„Suizid ist der Krebs der Seele“

Brigitte Klußmann geht der Frage nach, wann das Leben nicht mehr lebenswert ist

Brigitte Klußmann schildert die Faktenlage. - Foto: sbb

Barnstorf - Von Simone Brauns-Bömermann. Einen Angehörigen durch Suizid verlieren – das ist wohl die härteste Prüfung, mit der Menschen in ihrem Leben konfrontiert werden können. „Suizid ist der Krebs der Seele – daran können Angehörige sterben“, stellte Brigitte Klußmann, Gründerin der Bremer Selbsthilfegruppe Angehöriger um Suizid, kurz „Agus“, am Mittwoch vor rund 50 Interessierten in Barnstorf fest.

Im Mehrgenerationenhaus und auf Einladung der Selbsthilfe-Kontaktstelle ging die Referentin aus Bremen in einem Themenabend der Frage nach: „Wann ist das Leben nicht mehr lebenswert?“ In bedrückender Authentizität näherte sich die Trauerbegleiterin, die als 16-Jährige ihren Vater durch Krebs und nur vier Monate später ihre Mutter durch Freitod verlor, dem immer noch tabuisierten Thema. Denn mit der Tatsache, dass ein Mensch „Selbstmord“ beging, sind seine Angehörigen stigmatisiert.

Betroffene Angehörige aus dem Landkreis Diepholz sollen nun Hilfe erhalten. Am Mittwoch, 23. November, gibt es für sie von 17 bis 19 Uhr einen Informationsabend mit Brigitte Klußmann zum Thema „Wie Suizid das Leben verändert“. Bei Bedarf ist die Gründung einer Selbsthilfegruppe geplant.

„Die Faktenlage ist erdrückend“, stellte Brigitte Klußmann schon während des ersten Themenabends fest. Alle 52 Minuten nehme sich ein Mensch in Deutschland das Leben. 75 Prozent aller Suizide würden von Männern verübt, weltweit. „Der Mensch, der Suizid begeht, ist immer Opfer und Täter“, so ihre Erfahrung – das gelte gerade bei Mitnahme-, Massen- oder Nachfolgesuiziden.

Betroffenen Angehörigen nahm Klußmann eine Last: „Der Mensch, der den Suizid wählt, tötet sich ausschließlich wegen sich selbst“, stellte sie fest. 60 Prozent der Verstorbenen seien im Vorfeld psychisch vorbelastet oder krank gewesen, hätten Depressionen gehabt oder litten an Schizophrenie oder Suchterkrankungen. „Bei 40 Prozent kommt der Suizid für das Umfeld völlig überraschend. Die wenigsten Selbsttötungen sind Affekthandlungen, die meisten von langer Hand geplant“, stellte die Referentin fest. Es sei aber auch erwiesen, dass biologische Anlagen wie Störungen des Serotonin-Systems („Glückshormon“) die Wahrscheinlichkeit für eine solche Tat erhöhen. „Menschen, die sich töten wollen, empfinden tiefe seelische Not und leiden unter Perspektivlosigkeit und sehen für ihr Leben keinen Ausweg.“

Auf Nachfrage nach der hohen Betroffenheit von Männern berichtete Brigitte Klußmann: „Männer töten sich zumeist wegen ihres Wertekonzeptes.“ Der Entschluss zur Tötung werde als Besserung, Erlösung empfunden. Und die Trauer der Angehörigen? Sie sei so individuell wie der Mensch selbst. „Bei Suizid wage ich zu behaupten, dass sie nie endet und bis zu eigenen Tod anhält“, so die Referentin. Im ersten Jahr gehe es für die Hinterbliebenen um das reine Überleben, Halten und Aushalten. „Trauer nach Suizid ist erschwerte Trauer. Ein Suizid ist eine Last fürs Leben und Teil der Biografie“, so Brigitte Klußmamm. Und die Frage nach der Schuld? „Die ist schnell geklärt: Wenn sich jemand tötet, tut er das für sich!“

Neben den beiden Themenabenden bietet die Selbsthilfe-Kontaktstelle die Wanderausstellung „Tabu-Suizid!, Suizid-Tabu?“ an. Botschaft dieser Präsentation: Trauernde Angehörige erfahren Unterstützung. Sie sind nicht allein und brauchen sich nicht zu verstecken. In dieser hilflosen Situation sind Betroffene zusammen stärker und brauchen Menschen, die verstehen und zuhören. Die Ausstellung ist noch bis zum 30. November zu sehen.

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