Bon-Wahnsinn an der Brötchentheke ein heiß diskutiertes Thema in Barnstorf

„Was bleibt uns anderes übrig?“

Mit Brötchentüten gegen noch mehr Bürokratie: Auch Funda Tekdemir und Marcel Meyer vom Amelung-Team im Barnstorfer Café „Alter Speicher“ können den bevorstehenden Bonwahnsinn nicht verstehen. Foto: Schubert

Barnstorf - Von Anja Schubert. Gleich, ob ein normales Weizenbrötchen für 30 Cent an der Bäckertheke, ein etwas teureres Brot oder ein Familienstück Butterkuchen. Ab dem 1. Januar 2020 gibt es in den Filialen von Bramstedts Backstube für jeden Kunden zu seinem Kauf einen Kassenbon gratis dazu – ob er will oder nicht.

So wollen es die Finanzbehörden, um den mutmaßlichen Steuerbetrug im Einzelhandel zu minimieren. „Wir müssen diesen Bon-Wahnsinn mitspielen. Was bleibt uns anderes übrig, wenn wir keine steuerrechtlichen Unannehmlichkeiten auf uns nehmen wollen?“, sagt Juniorchef Ingo Amelung.

Nicht nur Bäckereien betroffen

Besonders stark betroffen sind Unternehmen wie Bäckereien, Fleischerein, Tankstellen, Friseurbetriebe, die viele günstige Artikel verkaufen und zuvor auf lästige Bons verzichtet haben. Aber auch Apotheken, die für zuzahlungsfreie Rezepte nun einen Leerbon ausstellen müssen. Denn die Abgabe von Kassenbons wird für jeden Cent-Betrag Pflicht. Nur auf Antrag gibt es wenige Ausnahmebereiche, die hiervon befreit werden – wie beispielsweise ein Verkauf auf dem Wochenmarkt, Weihnachts- und Vergnügungsmärkten. Aber mit einer Nachbesserungsfrist bis September 2020 soll jeder Kiosk, jede Bäckerei und jeder Tante-Emma-Laden nach Einkäufen Kassenbelege ausgeben, um Steuerbetrug zu vermeiden.

Ingo Amelung und sein Vater Theodor haben für die acht Filialen des Familienunternehmens ein Kassensystem angeschafft, mit dem sie alle Einnahmen genau im Blick haben. „Die Anschaffungskosten von rund 30 000 Euro waren hoch genug – und trotzdem musste ich noch einmal 3 000 Euro investieren, damit alles finanzamtskonform ist“, sagt Amelung.

Letzteres bedeute, dass sich Mitarbeiter des Finanzamtes bei Kontrollen mit einem USB-Stick die entsprechenden Daten zur Prüfung sichern könnten. „Und trotzdem tauchen bei Überprüfungen immer wieder Fragen auf, die persönlich zu beantworten sind.“ Sein Vater könne ein Lied davon singen.

Viele Supermärkte drucken mittlerweile einen Kassenbon nur noch auf Kundenwunsch aus, um den unnötigen Papiermüll zu vermeiden. Ein Angebot, das viele Kunden gerne annehmen und auf einen Ausdruck verzichten. „Das ist dann ab Jahresanfang leider wieder Geschichte, denn auch hier müssen die Kundenbelege jetzt unbedingt ausgedruckt werden“, macht der Bäckermeister auf den Rückschritt aufmerksam.

Politik auf Missstände aufmerksam machen

Viele seiner Kollegen hätten bereits Boxen aufgestellt, in die Kunden den nicht gewünschten Bonmüll entsorgen könnten, weiß Amelung und überlegt, selbiges zu tun. „Zum einen, damit die Papierberge nicht vor den Geschäften auf der Straße landen, zum anderen, weil es weitere Aktionen geben wird, um in der Politik auf das, was hier gerade fehl läuft aufmerksam zu machen und das Gespräch zu suchen.“ Manch ein Finanzamt oder Landtag werde in absehbarer Zeit wohl mit den Papierbergen beglückt werden.

Auch Margret Rohlfs kann solch eine „gesetzlich verordnete Müllproduktion“ nicht verstehen. Bisher hat die Friseurmeisterin, die zum Jahresanfang ihren Salon in jüngere Hände gibt, noch immer ihre rund 100 Jahre alte Barkasse in Betrieb. „Da wurden früher die Beträge noch von Hand auf die Bonrollen geschrieben,“ zeigt sie stolz. „Damit sind wir all die Jahre gut ausgekommen.“ Alle Belege seien für das Finanzamt abgeheftet worden, für die Kundschaft gebe es auf Wunsch ein Duplikat. Im Zuge des Inhaberwechsels werde nun ein modernes Kassensystem Einzug erhalten. „Da reden alle vom Klimawandel und Schonung der Ressourcen – und dann so etwas. Wie viele Bäume müssen für das zusätzliche Bonpapier gefällt werden? Und das kostet nicht nur Papier, sondern auch Unmengen an zusätzlichen Druckerkartuschen, die produziert und im Nachhinein entsorgt werden müssen.“

Doch nicht nur ökologische Gründe sorgen beim Thema „Bon-Wahnsinn“ für erhitzte Gemüter. Auch einen enormen zusätzlichen bürokratischen Aufwand und damit verbundene erhebliche Kosten befürchtet der deutsche Einzelhandel. In einer landesweiten Protestaktion gehen die Bäckerinnungen landesweit bereits seit einigen Wochen auf die Barrikaden. Unter dem Motto „Noch mehr Bürokratie kommt uns nicht in die Tüte“ liefern Brötchentüten Kundeninformationen, wie immer mehr zeitraubende Bürokratie vom eigentlichen Bäckerhandwerk ablenkt und zu einem immer schweren Klotz am Bein wird.

Innungen schlagen Alarm

„Kleine Betriebe geben auf, weil sie diese Zusatzbelastung in der Backstube nicht mehr bewältigen können. Die Bürokratie treibt unsere Verkaufspreise unnötig in die Höhe. Das geht vor allem auf Kosten der Zufriedenheit der Kunden“, so Amelung. „Hält sich bei uns als kleiner Familienbetrieb das zusätzliche Bonvolumen noch in Grenzen, werden den Großbäckereien hierdurch erhebliche Zusatzkosten entstehen. Das wird sich über kurz oder lang in Preiserhöhungen niederschlagen“, prognostiziert der Bäckermeister. Nicht ohne Grund würden immer häufiger Backwaren aus den Frischeregalen der Discounter bevorzugt. „Je mehr am einstigen goldenen Mittelstand gesägt wird, um so größer wird die Kluft zwischen arm und reich“, bemerkt er am Rande. „Viele Kunden, auch anderer Bäckereien, fühlen sich mit uns solidarisch, haben sich diesbezüglich auch schon mit E-Mails an die Landespolitik gewandt“, weiß Amelung und hofft, dass die Einsicht des Finanzministeriums nicht erst dann kommt, wenn es für viele Unternehmen bereits zu spät ist.

Auch der deutsche Fleischerverband schlägt Alarm: In Metzgereien seien Kassen und Waagen verbunden, ein Umbau daher kompliziert. Und vor allem nur etwa die Hälfte aller Systeme in Metzgereien könne überhaupt technisch nachgebessert werden. In den anderen Geschäften müssten neue Kassen-Waagen-Verbunde angeschafft werden. Diese immensen Kosten könnten zahlreichen Kleinbetriebe ihre Existenz kosten.

Das neue Kassengesetz

Dem etwaigen Steuerbetrug am Ladentisch und in Branchen, wo mit hohem Bargeldanteil gearbeitet wird, soll mit dem Jahreswechsel durch kassentechnische Aufrüstung und der Einführung der Bonpflicht der Kampf angesagt werden. Ob beim Bäcker, Fleischer, Stammkneipe oder Diskothek – für jede Transaktion ist ab Januar 2020 ein Beleg auszugeben. Die neuen Maßnahmen gegen Mogelkassen, die das Bundesfinanzministerium zum Jahresbeginn verhängt, sollen – ohne Rücksicht auf Kosten, bürokratischem Aufwand und Belastung für Umwelt und Gesundheit – den jährlichen „Steuerschaden“ regulieren.

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