Wintershall-Leiter spricht über das neue Fracking-Gesetz und die heimische Förderung

„Viele Projekte werden aufwendiger“

Schon beim Neujahrsempfang im Januar hat Andreas Scheck, Leiter von Wintershall Deutschland, eine Entscheidung der Regierung gefordert. Nun liegt das Gesetz auf dem Tisch. - Foto: Speckmann

Barnstorf - Von Thomas Speckmann. Nach langem Ringen hat der Deutsche Bundestag ein neues Gesetzespaket zur Erdgasförderung in Deutschland beschlossen. Damit werden der Industrie strenge Umweltschutzauflagen in Sachen Fracking vorgeschrieben, aber auch eine Rechtssicherheit für die konventionelle Sandsteingasförderung gegeben, die seit mittlerweile 60 Jahren in Niedersachsen praktiziert wird. Für die BASF-Tochter Wintershall, Deutschlands größter Erdöl- und Erdgasproduzent, sind die neuen Vorgaben von weitreichender Bedeutung. Im Interview mit unserer Zeitung spricht Dr. Andreas Scheck, seit zwei Jahren an der Spitze von Wintershall Deutschland mit Sitz in Barnstorf, über Inhalte der neuen Gesetzgebung und Auswirkungen auf die heimische Förderung.

Herr Scheck, Sie haben immer wieder auf eine baldige Entscheidung in Berlin gedrängt. Nun hat der Bundestag ein Fracking-Gesetzespaket verabschiedet. Zufrieden mit dem Ergebnis?

Scheck: Wir begrüßen, dass der Bundestag ein Gesetz verabschiedet hat, das der konventionellen Erdgasförderung weiterhin eine Chance gibt. Immerhin haben wir fünf Jahre freiwillig auf die Bearbeitung von Anträgen für konventionelle Erdgasförderprojekte mit der etablierten Methode des „Hydraulic Fracturing“ verzichtet. Stimmt nun auch der Bundesrat zu, ist endlich ein klarer Rahmen geschaffen – allerdings mit spürbaren Verschärfungen.

In der Tat: Durch die neuen Vorschriften werden der Technologie engere Grenzen gesetzt. Die kommerzielle Förderung von Schiefergas durch Fracking bleibt ein Tabu. Auch für Wasserschutzgebiete und andere Bereiche gibt es Verbote. Inwieweit betreffen Wintershall solche Einschränkungen?

Scheck: Viele Projekte von Wintershall in Deutschland werden sich durch die neuen Gesetze verändern. Sie werden aufwendiger sein und länger dauern. Aber sie bieten uns auch eine klare Entscheidungsgrundlage. Wenn wir – wie in der Vergangenheit auch – alle Vorschriften erfüllen, werden wir weiter traditionell Erdgas aus dichtem Sandstein (Tight-Gas) in Deutschland fördern. Anders ist die Situation beim Schiefergas, das in Deutschland vorerst wohl keine Zukunft hat. Die nun gesetzten Rahmenbedingungen machen die Erforschung der unkonventionellen Lagerstätten (Schiefergas) in Deutschland nahezu unmöglich. Wichtige Investitionen in mögliche Zukunftsressourcen werden wohl ausbleiben.

Die Erdgasbohrung „Düste Z10“ bei Barnstorf ist von dem Verbot nicht betroffen, weil es sich hier um eine konventionelle Lagerstätte mit Tight-Gas handelt. Wann wird Ihr Unternehmen mit der Förderung beginnen?

Scheck: Zunächst müssen wir die Verabschiedung der neuen Fracking-Gesetzgebung durch den Bundesrat abwarten. Und das Gesetz muss in Kraft treten. Dann können wir unseren Antrag auf Grundlage der neuen gesetzlichen Regelungen beim Landesbergamt einreichen. Neu ist unter anderem auch eine Umweltverträglichkeitsprüfung. Diese ist Bestandteil des Verfahrens und wird alleine schon etwa ein Jahr Zeit beanspruchen. Vor 2018 ist sicherlich nicht mit einer Förderung zu rechnen – die im Übrigen auch nur kommen wird, wenn die ersten Fördertests positiv verlaufen.

Sie haben die Umweltverträglichkeitsprüfung bereits angesprochen. Diese ist ebenso vorgeschrieben wie eine Bürgerbeteiligung. Auch der Umgang mit Lagerstättenwasser, das nach der Erdgasgewinnung in den Boden gepresst wird, unterliegt schärferen Regeln. Haben Sie hierfür schon die passende Lösung?

Scheck: Der neue Gesetzesrahmen für die traditionelle Erdgasförderung legt sehr hohe Sicherheitsstandards fest, insbesondere beim Trinkwasserschutz. Die beschlossenen hohen Auflagen für die konventionelle Erdgasförderung tragen wir im Sinne von Umweltschutz und Akzeptanz mit. Hauptsache es wird ein verlässlicher Rechtsrahmen für Fracking in konventionellen Lagerstätten wie unserer Erdgasbohrung „Düste Z10“ geschaffen. Das ist nach fünf Jahren Stillstand eine tragfähige Basis für die Fortsetzung der traditionellen Erdgasförderung in Deutschland. Und dementsprechend werden wir auch unsere Projekte angehen.

Welche Bedeutung hat die Erdgasbohrung „Düste Z10“ für die heimische Förderung und den Standort Barnstorf?

Scheck: Die Bohrung „Düste Z10“ hat gezeigt, dass in der mehr als 4000 Meter tiefen Lagerstätte relevante Erdgaspotenziale von bis zu zehn Milliarden Kubikmeter zu erwarten sind. Wir haben bereits mehrere Millionen Euro in dieses Projekt investiert, die jahrelang auf Eis lagen. Wintershall kann mit dem Tight-Gas-Projekt zeigen, wie die Frac-Technologie für die konventionelle Förderung unter strengsten Umweltstandards eingesetzt werden kann. Denn in Barnstorf entwickeln wir Technologien, mit denen wir Zugang zu weltweiten Energiequellen erhalten – unter anderem in Russland und Argentinien. Das sichert Arbeitsplätze am Standort Barnstorf und trägt zur Versorgungssicherheit in Deutschland bei. Diesen Heimvorteil wollen und müssen wir weiter nutzen.

Gibt es neben dem Vorhaben in Barnstorf noch weitere Projekte in Deutschland, wo die Fracking-Methode eingesetzt werden soll?

Scheck: Nein. Wintershall hat als Betriebsführer neben dem Tight-Gas-Förderprojekt „Düste Z10“ in Barnstorf derzeit kein weiteres Projekt dieser Art.

Was sagen Sie Gegnern, denen die neuen Vorschriften nicht weit genug gehen, weil sie Gefahren für Mensch und Natur befürchten?

Scheck: Mit der neuen Gesetzgebung haben wir hier in Deutschland die schärfsten Regelungen weltweit. Überhaupt kein konventionelles Fracking bedeutet mittel- bis langfristig das Ende der Erdgasförderung in Deutschland. Das wäre fatal. Denn hier in Deutschland können wir weltweite Impulse und Standards setzen. Schließlich leistet die heimische Förderung einen wichtigen Beitrag zur Energieversorgung und ist ein regionaler Wirtschaftsfaktor. Schon jetzt zeigen sich die Folgen des jahrelangen Stillstands. Dieser hat bereits hunderte Arbeitsplätze vor allem bei den Dienstleistungsunternehmen gekostet.

Welche Folgen hat dieser Stillstand für die heimische Förderung?

Scheck: Die Erdgasförderung in Deutschland hat sich halbiert. Heute werden nur noch rund zehn Prozent des deutschen Erdgasbedarfs aus heimischen Quellen gedeckt – vor 15 Jahren waren es noch mehr als 20 Prozent. Geht der Trend so weiter, werden wir in wenigen Jahren vollständig von Lieferungen aus dem Ausland abhängig sein. Und da wird – das muss uns allen klar sein – „Hydraulic Fracturing“ auch eingesetzt.

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