Marlies Mertens plattdeutsche Erzählrunde weckt auch bei Demenzkranken Erinnerungen

Vertrautes aus der Kindheit gibt Sicherheit

Gruppenleiterin Marlies Mertens und Christine Trenkamp, Leiterin des Mehrgenerationenhauses, freuen sich, dass die plattdeutsche Erzählrunde bei den Senioren Erinnerungen an die eigene Kindheit weckt. Foto: Schubert

Barnstorf - Von Anja Schubert. Es ist eine gelöste herzliche und heitere Stimmung, jeden ersten Dienstagnachmittag im Monat, wenn Marlies Mertens im IGEL (Interessengemeinschaft Gesundes Leben) in Barnstorf zu ihrer plattdeutschen Erzählrunde einlädt. Das Angebot wird von Senioren und Seniorinnen gut angenommen. Auch Bewohner der benachbarten Seniorenresidenz gesellen sich immer gern dazu. „Es ist auch ein Angebot für an Demenz erkrankte Menschen“, unterstreichen die Gruppenleiterin und Christine Trenkamp, Gerontologin und Leiterin des Mehrgenerationenhauses.

„Das Erzählen und Schnacken auf Plattdeutsch erinnert die Teilnehmer an vergangene Zeiten. Denn sie alle sind in ihren Familien noch mit dem alten niederdeutschen Sprachgut aufgewachsen“, erläutert Marlies Mertens.

Das sei auch der Knackpunkt, warum gezielt Demenzkranke in der Runde willkommen sind. „Das Plattdeutsche ist für sie etwas Vertrautes aus der Kindheit, das ihnen Sicherheit gibt. Etwas, an das sie sich – mitunter auch nur bruchstückweise – erinnern und das mitunter zum Kommunizieren animiert. Es ist wie eine Muttersprache, mit der sie Geborgenheit und warme, intensive Gefühle verbinden.“

Herzlich und von Wiedersehensfreude geprägt, fällt die Begrüßung aus, schnell wird auf Platt von den aufgeweckten Teilnehmern der neueste Schnack aus der Ortschaft oder besondere Ereignisse wie der tödliche Unfall am Montag dieser Woche diskutiert.

Anschließend animiert Marlies Mertens mit Geschichten, Gedichten oder auch nur einzelnen Sätzen, bei denen die Besucher den weiteren Verlauf der Stunde erahnen, zum regen Austausch. „In der Gruppe, in der Demenzkranke dabei sind, gebe ich jedes mal ein gezieltes Thema vor, beim Erzählnachmittag ohne diese Zielgruppe, der an jedem dritten Dienstag im Monat stattfindet, ist das Gespräch offen gehalten.“

Als die Gruppenleiterin am Dienstag das Motto „Mit Buckspeck und Brühe“ in den Raum stellte, fiel bei den Besuchern schnell der Groschen, dass es heute um das Thema „Schlachten“ ging,

Umgehend wurden Erinnerungen an Hausschlachtung, Wurstmachen, die Grünkohlzeit, das Einkochen und die Vorratshaltung lebendig.

Mit fünf Teilnehmern war gewissermaßen die „goldener Mitte“ vertreten. „In der Regel kommen zwischen drei und zehn Teilnehmer. Mehr wäre aber auch nicht gut, um die Menschen persönlich anzusprechen“, weiß Mertens, die mehr als 15 Jahre ehrenamtlich bereits diese Runde anbietet, aber auch in Twistringen und Diepholz im Namen des historisch gewachsenen Sprachgutes mit ähnlichen Angeboten über die Volkshochschule unterwegs ist. „Senioren und Kinder liegen mir sehr am Herzen“, sagt die sympathische Frau, die hauptberuflich als Tagesmutter mit dem ganz jungen Nachwuchs arbeitet.

Auch Poesiealben wären ein schönes geeignetes Thema, das in nächster Zeit wieder angeboten werde. „Da bringen die Leute teilweise ihre alten Poesiealben mit und wir schauen uns die plattdeutschen Sprüche an“, so Marlies Mertens. Selbst bei Besuchern, die kaum noch auf ihre Umwelt reagierten, sähe man beim Gebrauch des Niederdeutschen vielfach eine Regung.

Sie selbst sei ohne Plattdeutsch aufgewachsen, habe es auf dem Hof ihres Ehemannes aber unbedingt lernen wollen und dieses auch in die Tat umgesetzt. Jahrelang habe sie für Lesewettbewerbe auch in Schulen mit den Kindern geübt. Als Erzählgrundlage ist für sie das alte Lesebuch „Die gollen Schläödel“ unabdingbar. „Da sind so viele Anregungen drin.“

„Es ist schade, dass plattdeutsch Sprechen immer weniger wird. Die letzte Generation, die damit aufgewachsen ist, stirbt langsam weg.“

Das merke man nicht zuletzt auch bei den Erzählnachmittagen. „Die heutigen Senioren unter 75 Jahren sprechen plattdeutsch gerade hier in Barnstorf nur noch selten, weil sie aus einer Zeit stammen, in denen sie in der Schule zum Hochdeutschen erzogen wurden, aber viele verstehen das Gesprochene noch.“

Um so schöner findet auch Christine Trenkamp, die sich als Souffleuse in einer plattdeutschen Laienspielschar engagiert, dass mit Theateraufführungen, bei denen verstärkt auch wieder junge Menschen die Bühnenbretter betreten, das traditionelle Sprachgut weiter fortlebt.

„Es ist schade, dass zu diesem Nachmittag die Senioren alleine kommen, denn es ist auch ein Angebot für Angehörige von Demenzkranken“, unterstreichen die beiden Frauen, dass dies für Erkrankte auch ein schöner, zeitlich überschaubarer Gemeinschaftsausflug sein könnte. „Wir freuen uns über jeden, der einmal einen Nachmittag bei uns hereinschnuppert.“

Die Menschen, die an der Erzählrunde einmal teilgenommen haben, kämen gerne wieder. „Viele sind dankbar, dass es das Angebot gibt, dass ich hier auf ihre Bedürfnisse in kleiner Runde eingehen kann. Das lassen sie immer wieder spüren.“

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