Ulrich Aumann aus Eydelstedt recherchiert Schicksale von 100 Gefallenen und Vermissten der beiden Weltkriege

Ein neuer Schatz für das Gemeinde-Archiv

Eydelstedt - Von Thomas Speckmann. Etliche Male ist Ulrich Aumann im Rathaus ein- und ausgegangen, hat in den Archiven der Gemeinde gestöbert und Material für sein Buch gesammelt. Jetzt sind die Recherchen über die Gefallenen des Ersten und Zweiten Weltkrieges abgeschlossen. Sichtlich zufrieden und auch ein bisschen erleichtert kehrt der Heimatforscher aus Eydelstedt gestern Morgen noch einmal ins Archiv zurück, um Gemeinde-Archivarin Renate Kunstmann ein frisch gedrucktes Exemplar seines Erstlingswerkes zu überreichen. Es ist in einer Auflage von 50 Stück erschienen und ab sofort im Rathaus, in der Sparkasse in Eydelstedt sowie bei Ulrich Aumann erhältlich.

„Für unser Archiv ist das eine Bereicherung, da kommt ein neuer Schatz dazu“, freut sich Kunstmann. Wohlwissend, wie viel Arbeit in dem 94 Seiten starken Buch steckt. Auf die Frage, wie viel Zeit der Verfasser in die Recherchen investiert habe, zuckt Aumann nur mit den Schultern. Die Stunden hat er nicht gezählt, wohl aber die Zahl von exakt 100 gefallenen und vermissten Soldaten des Dorfes Eydelstedt, deren Schicksale er in seinem Buch beleuchtet und damit für künftige Generationen in Erinnerung hält. „Die Menschen sollen nicht in Vergessenheit geraten“, sagt der Autor.

Seit mehr als zehn Jahren ist Aumann in der Heimatforschung unterwegs. Er sammelt alte Dokumente und Fotos, teilweise aus der Zeit der Weltkriege. „Irgendwann tauchte bei mir die Frage auf, welche Menschen stehen bei uns überhaupt auf dem Denkmal? Wer waren sie, und wo sind sie geblieben?“, berichtet der 54-Jährige. Als er sich näher mit dem Thema befasst habe, sei ihm aufgefallen, dass die Schrifttafeln am Denkmal, aber auch andere Aufstellungen nicht vollständig seien. Daraufhin habe er sich zum Ziel gesetzt, eine möglichst komplette Auflistung aller Opfer zu erstellen.

Aumann beginnt damit, in den Archiven der Kommunen, des Landkreises und der Kirche zu stöbern. Als ergiebige Quelle erweist sich zudem das Diepholzer Kreisblatt. Beim Blättern in alten Zeitungen kommt ihm Bruder Ralf Aumann zur Hilfe. Wichtiger Bestandteil der Recherchen ist auch das Gespräch mit Zeitzeugen. „Ich habe zahlreiche Familien und Angehörige der Gefallenen kontaktiert, um ein möglichst komplettes Bild der Verstorbenen zu erhalten“, berichtet der Eydelstedter.

Von jedem Betroffenen ein Foto zu bekommen, ist jedoch schwierig. Viele Angehörige haben den Wohnort gewechselt, manche Familien sind komplett von der Bildfläche verschwunden. Neben gesammelten Fotos und Traueranzeigen fließen auch einige Aufnahmen von Gräbern in das Buch ein. Die Gräber seien während des Krieges entstanden und heute zumeist nicht mehr vorhanden, da sie zum Teil zerstört oder die Opfer später auf große Soldatenfriedhöfe umgebettet worden seien, stellt Aumann fest.

Bei seiner Zeitreise in die Vergangenheit stößt der Eydelstedter auch auf eigene Vorfahren. Er findet heraus, dass sein Onkel Heinz Aumann vermutlich im April 1945 gefallen sei. Einen Beleg dafür gebe es jedoch nicht. Der Panzer-Grenadier sei zuletzt bei einem Regiment in Ungarn gewesen und gelte seither als vermisst. Er soll schon im Alter von 17 Jahren zur Waffen-SS gekommen sein. Er sei solange gedrillt worden, bis er sich freiwillig gemeldet habe, wie der Neffe herausgefunden hat.

In seiner Bestandsaufnahme widmet sich der Heimatforscher auch solchen Soldaten, die zwar keine gebürtigen Eydelstedter waren, deren Namen aber auf den Ehrentafeln des Denkmals stehen, weil deren Familien und Angehörige durch Kriegseinwirkung, Flucht oder Vertreibung nach Eydelstedt gekommen und zu Mitbürgern geworden seien. „Auch Kriegsgefangene, deren Tod von der Gemeinde standesamtlich erfasst wurde, habe ich mit aufgenommen“, fügt Aumann hinzu.

Und weil er diese Zusammenstellung in erster Linie für die Bürger aus Eydelstedt erarbeitet hat, sind bei vielen Opfern auch Verwandte und Nachkommen erwähnt, damit der Leser sie den heutigen Familien zuordnen kann, wenn sich zum Beispiel die Nachnamen in den Häusern geändert haben.

Auch wenn der Heimatforscher nicht den Anspruch auf Vollständigkeit erhebt, so ist die Auflistung der Einzelschicksale dennoch beeindruckend. „In beiden Kriegen zusammen hatte unser Dorf mehr als 90 Tote zu beklagen“, bilanziert der 54-Jährige. Wenn man diese Zahl im Verhältnis zur damaligen Bevölkerungszahl des Dorfes von etwa 500 bis 600 Einwohnern sehe, werde das ganze Ausmaß dieser Verluste erst richtig deutlich.

„Es gab nur wenige Häuser in Eydelstedt, welche keinen kriegsbedingten Trauerfall hatten. Die Verluste hatten zur Folge, dass manche Familien oder Familiennamen quasi ausgestorben sind. Einige Höfe mussten verkauft oder verpachtet werden, da die Familien nach dem Tod der Väter oder Söhne nicht in der Lage waren, diese weiter zu bewirtschaften. Das alles hat auch Auswirkungen bis in die heutige Zeit“, so Aumann.

Wenn heutzutage am Volkstrauertag nur noch wenige Bürger den Weg zum Denkmal finden, so sei das nach 70 Jahren Leben in Frieden wohl eine normale Entwicklung. „Trotzdem sollte unser Denkmal weiter erhalten bleiben und Teil unseres Dorfes sein. Was wir auf keinen Fall brauchen, ist eine erneute Erweiterung, weil wir wieder Kriegstote zu beklagen haben“, so Aumann.

Für ihn ist der Ruf vieler Politiker und Militärs nach Auslandseinsätzen der Bundeswehr in keiner Weise nachvollziehbar. „Nicht alle Völker wollen unseren Glauben oder unser Demokratieverständnis annehmen, und wenn sich ein Staat als Weltpolizist aufspielen will, muss sich Deutschland nicht immer als dessen Hilfspolizist profilieren. Wirtschaftliche Interessen, Bodenschätze und die Gier nach Macht und Einfluss sind nur zu oft die wahren Gründe für Unfrieden und Krieg in der Welt“, vermutet der Eydelstedter.

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