Wölfe heulen in Goldenstedt

Übergriffe auf Schutzhunde: Labor bestätigt Verdacht des Schäfers

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Bisswunden am Kopf: Gutachter gehen davon aus, dass Herdenschutzhund Dux von einem Wolf verletzt wurde.

Barnstorf / Goldenstedt - Von Matthias Niehues. In jüngster Zeit ist es ruhig geworden um den Wolf. Der letzte Übergriff in der heimischen Region datiert von Anfang März in Cornau. Aber Schäfer Tino Barth lässt das Thema nicht los. Er hat immer noch einen Angriff auf seinen Herdenschutzhund Dux vor Augen: Das helle Fell ist blutverschmiert, darunter sind deutliche Bisswunden erkennbar. Der verletzte Vierbeiner lässt sich kaum beruhigen. Trotz heftiger Kopfverletzungen will der aufgeregte Hund immer noch seine Schafherde in Goldenstedt beschützen.

Experten des Labors „ForGen“ in Hamburg haben jetzt herausgefunden, was sich so bereits am 1. Juni auf einer Schafweide an der Hunte ereignete. Sie haben DNA-Proben der in Goldenstedt eingesetzten Herdenschutzhunde und der Bisswunde miteinander verglichen. Die beiden anderen Hunde des Schäfers aus Rüssen sind demnach nicht die Verursacher. „Zusammengefasst wären die hier vorliegenden Ergebnisse durchaus damit vereinbar, dass der Hund tatsächlich von einem Wolf verletzt wurde“, heißt es unter anderem im Gutachten.

Schäfer Tino Barth und die Naturschutzfreunde Goldenstedt, die die Gen-Analyse bezahlt haben, sehen sich in ihrem Verdacht bestätigt: „Es waren wieder die Wölfe“. Zudem fehlt ihnen das Vertrauen gegenüber den eigentlich zuständigen Behörden und dem Umweltministerium. „Die halten uns immer hin, und es passiert nichts“, beklagt Barth. „Und wenn meine Hunde angegriffen wurden, soll’s nie der Wolf gewesen sein.“

Tatsächlich hatte Barth trotz vorbildlichem Herdenschutz bereits etliche Übergriffe auf seine Tiere zu verzeichnen, auch auf seine Hunde. Dezember 2015 gab es beispielsweise einen solchen Übergriff auf seine Herde in Einen. Neben der Weide waren deutliche Wolfsspuren auf dem Acker erkennbar, ein Hund war verletzt. „Wolf nicht nachweisbar“, hieß es später in der offiziellen Nutztierrisstabelle. Das Geschehen habe nicht rekonstruiert werden können.

Eine Aufnahme aus Juni 2017: Die Goldenstedter Wölfin trägt eines ihrer Welpen von Mäkel aus ins Moor. Von den vier Jungtieren können heute nur noch zwei am Leben sein.

Nicht erst seitdem ist das Misstrauen gegenüber den amtlichen Stellen und gegenüber dem Senckenberg-Labor, das die offiziellen DNA-Untersuchungen durchführt, groß. Auch weil die immer wieder angekündigte Besenderung des Goldenstedter/Barnstorfer Rudels bis heute nicht umgesetzt wurde.

Deshalb verständigte Tino Barth beim letzten Übergriff nicht den offiziellen Wolfsberater, sondern die Naturschutzfreunde Goldenstedt. „Die anderen stecken doch alle unter einer Decke“, ist er überzeugt und nimmt in Kauf, dass sein beim Übergriff ebenfalls verletzter und später eingeschläferte Schafbock nicht vom Land ersetzt wird. „Ich kenne noch zwei weitere Schäfer, die ihre Risse nicht mehr melden“, beklagt er.

Bisher führten die Rissbegutachtungen der Wolfsberater aber nicht nur zu Ausgleichszahlungen für geschädigte Tierhalter, sondern lieferten wegen der DNA-Analyse auch wertvolle Daten zum örtlichen Vorkommen der Wölfe. So weist die offizielle Risstabelle des Landes Niedersachsen den letzten hiesigen Übergriff für den 6. März in Cornau aus. Dort tötete die Goldenstedter Wölfin drei Schafe. Weil seitdem keine Vorfälle mehr gemeldet wurden, und im Moor auch wegen der Trockenheit lange keine Spuren sichtbar waren, stellte sich die Frage, ob die Goldenstedter Wölfin und ihr Rudel überhaupt noch vor Ort sind.

Vier Welpen im Mai 2017

Im Mai vergangenen Jahres stellte sich bei der Wölfin erstmals Nachwuchs ein. Vier Welpen gebar sie in ihrer Wurfhöhle auf einem eingezäunten Firmengelände in Mäkel. Mitarbeiter und Lkw-Fahrer konnten die Tiere aus nächster Nähe bestaunen. Ende Juni zog das Rudel dann um ins Moor. Welpe für Welpe trug die Mutter ihre Jungen davon, dokumentiert von einer Wildkamera. Später brachte sie ihnen das Jagen bei, zeigte ihnen auch, wie man Zäune überklettert. Von den vier Jungtieren des vergangenen Jahres können heute aber nur noch zwei leben. Ein Rüde wurde vom Zug in Barnstorf überfahren, ein anderer von einem Auto im belgischen Flandern. Ein weiterer Bruder ist Anfang des Jahres wiederholt in den Niederlanden aufgefallen.

18 Wolfsrudel gibt es aktuell in Niedersachsen, eines davon neuerdings in Meppen, direkt an der niederländischen Grenze. Möglich wäre, dass der Rüde dort oder in Holland geblieben ist. Unbekannt ist die Genetik des vierten Jungwolfes des hiesigen Rudels. Vielleicht lebt das Tier noch bei den Eltern. Dafür spricht, dass Rosemarie Muhle aus Goldenstedt regelmäßig nachts drei Wölfe heulen hört und das Rudel auch schon tagsüber „ganz gemächlich vorbeilaufen“ gesehen hat. „Ich war erschrocken, wie groß die sind“, sagt die nächste Nachbarin von Tino Barths weiterer Schafherde an der Hunte in Goldenstedt. „Ich habe gesehen, wie ein junger Wolf zum Gucken zu den Schafen vorgeschickt wird. Die Eltern kommen dann hinterher“, ist ihre Beobachtung.

„Mir tun vor allem die Herdenschutzhunde leid, die sich völlig verausgaben“, sagt Muhle. Einen Tipp für offizielle Stellen hat sie auch noch: „Die aus Hannover sollen mal acht Tage herkommen und ein Zelt aufschlagen. Dann sehen die, was hier los ist.“ Ganz so eilig hat es das Umweltministerium aber nicht. Das Besenderungsprojekt befinde sich in Vorbereitung, um mehr über das Leben der Wölfe in der Kulturlandschaft zu erfahren, teilt die Pressestelle auf Anfrage mit. „Ein konkreter Termin für Fangversuche im Raum Barnstorf steht noch nicht.“

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