27-jährige Melkieh Ayyo leistet humanitäre Hilfe in jesidischem Flüchtlingscamp

„Sie ist der helfende Engel aus Drebber“

Familiärer Rückhalt nach schlimmen Erlebnissen beim humanitären Einsatz im jesidischen Flüchtlingscamp in Griechenland: Die 27-jährige Melkieh Ayyo (links) mit ihrer älteren Schwester Hanaa Ammo (rechts) und deren Kinder Evin und Alliyah sowie ihren Eltern Ali und Rabia Ayyo. - Foto: Scheland

Drebber - Von Gerhard Scheland. Die häusliche Harmonie, der mit Gebäck, Keksen, frischem Obst und aromatischem Kaffee gedeckte Frühstückstisch und die Gastfreundlichkeit der gesamten Familie stehen im krassen Widerspruch zum Thema des morgendlichen Gesprächs. Die 27-jährige Melkieh Ayyo aus Drebber hat Anfang Juni bei einem vierwöchigen humanitären Einsatz in einem jesidischen Flüchtlingscamp in Griechenland hautnah Not, Elend und menschliche Schicksale erlebt.

Nur nach und nach erholt sie sich von den Erlebnissen und den kaum vorstellbaren Bedingungen für die schon seit Monaten in dem Lager lebenden Menschen. Dennoch weiß sie, „dass ich einen ähnlichen Einsatz sofort wieder mitmachen würde.“

Melkieh Ayyo hatte sich vor einigen Wochen gemeinsam mit weiteren Freiwilligen auf einen Aufruf des Zentralrates der Jesiden in Deutschland gemeldet. Über die im Flüchtlingscamp herrschenden Missstände hatte sie durch ihre Flüchtlingsarbeit bei den Maltesern in Diepholz ein vages Vorwissen.

Was sie allerdings in Griechenland vorfand, übertraf alle Erwartungen: „Zwölf Duschen, 20 Toiletten, 20 Wasserentnahmestellen für 1.650 Menschen auf engstem Raum, dazu Temperaturen von 40 bis 50 Grad in den Unterkünften, fehlende Lebensmittel, marode Bekleidung und verwanzte oder verlauste Militärdecken, unvorstellbar.“

Bei ihren Gesprächen mit Kindern seien aus anfangs strahlenden Augen schnell ernste Gesichter geworden, wenn sie von ihren Erlebnissen berichtet hätten. „Selbst die Kleinsten im Lager sind unheimlich stark“, zeigt sich die 27-Jährige beeindruckt.

Ein Schlüsselerlebnis wird die junge Jesidin nie vergessen: „Gleich nach unserer Ankunft haben wir acht Kinder beim Baden in einem Rückhaltebecken beobachtet und aus nächster Nähe miterlebt, wie zwei Jungen trotz dramatischer Rettungsaktionen im Wasser umkamen. Anschließend haben wir die Familien der ertrunkenen Kinder psychisch betreut und ihnen die Trauer erträglicher gemacht.“

Seit 2014 ist annähernd 4.000 Jesiden die Flucht nach Europa gelungen. Sie können aber nicht zu den Verwandten oder Familienangehörigen in Deutschland weiterreisen. Schon seit Monaten leben sie in griechischen Flüchtlingscamps.

Weil es in mehreren Lagern schon Übergriffe auf Jesiden und Christen durch islamistische Fundamentalisten gab, haben sich die jesidischen Flüchtlinge entschlossen, ein eigenes Camp einzurichten – mit noch schlechteren Bedingungen als in den anderen Lagern.

Zur humanitären Helfergruppe, der Melkieh Ayyo angehörte, zählte auch Holger Geisler, Sprecher des Zentralrates der Jesiden in Deutschland. Er bescheinigte der ebenfalls der jesidischen Glaubensgemeinschaft angehörenden Drebberanerin, dass sie bei ihrem vierwöchigen Einsatz Unglaubliches geleistet habe.

„Melkieh wohnte während der gesamten Zeit im Camp. Tag für Tag hörte sie geduldig zu, was ihr Kinder und Erwachsene zu erzählen hatten, sie hatte starke Schultern zum Anlehnen und immer zwei zupackende Hände für die Notleidenden im Lager“, resümiert Geisler. „Sie ist der helfende Engel aus Drebber.“

Helfende Hände bescheinigt Geisler auch dem Umfeld der 27-Jährigen: „Telefonisch hat Melkieh ihre Familie, Verwandte, Freunde und Bekannte überzeugt, 1.700 Euro zu sammeln. In 48 Stunden war der Betrag beisammen.“ Das Geld sei für den Kauf dringend benötigter Lebensmittel und Seife benötigt worden.

Nicht zuletzt wegen der zurückliegenden Erlebnisse ist Geisler der Meinung, dass die Verhältnisse in den griechischen Camps bewusst katastrophal gehalten würden, um weitere Flüchtlinge davon abzuhalten, nach Europa zu fliehen. „In allen Lagern sind die Bedingungen schlecht, doch im jesidischen Camp ist die Versorgung am Schlimmsten. Es fehlt an allem. Die Zahl der Kranken wird immer größer.“

Melkieh Ayyo ist mit ihrer Familie schon Jahre vor dem seit zwei Jahren andauernden Völkermord an Jesiden durch den IS aus der Heimat geflohen. Wirtschaftliche und politische Gründe hielten sich damals die Waage. Die heute 27-Jährige ist das drittjüngste von acht Kindern und spricht ebenso perfekt Deutsch wie ihre Eltern und Geschwister. Fünf Kinder leben bis heute mit den Eltern Ali und Rabia in Drebber unter einem Dach, eines hat es im Laufe der Zeit bis an die deutsch-niederländische Grenze verschlagen.

1992 kam die Familie über Braunschweig nach Cuxhaven, lebte dort sechs Jahre und hat seitdem in Drebber eine neue Heimat gefunden. Gelebt hat die Familie bis zu ihrer Flucht in Hassakeh in Syrien ganz in der Nähe der Grenze zum Irak. Der Vater ist heute in einem kunststoffverarbeitenden Betrieb im benachbarten Lohne beschäftigt, Tochter Melkieh war bis vor einigen Wochen als Verwaltungsfachangestellte bei den Maltesern in Diepholz tätig. Jetzt sucht sie eine neue berufliche Herausforderung. „Bürokauffrau oder etwas in der Verwaltung wäre ideal“, wünscht sie sich.

Zudem möchte sie im Rahmen einer größeren Informationsveranstaltung über ihre Griechenland-Erlebnisse berichten und sucht dafür geeignete Räume. „In Diepholz wäre gut, aber auch in Vechta oder Barnstorf.“ Ansprechpartner ist Holger Geisler: Telefon 0172/7310434 oder pressesprecher@yeziden.de.

„Deutschland ist unsere neue Heimat geworden, wir sind alle im Besitz eines deutschen Passes“, blickt Melkieh Ayyo zurück und gleichzeitig nach vorn: „Eine Rückkehr nach Syrien kann und wird es für uns nicht geben, dafür sich die politischen Verhältnisse dort für Jesiden viel zu extrem geworden.“

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