Weitverbreitete Sprechbehinderung

Selbsthilfekontaktstelle informiert: Psyche leidet beim Stottern

Die Leiterin der Selbsthilfekontaktstelle, Ursula Dell, hat in Kooperation mit Konrad Strothmeyer ein Programm mit Vorträgen und Ausstellung für den Aktionstag geschnürt. - Foto: Brauns-Bömermann
+
Die Leiterin der Selbsthilfekontaktstelle, Ursula Dell, hat in Kooperation mit Konrad Strothmeyer ein Programm mit Vorträgen und Ausstellung für den Aktionstag geschnürt.

Barnstorf - Von Simone Brauns-Bömermann. Der berühmte Film „The King´s Speech“ hat die Aufmerksamkeit auf das Thema Stottern gelenkt. Bezeichnend ist die Situation des englischen Königs George VI, der eine Ansprache an das Volk richten soll. Doch sein Redefluss ist gestört und so erscheint das große Mikrofon als Gegner. Die meisten Menschen mit Sprechbehinderung sind dieser Dimension des Drucks zwar nicht ausgesetzt, aber Druck ist relativ und was stotternde Menschen immer wieder erfahren, lässt sich mit der Situation im Filmdrama vergleichen.

Die Selbsthilfekontaktstelle der Interessengemeinschaft Gesundes Leben (Igel) in Barnstorf veranstaltet jetzt einen Informationstag, um das Thema Stottern in den Fokus zu rücken. Am Sonnabend, 26. Mai, von 14 bis 17 Uhr gibt es mehrere Fachvorträge im Mehrgenerationenhaus. Darüber hinaus wird eine landesweite Wanderausstellung mit dem Titel „Herz auf der Zunge“ eröffnet.

„Immer wieder erfahren wir, dass stotternde Kinder wegrutschen aufgrund von schlechten Erfahrungen, Hänseleien bis zum gänzlichen Verstummen aus Angst vor dem Sprechen“, berichtet Ursula Dell als Leiterin der Selbsthilfekontaktstelle. Sie hat nun den Aktionstag angeschoben, unterstützt von Konrad Strothmeyer, der selbst von Sprachproblemen betroffen und Sprecher der Selbsthilfegruppe „Stottern & Selbsthilfe Vechta“ ist.

Es geht den beiden Protagonisten in erster Linie um Aufklärung und Information des oft totgeschwiegenen Themas. Denn etwas sagen wollen und es nicht fließend aussprechen können, sei schmerzhaft für die Betroffenen. Das Schlimmste seien die negativen Reaktionen von Mitmenschen wie Hohn und Ablehnung, Mitleid und Verlegenheit.

Ursachen nicht abschließend geklärt

Stottern gelte als körperlich bedingte Sprechbehinderung, nicht als psychische Störung. Allerdings leide die Psyche von Stotternden sehr, weiß Strothmeyer. Wenn ein Mensch stottere, sage das nichts über seinen Charakter, seine Intelligenz, seine soziale Herkunft oder das Sprachvermögen aus.

Die Ursachen des Stotterns sind nicht abschließend geklärt. Es äußert sich durch auffällige Blockaden, Dehnungen und Wiederholungen von Buchstaben und Silben. Die Menschen wissen im Moment des Stotterns ganz genau, was sie sagen wollen, sie verlieren aber die Kontrolle über den Sprechapparat. Das Allerschlimmste ist aber der Teufelskreis aus Angst und Vermeidung, Anstrengung und Frustration.

Laut Strothmeyer stottern in Deutschland rund 800.000 Menschen, also rund ein Prozent der Gesamtbevölkerung. Fünf Prozent aller Kinder und Jugendlichen sind zumindest zeitweise von der Sprechbehinderung betroffen. 70 bis 80 Prozent ordnen die Wissenschaftler der Genetik, 20 bis 30 Prozent anderen Faktoren zu. Auch berühmte Menschen sind betroffen, etwa Schauspieler Bruce Willis, Marilyn Monroe und Rowan Atkinson alias Mr. Bean.

„Störungsfrei wird das Sprechen nie“

Stottern wird durch kommunikativen Druck verstärkt, aber es gibt auch Behandlungsmöglichkeiten. In dem berühmten Film soll der König beim Therapeuten Singen und im Takt sprechen. Das bestätigt die Wissenschaft, wenn sie davon berichtet, das stotternde Menschen in bestimmten Situationen flüssig sprechen. Zum Beispiel auch im gewohnten Kreis der Familie, mit Kleinkindern oder Tieren.

„Störungsfrei wird das Sprechen nie, aber es besteht Aussicht auf erhebliche Besserung. Kinder haben die größte Chance, die Sprechstörung in den Griff zu bekommen“, erklärt Strothmeyer. Eine nützliche Anlaufstelle seien Selbsthilfegruppen wie in Vechta. Darüber hinaus gebe es die Sprechgruppe „Flow“ der „Bundesvereinigung Stottern & Selbsthilfe“ (BVSS), die sich speziell an junge Menschen zwischen 16 und 29 Jahren richtet.

Tipps während des Informationstags

Nützliche Tipps geben zwei Logopädinnen während des Informationstages in Barnstorf. Maren Vehling aus Barnstorf wird in ihrem Vortrag auf Ursachen, Möglichkeiten und Grenzen der Therapie eingehen, während sich Dorothea Beckmann aus Münster mit dem Kontext „Stottern und Schule“ beschäftigt. Im Anschluss an die Ausführungen besteht die Gelegenheit zum Erfahrungsaustausch. Die Besucher können sich mit Fragen an die Praktiker wenden.

Ergänzt wird die Veranstaltung durch eine Wanderausstellung mit 20 personifizierten Bildern von Betroffenen, die sich in kurzen Statements outen und über ihre Sprechbehinderung schreiben. Die Ausstellung ist vom Landesverband „Stottern & Selbsthilfe Nord“ kreiert worden und bis zum 20. Juni im Mehrgenerationenhaus in Barnstorf zu sehen. Der Aktionstag richtet sich an Betroffene, Eltern, Lehrkräfte und sonstige Interessierte. Es wird ein Kostenbeitrag von fünf Euro erhoben.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

Zwei Jahre nach Einsturz: Neue Brücke in Genua eingeweiht

Zwei Jahre nach Einsturz: Neue Brücke in Genua eingeweiht

Das Pixel 4a hat mehr Power - aber noch kein 5G

Das Pixel 4a hat mehr Power - aber noch kein 5G

Haushaltgeräte gebraucht kaufen

Haushaltgeräte gebraucht kaufen

Wie werde ich Metalltechniker/Metalltechnikerin?

Wie werde ich Metalltechniker/Metalltechnikerin?

Meistgelesene Artikel

Strohmuseum öffnet am 2. August seine Türen

Strohmuseum öffnet am 2. August seine Türen

Release vertagt Jubiläums-Events

Release vertagt Jubiläums-Events

Große Leidenschaft für kleine Schiffe

Große Leidenschaft für kleine Schiffe

„Bienenfreundlicher Landwirt“ Baustein für Artenschutz

„Bienenfreundlicher Landwirt“ Baustein für Artenschutz

Kommentare