Solawi: Anteilseigner treffen sich bei „Hibbelers“ in Rechtern

„Wir machen die Agrarwende selbst“

Kohlparty mit einem Büfett der ganz besonderen Art: Ein Stillleben aus gesunden Lebensmitteln, mit Kreativität, Herz und Zeit hergestellt. Die Kohlfamilie mit Wirsing, Weiß- und Rotkohl, Steckrüben, Grünkohl spielte die Hauptrollen.

Rechtern - Ausgerechnet in Donstorf, inmitten von riesig bewirtschafteten Flächen, Biogasanlagen und großen Stall-Ensemblen liegt der „SolawiAcker“. Solawi steht für die Initiativgruppe und für den im Januar gegründeten Verein „Solidarische Landwirtschaft“ Hollerhof (wir berichteten) von Landwirtin Hildegard Stubbe in Donstorf.

In Rechtern trafen sich zur Kohlparty mit Austausch und Information auf der Diele der Gaststätte „Hibbelers“ die 30 Ernteanteil-Zeichner und die, die sich informieren, eventuell zeichnen wollten.

Unter dem Motto „Mal schauen, was die eher magere Winterzeit aus Kohl zaubern kann“ entstand ein Büfett der ganz besonderen Art. Ein Stillleben aus gesunden Lebensmitteln, mit Kreativität, Herz und Zeit hergestellt. Die Kohlfamilie mit Wirsing, Weiß- und Rotkohl, Steckrüben, Grünkohl spielte die Hauptrollen. Denn und das ist den Mitgliedern wichtig, die Jahreszeiten zu beachten und eben nicht alles zu jeder Zeit verfügbar zu haben. Grünkohl-Quiche oder -Pesto, rote Grütze aus Roter Beete, feuriger Wirsingeintopf, Süßes aus Steckrüben, nur einige Beispiele der kreativen Küche. Und Grünkohl als Blumenstrauß, das hatte was.

Hinter dem Fest stand die Freude des neu gegründeten Vorstands mit Bodo Sebald, Jürgen Gück, Carmen Flug und Michael Röder und der Initiatorin Hildegard Stubbe über den raschen Erfolg der Gründung der Interessengemeinschaft. „Mein Traum war immer, nachhaltig zu wirtschaften. Mit achtzehn machte ich schon Experimente mit Bioroggen“ sagt Stubbe, die Lebens bedingt, erst konventionell dann mehr biologisch wirtschaftete. Sie kennt die zwei Seiten der Landwirtschaft bestens, ist Fachfrau und hat sich nun entschieden. „Die Agrarwende machen wir nur selbst, nur Reden bringt nichts“, sagt die Landwirtin. Sie wird in der nächsten Wachstumsperiode die Solawi-Fläche mit einer Größe von 7000 Quadratmetern mit einer breiten Produktpalette nach Anbauplan bewirtschaften. Im Jahresverlauf wachsen dort dann viele verschiedene Gemüse, Kräuter und Kartoffeln.

Das Prinzip ist einfach: Gemeinsam planen, anbauen, ernten, sich die Ernte teilen und nach dem formulierten Vereinszweck, Pflanzenzucht nach biologischen Gesichtspunkten im Sinne von ökologischer, klimagerechter und sozialer Landwirtschaft zu fördern. Die Mitglieder finanzieren die Produktionskosten und erhalten die gesamte Ernte. „So wie es jetzt aussieht, können wir eine zusätzliche Abholstelle in Diepholz realisieren“, erklärt Stubbe. Damit sei das Projekt auch für Bürger aus dem südlichen Kreis um Diepholz interessant.

Dass es so schnell so viele Befürworter fand, erstaunt nicht nur Stubbe. Und dass die Vorstellung keine verklärte Spinner-Idee, sondern ernst zu nehmende Ängste vor immer mehr Gifteinsatz bei der Lebensmittelgewinnung, der negativen Aspekte der Monokulturen, Massentierhaltung und industriellen Landwirtschaft bei den Mitgliedern birgt, wird beim Treffen deutlich.

Janne Koopmann und Freundin sind aus Barnstorf der Einladung gefolgt, um sich zu informieren: „Ich habe früher immer gesagt bekommen am Tisch: Iss Gemüse und Obst, das ist gesund. Jetzt lerne ich, wie belastet es eigentlich ist, das will ich nicht mehr“. Aus Sulingen lässt sich ein junges Paar das Essen schmecken: „Wir haben bereits unterzeichnet, weil uns Hildegard im Kino in Sulingen nach dem Film „Bauer unser“ überzeugt hat, gibt Maximilian Preusse sein Statement ab. „Wir machen das, weil es richtig ist“, ergänzt seine Frau. Sie haben einen kleinen Sohn. Zwei Kinder mitgebracht hat das Ehepaar Scherthan aus Bremen: „Wir möchten mit unserer Mitgliedschaft vor allem unsere Solidarität mit den Landwirten zeigen, die ordentlich wirtschaften. Solidarisch und ethisch“. Bürgermeisterin Elke Oelmann ist noch nicht Mitglied: „Ich unterstütze aber die Idee sehr“.

Kerstin Nicolaysen sieht die Verantwortung gegenüber ihren drei Kindern: „Ich kann nicht damit umgehen, wie viele Grundgüter wie Boden und Wasser einfach durch Intensivwirtschaft kaputt gehen“.

Ein Gedanke ist allen offensichtlich wichtig: Der Solawi-Acker ernährt einen Kreis von Menschen in seinem Umfeld und alle teilen sich die Verantwortung, das Risiko, die Kosten und die Ernte. Ohne exorbitante Transportkosten rund um die halbe Welt. Die 7000 Quadratmeter können rund 50 Ernteanteile versorgen, gearbeitet wird nach Demeter-Richtlinien. Die solidarische Landwirtschaft lebe aber von der aktiven Mithilfe der Mitglieder. Sie sei nötig, aber nicht zwingend, erläutert Stubbe.

In Rechtern wurde der Ruf nach einer Rezepte-Sammlung schnell laut: Im besten Fall wird es im Laufe der Zeit ein Kochbuch auf Basis gesunder Lebensmittel aus Donstorf. 

sbb

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