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Sieben auf einen Streich - Ukraine-Hilfe hautnah in Barnstorf

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Von: Jannick Ripking

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Wie Geschwister fühlen sich die zehn Kinder, die derzeit bei Nadja Rempel (links) wohnen. Zu ihren drei eigenen gesellen sich sieben Ukrainerinnen und Ukrainer zwischen acht und 17 Jahren.
Wie Geschwister fühlen sich die zehn Kinder, die derzeit bei Nadja Rempel (links) wohnen. Zu ihren drei eigenen gesellen sich sieben Ukrainerinnen und Ukrainer zwischen acht und 17 Jahren. © Jannick Ripking

Nadja und Alexander Rempel aus Barnstorf nehmen geflüchtete Kinder auf - und zwar gleich sieben auf einen Streich. Alle stammen aus dem selben Dorf in der Ukraine. Ostern wird deshalb in der Familie Rempel auch nach ukrainischer Tradition gefeiert.

Barnstorf – Lisa, Danilo, Vladislav, Olga, Stanislav, Katerina und Diana haben zwei Sachen gemeinsam. Erstens: Alle kommen aus demselben Ort in der Ukraine und flüchteten. Zweitens: Sie leben zurzeit in Barnstorf bei Nadja und Alexander Rempel. Die Familie hat die sieben Kinder im Alter zwischen acht und 17 Jahren aufgenommen, um sie vor dem Krieg zu schützen. Sie leben sich in Deutschland immer besser ein und fühlen sich im Flecken wohl, meinen sie selbst. Über Ostern wollen Rempels ukrainische Traditionen mit deutschen verbinden.

Nadja Rempel ist russischstämmig mit familiären Verbindungen in die Ukraine. Ihr Mann Alexander ist Ukrainer. Als sie vom Angriffskrieg Russlands hörten, „waren wir die ersten Tage nur am Weinen“, erinnert sich Nadja Rempel. „Wir waren einfach schockiert. Alle Verwandten meines Mannes leben in der Ukraine“, sagt sie. Nach der ersten Starre wollte die Familie aber nicht tatenlos bleiben. „Wir haben viel in die Ukraine telefoniert. Ich habe gesagt: ,Ihr könnt alle herkommen, wir haben den Platz.‘“

Ich war für sie ein fremder Mensch und dann ist da ja auch noch der Krieg

Nadja Rempel über das Kennenlernen

Doch das war gar nicht möglich: „Die Männer dürfen das Land nicht verlassen und kämpfen. Und die Mütter kochen für die Armee.“ Da kam ihr der Gedanke: „Vielleicht dürfen wenigstens die Kinder zu uns kommen.“ Und so begann sie, die Einreise der sieben Kinder zu organisieren. Der Kontakt entstand über die Verwandtschaft in der Ukraine. „Vladislav und Diana sind Cousin und Cousine von mir“, sagt Nadja Rempel. „Sie waren schon zweimal in den Sommerferien bei uns zu Besuch.“ Die anderen fünf Kinder kommen aus demselben Dorf.

Mit zwei Autos und drei Fahrern machten sich das Ehepaar am 1. März auf den Weg nach Polen an die ukrainische Grenze. Dort trafen sie zum ersten Mal auf die Kinder. „Sie kamen alle zusammen“, erinnert sich die Gastmutter. Sie freut sich, dass alle gesund beim Treffpunkt erschienen. „Kinder aus der Ukraine zur Grenze zu bringen ist wirklich gefährlich“, meint sie.

Bereits am 2. März waren alle wieder in Barnstorf. Seitdem leben im Haus der Rempels zehn Kinder beziehungsweise Jugendliche, denn zu den geflüchteten kommen noch drei eigene Kinder von Nadja und Alexander Rempel dazu – Andrej, Anastasia und Kathrin. Sie sprechen Deutsch und Russisch, „aber sie sind gerade dabei, auch Ukrainisch zu lernen“, erklärt Nadja Rempel. Die Kommunikation unter den Kindern sei jedenfalls gar kein Problem, sagt sie.

Besonders die ersten Tage in Deutschland seien für die ukrainischen Kinder schwer gewesen. „Sie waren alle sehr schüchtern und sehr traurig“, sagt Nadja Rempel. Doch dafür habe sie vollstes Verständnis gehabt: „Ich war für sie ein fremder Mensch und dann ist da ja auch noch der Krieg.“ Doch mit der Zeit blühten sie mehr und mehr auf. „Langsam fängt der Alltag an. Sie gehen auch alle zur Schule – natürlich momentan nicht, weil Ferien sind“, sagt die Barnstorferin mit einem Lächeln.

Wir fühlen uns alle wie Geschwister

Kathrin Rempel über echte und gefühlte Verwandte

Ihre Tochter Kathrin beschreibt das Zusammenleben als harmonisch. „Wir haben viele Verwandte. Für uns ist es normal, wenn hier viel los ist. Wir fühlen uns alle wie Geschwister.“ Auch Anastasia Rempel sieht das Positive an den Gästen aus der Ukraine: „Es ist immer spannend hier. Wir unternehmen öfter etwas, gehen auf Spielplätze oder spielen Brettspiele.“

Die jungen Ukrainerinnen und Ukrainer fühlen sich gut aufgenommen. Diana meint: „Jeder Tag sieht besonders aus. Es gibt immer etwas Neues zu erfahren.“ Katerina stimmt ihr zu und sagt: „Wir sind dankbar, dass wir hier wohnen dürfen. Nadja ist immer gut zu uns.“ Die Kinder sind bemüht, sich zu integrieren, lernen fleißig Deutsch, können mittlerweile Grundlegendes verstehen und sagen: Wo kommst du her? Wie geht es dir? Wie alt bist du? „Sie können aber auch schon Schimpfwörter“, sagt Nadja Rempel lachend und schüttelt den Kopf: „Kinder eben.“

Nun freut sich die vergrößerte Familie auf die Ostertage. Rempels wollen den Geflüchteten bewusst eine Mischung aus deutschem und ukrainisch-russischem Brauchtum bieten. „Wir feiern halb und halb“, sagt Nadja Rempel. Am heutigen Ostersamstag geht sie mit allen Kindern essen: „Ich möchte ihnen ein Restaurant in Deutschland zeigen“, erzählt sie.

Eierschlagen bis nur noch eines heile ist

Außerdem veranstalten sie zu Hause das ukrainische Eierschlagen. Nadja Rempel erklärt: „Da schlagen immer zwei ihre gekochten Eier gegeneinander. Das Ei, bei dem die Schale Heile bleibt, hat gewonnen.“ Derjenige, dessen Ei als letztes ohne Macke bleibt, sei der Tagessieger.

Die Geflüchteten erzählen von weiteren ukrainischen Ostertraditionen. Dort sei es so, sich junge Menschen an einem Ort zu einem großen gemeinsamen Picknick treffen – jeder habe dann einen geschmückten Korb mit Gebäck dabei. „Wir tauschen das Gebäck untereinander“, erzählt Katerina. „Je mehr du von anderen bekommst, desto mehr Glück hast du in diesem Jahr.“

Außerdem begrüße man sich in der Ukraine während der Osterzeit mit dem Ausruf „Hristos wostres.“ (Deutsch: „Christus ist auferstanden“) Die Antwort des Gegenübers laute dann jedes Mal: „Woistinu.“ (Deutsch: „Wirklich auferstanden“) So bekräftige man den eigenen christlichen Glauben. Auch im Hause Rempel werde das in diesem Jahr so gemacht.

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