Rotlicht zieht die Gäste an

Theatergruppe Cornau bringt Saal zum Kochen

+
In dem Stück „Roodlücht för een ollen Schinken“ ging es heiß her. Die Darsteller Henning Hagedorn, Hagen Waschinski und Marian Kammann (v.l.) warfen sich in Frauenkleider.

Cornau - Von Thomas Speckmann. Die Theatergruppe Cornau bot ihrem Publikum am 1. Weihnachtstag eine „reizende“ Vorstellung. Manche Zuschauer hätten wohl am liebsten die Bühne gestürmt, um mit den Herrschaften auf Tuchfühlung gehen zu können. „Darf ich mal anfassen?“, fragten einige Besucher, als die drei männlichen Hauptdarsteller in der Pause vor dem letzten Akt durch den prall gefüllten Saal marschierten. Gerade hatten sie sich ihrer Damenkleider entledigt, um wenig später als Stripper auf die Bretter zurückzukehren und für einen weiteren Höhepunkt an diesem Abend zu sorgen.

Mit dem plattdeutschen Stück „Roodlücht för een ollen Schinken“ aus der Feder des berühmten Autors Helmut Schmidt hatte die neunköpfige Theatergruppe um Marian Kammann und Anika Behrens wieder einmal den Nerv der Zeit getroffen. Schon bei der öffentlichen Generalprobe eine Woche zuvor waren etwa 110 Zuschauer aus dem Häuschen gewesen. Nun gab es im Gasthaus F.H. Koch die Bescherung für weitere 170 Gäste, ebenfalls mit einer geballten Ladung Humor und einem feinen Gespür für Erotik.

„Die Leute wollen Sensation. Es zählt nur noch Lustiges, Frivoles und Bizarres“, stellte Henning Hagedorn in seiner Rolle als Großvater Friedrich fest, der mit einer außergewöhnlichen Idee daher kam, damit im Gasthaus „Zum alten Schinken“ wieder der Rubel rollt. Denn was für sein Rheuma gut sei, könne der Kneipe ebenfalls helfen: Rotlicht. Die Herren legten jegliche Scheu ab, um sich dem Publikum in feinen Damenkleidern zu präsentieren. Marian Kammann war für seine Rolle als Jan-Ole Brummerloh im Internet auf Shoppingtour gegangen. Rosa Korsagen in Größe 58 und Stöckelschuhe in 46 sind in hiesigen Geschäften bekanntlich nur schwer zu bekommen. Mitstreiter Hagen Waschinski bediente sich derweil bei der Unterwäsche seiner Gattin und lieh sich dazu Kleid und Büstenhalter bei seinen Mitspielerinnen.

Männer in Frauenkleidern

„Hagen, jetzt weißt du, wie es uns geht!“, rief eine Zuschauerin aus der ersten Reihe, als sich der Hauptdarsteller lautstark über das Zwicken der Strumpfhose beklagte. „Aber man gibt ja alles für das Theater“, lachte Waschinski, der erstmals in der Theatergruppe Cornau mitmischte. Dass er schon in seinem früheren Heimatort Langförden nützliche Erfahrung auf der Bühne gesammelt hatte, war ihm deutlich anzumerken. Ganz locker und unbefangen meisterte er seine Rolle.

Auch Debütant Tim Nuttelmann machte seinen Job als Nachlassverwalter ordentlich. Er hatte bereits vorher bei der Jugendfeuerwehr in Barver Theater gespielt. Eine ganz neue Erfahrung war es hingegen für Nadja Humburg, die zum ersten Mal auf der großen Bühne stand, ihr Lampenfieber aber schnell ablegen konnte. „Wenn man die ersten Sätze gesprochen hat, ist die Nervosität verschwunden“, berichtete Humburg. Dass sie zum Einstand eine etwas kleinere Rolle bekommen habe, sei ihr entgegengekommen.

Applaus auch ans Publikum

Routinier Anika Behrens nahm im dritten Akt das Zepter in die Hand. Als Elisabeth kam sie zu dem Schluss, dass eine Travestie-Revue mit drei klapprigen Männern wohl doch nicht das erhoffte Erfolgsrezept sei und funktionierte die Herren kurzerhand zu den „besten Strippern von Cornau“ um. Da könnten Frauen locker 40 Euro Eintritt bezahlen, auch wenn der Bauchspeck aus dem Netzhemd hervor blitzte.

Gut gefüllte Tische: Etwa 170 Besucher kamen zur Vorstellung am 1. Weihnachtstag ins Gasthaus F.H. Koch.

Finja Hoth und Jennifer Roth trugen als Bedienung dazu bei, dass der Auftritt der „Crazyboys“ zum Kassenschlager wurde und das alte Gasthaus im Familienbesitz blieb. Es kam nicht in den Besitz der hinterlistigen Tierschützerin, die von Miriam Döbbeling verkörpert wurde. Ihre Machenschaften wurden am Ende aufgedeckt. Ob dazu auch die irritierenden Zwischenrufe aus dem Publikum beitrugen, stand vermutlich nicht im Drehbuch. Aber solche Szenen nahmen die Laiendarsteller mit Humor und applaudierten bei dieser Gelegenheit auch einmal selbst den Zuschauern zu.

Hundertprozentige Leistung der Akteure

Dass die Truppe sich bei der Hauptaufführung recht textsicher zeigte, kam Souffleuse Elke Kriesmann sehr entgegen. Ihre Stimme war an diesem Abend ziemlich angeschlagen. Doch davon bekamen die Zuschauer nichts mit. Ihre Aufmerksamkeit galt der Rotlicht-Show. „Großes Lob an die Darsteller. Sie müssen sich für nichts schämen“, attestierte Marcel Diener, der mit seinen Freunden das Lustspiel verfolgte.

Sichtlich zufrieden mit der Vorstellung war auch Friedrich „Hasso“ Meyer, der früher selbst Jahrzehnte auf der Bühne gestanden hatte. „Hundertprozentig“, befand der Vorsitzende des Rad- und Motorsportvereins Cornau, dem die Theatergruppe unterstellt ist. Und damit meinte er nicht nur den guten Besuch, sondern auch die Leistung der Akteure. Um die Zukunft des Theaters sei ihm nicht bange.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema:

Brand an der Dresdener Straße in Sulingen

Brand an der Dresdener Straße in Sulingen

Das rasante Rennen um Follower - "The Crew 2" im Test

Das rasante Rennen um Follower - "The Crew 2" im Test

Zu Gast in einer Käseschule im Allgäu

Zu Gast in einer Käseschule im Allgäu

Werder-Training am Mittwoch

Werder-Training am Mittwoch

Meistgelesene Artikel

Lagerhalle an Dresdener Straße steht in Flammen

Lagerhalle an Dresdener Straße steht in Flammen

Exotische Pflanze blüht nach 35 Jahren auf

Exotische Pflanze blüht nach 35 Jahren auf

Twistringen hat einen neuen König: Dieter Kathmann erzielt 20 Ringe

Twistringen hat einen neuen König: Dieter Kathmann erzielt 20 Ringe

A1-Sanierung macht sechswöchige Teil-Sperrung des Dreiecks Stuhr nötig

A1-Sanierung macht sechswöchige Teil-Sperrung des Dreiecks Stuhr nötig

Kommentare

Ab dem 25.5.2018 gilt die Datenschutzgrundverordnung. Dazu haben wir unser Kommentarsystem geändert. Um kommentieren zu können, müssen Sie sich bei unserem Dienstleister DISQUS anmelden. Sollten Sie zuvor bereits ein Profil bei DISQUS angelegt haben, können Sie dieses weiter verwenden. Nutzer, die sich über den alten Portal-Login angemeldet haben, müssen sich bitte einmalig direkt bei DISQUS neu anmelden.