Umfrage unter Nicht-Deutschen zu Wahlen und Wahlrecht in ihrem Heimatland

Und wie wählt man so anderswo?

Ruzanna Malchasjan (25) aus Armenien: Wählen ab 18.

Rotenburg - Von Manfred Klein. Morgen sind Bundestagswahlen in Deutschland. „Wahlen? Was sind Wahlen?“ Das war die allererste Antwort auf unsere Frage an Flüchtlinge und andere Nicht-Deutsche, wie denn in ihrem Land (freie) Wahlen vonstattengehen.

Zugegeben, ein schwieriges Unterfangen, adäquate Informationen aus erster Hand zu bekommen. Ohne Dolmetscher, ohne Dolmetscherin. Ein bisschen Deutsch können allerdings alle Befragten, manche nutzten die Zweitkommunikationsmöglichkeit in Englisch. 

Ezzat Alabbar (24) aus Syrien ist seit zwei Jahren in Deutschland.

Auch kein Problem. Auf gut Glück Migranten in der Rotenburger Fußgängerzone anzusprechen, um zu erfragen, wie in ihrer alten Heimat gewählt wird, scheint nicht der erfolgversprechende Weg. Aber man kennt ja seine Experten. 

Abderahman Mahmoud Ali (21) aus Somalia hat schon gewählt.

In Deutsch-Kursen beziehungsweise Einbürgerungsseminaren von Gerhard Harnisch bei der Deutschen Angestelltenakademie (DAA) und von Irmentraut Pfeiffer-Ubadi bei den Berufsbildenden Schulen (BBS) in Rotenburg oder auch im Campus Unterstedt sind Kandidaten für die Umfrage schnell ausgemacht. Und die Befragten sind durchweg bereit, sich mit Konterfei, Namen, Alter und Herkunftsland zu erkennen zu geben und sich hier ins Blatt heben zu lassen.

Natalia Zielinska (24) aus Polen sagt „Ja“ zu freien Wahlen.

So, und wie wählt man denn nun bei Euch und bei Ihnen? Nach zwölf Kurzinterviews ist klar, in den befragten Ländern gibt es generell ein Wahlrecht des Bürgers, die Mitbestimmung des Volkes, weitenteils auch ab 18 Jahren. Doch der Teufel liegt im Detail.

Rui Zhang (31) aus China: kompliziertes Wahlsystem.

 Im krisen- und massiv kriegsgeschüttelten Syrien beispielsweise sind Wahlen eher eine Farce. Bei den Präsidentenwahlen, erinnert sich etwa Ezzat Alabbar, „hast du die Möglichkeit, dein Kreuz mit ,Ja’ beim amtierenden Präsidenten zu machen, ein ,Nein’ empfiehlt sich eher nicht.“ 

Sanaa Alhaji (20) aus Syrien ist Bufdi im Campus Unterstedt.

Freie Wahlen? Fehlanzeige! Sanaa Alhaji, die seit September für ein Jahr als Bufdi im Bundesfreiwilligendienst im Campus Unterstedt tätig ist (zuvor absolvierte sie dort ein fünfmonatiges Praktikum), wird da konkreter: „Wenn du eine Arbeit haben möchtest oder eine Firma gründen willst, dann musst du schon Mitglied der Staatspartei sein.“ Andere befragte Syrer erzählen, dass man nur „das Land verlassen kann, wenn du dein Leben retten willst“.

Ensa Fatty (18) aus Gambia hat noch keine Wahlerfahrung.

In der Ukraine war Tamara Schloen auch nicht sonderlich glücklich mit den Wahlen. Den letzten Präsidenten hat sie noch gewählt, sagt sie. Aber bei den Parlamentswahlen hat sie nicht mehr mitgestimmt. Warum? „Egal welche Partei oder neue Partei du wählst, überall tauchen die gleichen Köpfe auf. Wie soll sich da etwas verändern?“

Tamara Schloen (39) aus der Ukraine: „Wahlrecht ja, aber...“

Bürgerkriege, wie sie immer wieder Gambia, die Elfenbeinküste und andere Staaten in Afrika heimsuchen, und desolate korrumpierte Wirtschaft animieren Menschen dort zur Flucht. Das Thema Wahlen sei dort dann sowieso kein Thema, heißt es aus berufenem Mund. Auch in Somalia, bestätigt Abderahman Mahmoud Ali, seien die ständig aufflammenden Bürgerkriege dafür verantwortlich, dass an freie oder gefahrlose Wahlen nicht zu denken sei.

Ouedraogo Lamine (18, l.) und Mamaud Diakitekaba (21) von der Elfenbeinküste sehen Wahlen in ihrem Land durch Bürgerkriege gefährdet.

Friedlichere Töne bezüglich Wahlen können von Staatsbürgern aus Armenien, Polen und China angestimmt werden. Ruzanna Malchasjan berichtet, dass in Armenien, einem unabhängigen Staat nach dem Zerfall der Sowjetunion, Wahlen stattfinden, zu der verschiedene Parteien antreten, die von mündigen Bürgern ab 18 Jahren gewählt werden könnten.

Dauod Dauod (17, l.) und Ahmad Alsaleh (16) aus Syrien haben in ihrem Heimatland noch nicht an Wahlen teilgenommen. - Fotos: Klein

Die Volksrepublik China schmückt sich gerne mit dem Anspruch, ein demokratischer Staat zu sein, der dem mündigen Bürger auch das Wahlrecht einräumt. Aber wie es sich damit verhält, die Sache mit dem Wählen, das weiß auch Rui Zhang nicht eindeutig zu erklären. Sie spricht von einem sehr komplizierten Wahlsystem in China. In Polen sind freie Wahlen Standard, weiß Natalia Zielinska, die seit sieben Monaten in Deutschland lebt. Was aber auch nicht wundernimmt: Polen ist seit 2004 Mitglied der Europäischen Union.

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