Landwirt Lettmann: „Das ist Tierschutz!“

Schweineleben – im Kasten

+
Tragende Säue in ihren Kästen – Alltag im Schweinestall von Jürgen Lettmann. Diese Haltung diene vor allem dem Schutz der Tiere, betont der Landwirt. Tierschützer und Niedersachsens Landwirtschaftsminister Meyer (Grüne) sehen das anders.

Aldorf - Von Anke Seidel. Massentierhaltung? „Ich spreche lieber von Mengentierhaltung“, sagt Jürgen Lettmann.

500 Sauen hält der 48-Jährige auf seinem Hof in Aldorf, Samtgemeinde Barnstorf. Die Familie, zu der Ehefrau Silke (44) und zwei Söhne (16 und 14) gehören, lebt fast ausschließlich von der Ferkelerzeugung. Die heftig umstrittene Kastenhaltung ist auf dem Hof Lettmann Alltag. Bei Kommentaren von Tierschützern dazu wird es dem Landwirt „angst und bange“, gesteht er. Und ist fest davon überzeugt, dass die Kastenhaltung dem Tierschutz dient.

Gruppenhaltung führe nur zu Streß

„Wie bei den Menschen gibt es auch unter den Schweinen Rangkämpfe“, sagt Lettmann. Würden die Sauen deutlich länger als bisher in Gruppen gehalten, „dann wäre das nur Stress für die Tiere, und es gäbe Verluste.“ Im Kastenstand seien sie geschützt vor ihren Artgenossen und müssten auch nicht um das Futter kämpfen.

Jürgen Lettmann führt in Aldorf einen Traditionsbetrieb.

Ein Gang durch den Schweinestall zeigt: Reihe an Reihe liegen besamte Sauen in ihren Kästen aus Gitterstäben – jeder 73 Zentimeter breit, 1,15 Meter hoch, zwei Meter lang. Es ist fast Mittagszeit. Die Tiere dösen, lassen sich durch Besucher kaum stören.

Eber stimulieren, die Befruchtung läuft aber künstlich

Möchte Lettmann Schwein in seinem eigenen Stall sein? Er sei allerdings kein Schwein, erwidert er – und stellt klar, dass die Tiere den Lebensunterhalt seiner Familie sichern. Schon deshalb müssten sie verantwortungsvoll und artgerecht betreut werden. Der 48-Jährige vergleicht das mit Arbeitnehmern: „Nur wer sich wohlfühlt, bringt Leistung.“

Das Zuchtsauen-Leben beginnt mit etwa 230 Lebenstagen bei rund 140 Kilogramm Gewicht. Sind die Tiere in der „Rausche“, sprich empfängnisbereit, lässt sie der Landwirt künstlich besamen. Trotzdem kommen noch Eber zum Einsatz. „Die laufen vorweg“, erklärt Silke Lettmann, „zur Stimulation“.

65 Zentimeter breit: Der „Ferkelkorb“, in dem es zur Ablenkung auch Spielzeug gibt. Links (rot) die Wärmeplatte für die Ferkel.

Das Ziel ist der Kastenstand, in dem sich die Sauen nicht drehen können. Er vereinfacht die künstliche Befruchtung. Vier Wochen bleiben sie nach diesem Akt in den Gittern – eine Zeit, die Jürgen Lettmann als enorm wichtig für die Trächtigkeit empfindet: „Die Tiere haben Ruhe, und wir können sie einfacher untersuchen.“ Schließlich, so zieht er einen Vergleich, sei das wie bei einer menschlichen Schwangerschaft.

Enge Boxen sollen Verletzungen vorbeugen

Warum sind diese Kästen nicht breiter? „Die Tiere könnten beim Drehen ihren Kopf durch das Gitter stecken“, beschreibt Lettmann eine tödliche Gefahr, man könne sie ja nicht rund um die Uhr beobachten.

Die nächste Abteilung im Stall: zwischen vier und zehn trächtige Sauen in je einer Gruppe. Nach Alter und Größe sind sie in verschiedene Abteile sortiert. Manche dösen, andere werfen neugierige Blicke auf die Besucher.

Das lockere Leben in der Gruppe ist begrenzt. Am Ende der etwa 116 Tage dauernden Trächtigkeit bringt der Landwirt jedes Tier in seinen „Ferkelschutzkorb“: Ein 65 Zentimeter breiter Kasten, in dem die Sauen ihre Ferkel zur Welt bringen – 14 oder 15 im Schnitt. Bis zu fünf Wochen leben die Schweinemütter in dieser Box, in der sie sich nicht drehen können.

Schweinemütter sind nicht wie Menschen

Doch für Jürgen Lettmann ist das praktizierter Tierschutz: „So können die Sauen die Ferkel nicht erdrücken.“ Im Schnitt, so sagt der 48-Jährige, müsse er mit zwölf bis 15 Prozent Verlusten rechnen, „Fünf Prozent davon durch Erdrückung“, erklärt er – und ist überzeugt: „Würden die Sauen viel früher aus dem Kasten kommen, würden noch mehr Ferkel erdrückt.“ Oder von den Sauen totgebissen: „Auch das kommt vor. Es sind eben nicht alle Mütter gleich – wie bei den Menschen.“

Rund um den Abferkelkasten nutzen die Ferkel quirlig ihren Bewegungsspielraum, entspannen sich auf der Wärmeplatte oder bedienen sich an der „Milchbar“ ihrer Mütter, die das entspannt über sich ergehen lassen.

In der Regel seien Schweine sehr fürsorgliche Mütter, sagt Lettmann – und genau deshalb sei der Abferkelkasten Menschenschutz zugleich: „Wenn wir die Ferkel nach der Geburt versorgen wollen, dann schnappen manche Sauen nach uns.“

Gerichtsurteil aus Magdeburg könnte Wandel bringen

Ohrmarke setzen, Eisengabe verabreichen, Eberferkel kastrieren und Schwänze kopieren – Alltag in niedersächsischen Schweineställen, der sich nach dem Willen der Tierschützer und des niedersächsischen Landwirtschaftsministers Christian Meyer ändern soll. Gesetzlich verankert ist, dass ab 2019 kein Eberferkel mehr ohne Betäubung kastriert werden darf (zurzeit sind Schmerzmittel vorgeschrieben). Der Umbau der Kastenstände ist noch in der Diskussionsphase.

Aber es gibt ein Signal-Urteil des Bundesverwaltungsgerichts. Das hat nach einem Rechtsstreit in Magdeburg bestätigt: Kastenstände müssen so beschaffen sein, dass sich die Sauen ungehindert hinlegen und in Seitenlage ihre Gliedmaßen ausstrecken können – ohne an ein Hindernis zu stoßen. Zwar gilt der Richterspruch zunächst nur für die Parteien des Magdeburger Rechtsstreits. Aber er hat Signalwirkung: Landwirtschaftsminister Meyer will die Haltung in diesen Kästen auf das absolute Minimum reduzieren. Dass Sauen ihr halbes Leben darin verbringen, will er nicht akzeptieren.

Neue Vorgaben machen den Ferkelerzeugern Sorge

Für Lettmann dagegen ist der Kastenstand auch wichtig, wenn die Ferkel nach der Säugezeit von ihren Müttern getrennt werden: „Die Sauen suchen natürlich nach dem Nachwuchs...“ Und nach der Trennung? Den Schweinemüttern bleibt eine Ruhephase bis zu fünf Tagen – dann beginnt der Kreislauf der Ferkelerzeugung von Neuem.

Die Diskussion um die Kastenhaltung beunruhigt den Aldorfer Landwirt zutiefst. Denn mehr Gruppenhaltung würde bis zu 30 Prozent mehr Platzbedarf bedeuten – und möglicherweise einen teuren Neu- oder Erweiterungsbau. „Die Baugenehmigung ist an den Nachweis von Fläche gebunden“, sagt der Landwirt. Flächen seien extrem umkämpft. Und: Angesichts der Investitionen müssten die Fleischpreise um bis zu 30 Prozent steigen, beschreibt der Landwirt die Konsequenz für Verbraucher.

Die Stimmung unter den Ferkelerzeugern sei schlecht, sagt Lettmann. Wegen nicht enden wollender neuer Vorgaben würden nicht wenige ans Aufgeben denken. „In der Konsequenz würde das bedeuten, dass Ferkel nicht mehr aus Deutschland kommen, sondern aus anderen Ländern importiert werden müssten“, so der 48-Jährige. Mehrere Tage würden sie möglicherweise durch Europa zu den Mästern gefahren – unabhängig davon, ob es in den Erzeuger-Ländern überhaupt Standards wie heute schon in Deutschland gebe: „Würde das etwa dem Tierschutz entsprechen?!“

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema:

Macht Müsli wirklich schlank? Die größten Diät-Lügen

Macht Müsli wirklich schlank? Die größten Diät-Lügen

Taifun "Hato" hinterlässt zwölf Tote in Südchina

Taifun "Hato" hinterlässt zwölf Tote in Südchina

Vorsicht: In diesen Ländern sind die gefährlichsten Straßen

Vorsicht: In diesen Ländern sind die gefährlichsten Straßen

Von diesen zehn Dingen haben Sie viel zu viel

Von diesen zehn Dingen haben Sie viel zu viel

Meistgelesene Artikel

Rettungshubschrauber im Einsatz: Radfahrer von Auto erfasst

Rettungshubschrauber im Einsatz: Radfahrer von Auto erfasst

AfD: Erfolg vor Verwaltungsgericht

AfD: Erfolg vor Verwaltungsgericht

Steinkamp nach Unterspülung gesperrt

Steinkamp nach Unterspülung gesperrt

Rutec aus Syke ist Marktführer im Bereich der LED-Streifen

Rutec aus Syke ist Marktführer im Bereich der LED-Streifen

Kommentare