Untersuchungen anberaumt

Risse in der Marienkirche sind ein Rätsel

Nahmen eine Bodenprobe ins Visier: Diplom-Ingenieur Jürgen Götz (r.) mit Pastor Hoffmann (l.) und Fachmann Tobias Rode.

Drebber - Von Thomas Speckmann. In vielen Gotteshäusern richten die Besucher ihre Blicke gerne nach oben und sind fasziniert von der Architektur. Anders in der Marienkirche in Drebber.

Dort machen sich zurzeit Sorgenfalten breit, wenn die Gemeindevertreter auf das Gewölbe schauen. Lange Risse spalten den weißen Putz in den Rundbögen. Mit kosmetischen Korrekturen ließen sich solche Schäden sicher schnell beseitigen. Aber was ist, wenn dahinter ein gravierendes Problem steckt, das womöglich auf der Statik des Gebäudes beruht? Um diese Frage zu klären, haben sich jetzt mehrere Experten auf Ursachenforschung begeben.

Es ist früher Morgen, als die Firma Uder aus Aschen mit einem Minibagger in Mariendrebber anrückt. Die Schaufel kommt dem Gemäuer des alten Gotteshauses verdächtig nahe. Ziel ist es, gleich mehrere Stellen im Erdreich freizulegen, damit die Fachleute eine so genannte Rammkernsondierung vornehmen können. Die Erkundung des Bodenaufbaus und die Entnahme von Proben sollten Aufschluss zur Standfestigkeit des Gebäudes geben, erläutert Jürgen Götz.

„Jede Kirche ist anders“

Götz kommt aus Hildesheim, betreibt dort mit mehreren Partnern ein Ingenieurbüro, das sich schwerpunktmäßig mit der Sanierung von denkmalgeschützten Bauwerken beschäftigt. Mehr als 100 Kirchen, darunter die als Weltkulturerbe eingetragene Michaeliskirche in Hildesheim, habe seine Firma schon betreut, berichtet der Fachmann. Aber seine langjährige Erfahrung hat ihn gelehrt: „Jede Kirche ist anders.“

Auch die Marienkirche nimmt das Ingenieurbüro genau unter die Lupe, und zwar aus einer Perspektive, die nach den Erbauern Mitte des 13. Jahrhunderts wohl kaum jemand kennen gelernt hat. An drei verschiedenen Stellen wird das Fundament freigelegt. Hier soll es bis zu fünf Meter in die Tiefe gehen. Mit einem Spaten ist das nicht zu machen. Dafür ist technisches Gerät gefragt. Tobias Rode vom Ingenieurgeologie-Büro Lübbe (Vechta) greift zum Bohrhammer und rammt die Stangen schrittweise in die Erde. 

Nach wenigen Minuten hält Jürgen Götz die erste Bodenprobe in den Händen. Unterhalb des knapp zwei Meter tiefen Fundamentes, das aus Feldsteinen gemauert ist, befindet sich gelber Sand. Dann kommt schon Schluff. „Der ist sehr weich und wasserführend“, sagt der Fachmann. Er nimmt weitere Proben und will ganz genau wissen, wie tief die Kirche gegrundet und wie belastbar das Fundament ist. 

Bodenproben im Labor untersuchen lassen

Die Bodenproben sollen später im Labor untersucht werden, unter anderem auf Körnung und Feuchtigkeit. Davon hänge die Tragkraft ab, erläutert der Diplom-Ingenieur. Wenn der Boden unter dem Fundament nachgäbe, könnte das gravierende Folgen haben. Der Kirchenbogen könnte auseinandergehen, was wiederum zu Rissbildungen führe. Aber für solche Schlüsse ist es in Drebber noch zu früh, dafür müssen die Ergebnisse des Tages erst ausgewertet werden.

Während Götz die Baugrunderkundung am Fuße der Marienkirche vorantreibt, schreitet seine Kollegin Cornelia Röder das Gelände ab. Sie überprüft das Abflusssystem des Regenwassers auf seine Dichtigkeit. Mit mehr als 300 Quadratmetern ist die Dachfläche der Kirche nicht gerade klein. Hätte der Ablauf ein Leck, könnte das Wasser den Boden rund um das Fundament aufweichen und damit ebenfalls die Standfestigkeit des Gebäudes gefährden, weiß die Fachfrau.

Einen Lageplan gibt es bisher nicht, den muss Röder an diesem Tag selbst erstellen. Dabei werden Lage und Durchmesser der Rohre auf einer Karte skizziert. Neben den hohen Fallrohren am Gebäude kommen auch die weiterführenden Leitungen im Erdreich auf den Prüfstand. „Aufgraben wäre zu aufwendig“, sagt Röder. Mittel der Wahl ist eine Befahrung mit einer Videokamera. Hier kommen Sanitär-Fachmann Frank Plaßmeier und sein Mitarbeiter Philipp Müller ins Spiel.

Sandablagerungen gefunden

Das Team durchleuchtet das unterirdische Netz und stößt an mehreren Stellen auf nicht unerhebliche Sandablagerungen. Um den Durchlauf zu gewährleisten, werden Matsch und Schlamm herausgespült. Dabei kommt auch eine Plastiktüte zum Vorschein. „Die Leitungen sind in ganz gutem Zustand“, bilanziert Röder. Schäden hat sie nicht entdeckt, aber es gibt eine Empfehlung an die Kirchenvertreter: „Die Einläufe müssen nach jedem Starkregen gewartet werden.“

Pastor Rainer Hoffmann nimmt den Hinweis zur Kenntnis und schaut den Experten weiter über die Schulter. Die Schäden im Kirchengewölbe sind nicht nur für ihn ein großes Rätsel, zumal sie sich in jüngster Zeit erheblich ausgeweitet hätten, wie bei einer Begehung durch das Amt für Bau- und Kunstpflege festgestellt worden sei. „Die Länge der Risse hat rapide zugenommen. Wir gehen nicht davon aus, dass es einfache Putzrisse sind“, sagt Hoffmann.

Aufschluss erhoffen sich die Gemeindevertreter von den aktuellen Untersuchungen im Auftrag der Landeskirche. Sobald das Ingenieurbüro die Ergebnisse samt Empfehlung vorlegt, sollen diese im Kirchenkreis beraten werden. Ingenieur Götz zieht beim Ortstermin keine voreiligen Schlüsse. Er vertritt bei Maßnahmen im Allgemeinen aber die Auffassung, dass der Aufwand im Verhältnis zum Ergebnis stehen sollte. Oberstes Ziel für die Kirche: „Sie muss standsicher sein!“

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