlich. 

Ganz praktisch betrachtet dürfte die Einrichtung eines abgetrennten Gräberfeldes auf dem Friedhof kein Problem sein. Eine freie, ungenutzte Fläche hinter der großen Kapelle wäre vorhanden, das Anlegen von Grabstellen in Gebetsrichtung Mekka machbar und die Bestattung mit Leichentüchern durchaus genehmigungsfähig. Das sind die wesentlichen Unterschiede zu den Ritualen der christlichen Konfessionen. 

Sicher, ein Teil des Friedhofs könnte ein anderes Gesicht bekommen. Aber hat sich das Bild in Drentwede und anderen Orten des Gedenkens nicht schon vor langer Zeit gewandelt? Die Grabpflege befindet sich im Wandel, Naturgräber und anonyme Gräber sind keine Seltenheit mehr, sondern gängige Praxis. Insofern wäre es mehr als recht und billig, auch auf die Bedürfnisse der muslimischen Mitbürger einzugehen, die hier schon vor Jahrzehnten sesshaft geworden sind oder es noch werden möchten. 

In vielen Orten Deutschlands gibt es inzwischen islamische Gräberfelder auf kommunalen und auch kirchlichen Friedhöfen. Dieses Miteinander müsste doch auch in der Samtgemeinde Barnstorf möglich sein, sei es in Drentwede, Barnstorf oder Drebber. Doch Ängste und Vorbehalte gegenüber der fremden Religion zu schüren, hilft dabei nicht weiter. Was es stattdessen braucht, ist Toleranz. Nicht nur fürs Leben, sondern über den Tod hinaus!


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