Rauchstoff für Shishas aus dem Landkreis Diepholz

Tabak „made in Schmolte“

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Frisch aus dem Heißluftofen: Die hellgelbe Farbe macht den in Schmolte angebauten Tabak weltweit so beliebt. Jörg Rudnik (l.) und Jens Schwichtenberg fahren die Ernte ein.

Wenn sich Männer im gestandenen Alter in einem der Arabischen Emirate zu festlichen Anlässen treffen und eine Shisha konsumieren, kommt es immer mal wieder vor, dass sie neben den unterschiedlichsten Aromastoffen auch Tabak „made in Schmolte“ konsumieren.

Drentwede - Das Genussmittel kommt von einer 20 Hektar großen Ackerfläche, auf der die Landwirte Jörg Rudnick (44) und der ein Jahr jüngere Jens Schwichtenberg seit gut drei Jahren gemeinsam Virgin-Tabak anbauen.

Seit dem Start im Jahre 2016 überwiegend für den Export. Tabak aus der kleinen Ortschaft Schmolte der Gemeinde Drentwede für Shisha-Raucher in aller Welt. Vorwiegend für Wasserpfeifen-Nutzer in den arabischen Ländern.

Zuwachs im zweistelligen Prozentbereich

Auch in Deutschland findet der Genuss von Shisha-Pfeifen immer mehr Anhänger. Insbesondere in den Ballungszentren wie Hamburg, Berlin, Köln oder München liegen Shisha-Bars voll im Trend und verzeichnen steigenden Zulauf. 

Wasserpfeifentabak wird überwiegend von jungen Erwachsenen geraucht, denn Zigaretten sind in dieser Gruppe kaum noch ein Trend. „Der jährliche Zuwachs liegt in Deutschland schon seit Längerem im zweistelligen Prozentbereich“, wissen die beiden Schmolter Tabakanbauer. 

Virgin ist eine spezielle Sorte

Ebenso wie die Tatsache, dass der Genuss einer Wasserpfeife kaum weniger gesundheitsgefährdend ist als Zigaretten, Zigarillos, Zigarren oder eine klassisch gestopfte Pfeife. Aber das Konsumverhalten sei anders: „Niemand raucht beim Warten auf den Bus noch schnell eine Wasserpfeife. Shisharauchen ist gelegentlicher Genuss in Gesellschaft.“

Rudnick und Schwichtenberg nennen ein paar Fakten, die den von ihnen vermarkteten Virginia von herkömmlichem Tabak der Zigarettenindustrie unterschiedet. „Virgin ist eine ganz spezielle Tabaksorte, geschmacksneutral, mit einem geringen Nikotingehalt, einem hohen Zuckeranteil und großem Absorptionsverhalten.“ 

Nur wenige Regionen für Anbau geeignet

Genau diese Eigenschaften würden vom Markt verlangt, zumal beim Rauchen von Wasserpfeifen in hohem Umfange Aromen beigesetzt würden. Für den Anbau von Virgin-Tabak seien klimatisch nur wenige Regionen geeignet: neben Deutschland auch Polen, Frankreich und Kanada.

Die geschichtsträchtigen Höfe der beiden jungen Schmolter Agrarier liegen östlich und westlich der B 51. Die gebürtigen Drentweder kennen sich bereits seit der Schulzeit. Beruflich nähergekommen sind sie sich vor gut zehn Jahren. „Auf dem Brockumer Viehmarkt“, schmunzeln Rudnick und Schwichtenberg, „sind wir damals übereingekommen, gemeinsam das erste landwirtschaftliche Gerät anzuschaffen.“ Im Laufe der Jahre wurden immer mehr Kooperationsmöglichkeiten genutzt.

In eine Nische gestoßen

Mit der vor drei Jahren gestarteten gemeinsamen Tabakerzeugung sind Rudnick und Schwichtenberg in eine Nische gestoßen. „Weil wir in anderen Bereichen oftmals finanziell gebeutelt sind, haben wir seinerzeit nach alternativen Einnahmequellen gesucht“, erinnern sich beide. 

Die Entscheidung sei Ende 2015 nach einer Tagung des Bundesverbandes der Tabakanbauer in Barnstorf gefallen. „Dort haben wir intensiv zugehört, über das Gehörte diskutiert, mehr Vor- als Nachteile gesehen, mehrere Informationsfahrten unternommen, räumliche Voraussetzungen geschaffen, Spezialmaschinen zum Pflanzen und Ernten gekauft und wenig später mit der Aufzucht von Jungpflanzen begonnen, einen 80 Morgen großen Acker vorbereitet und dort im Frühjahr 2016 zum ersten Mal die selbst gezogenen Tabak-Stecklinge gepflanzt.“

Vier Anbauer in Niedersachsen

„In den ersten Jahren nach dem Kriege gab es im Landkreis Diepholz noch annähernd 1 000 kleine Tabakanbauer“, wissen die beiden umtriebigen Landwirte. Die Zahl der Tabakanbauer ist danach aber von Jahr zu Jahr weiter zurückgegangen. „Mit uns gibt es aktuell nur noch vier Anbauer in ganz Niedersachsen.“ 

Rudnick und Schwichtenberg sind froh, die Nische gefunden und genutzt zu haben. Bisher haben beide ihren Schritt trotz hoher sechsstelliger Investitionen nicht bereut. „Die Ernte im ersten Jahr war gut, im zweiten Jahr sind wir wegen der Hitze mit einem blauen Auge davongekommen und 2019 ernten wir wieder eine gute Qualität.“

Ernte läuft auf Hochtouren

Derzeit läuft die Ernte auf dem Acker im Blickfeld des Hofes Rudnick auf Hochtouren. 14 saisonale Erntehelfer sind schon seit Mitte Juli mit maschineller Unterstützung dabei, die bereits gelblich verfärbten reifen Tabakblätter von unten nach oben von den Stängeln zu pflücken und „kopfüber“ in speziellen Haltevorrichtungen zwischenzulagern. 

„Bis Ende September sind noch fünf bis sechs Erntegänge nötig, bevor die knapp zwei Meter hohen Stängel aus der Familie der Nachtschattengewächse gänzlich abgeerntet sind.“

Vermarktung in alle Welt

Die ersten Ernteerträge dieses Jahres hängen bereits mehrschichtig in speziellen Trockencontainern. Mit Energie aus der nahegelegenen Biogasanlage, die Schwichtenberg mit drei anderen Landwirten betreibt, wird dem Tabak bei unterschiedlichen Temperaturen die Feuchtigkeit entzogen. 

Erst den feinen Blättern, dann den dickeren Stängeln. Während der Trocknung erhalten die großen Tabakblätter ihre zitronengelbe Färbung, bevor sie im Gemäuer einer hundert Jahre alten Scheune sortiert und klassifiziert, in 100- bis 130-kg-Pakete gepresst, versandfertig gemacht und von der Erzeugergemeinschaft für die Vermarktung in alle Teile der Welt erfasst werden.

Tabak ist eine genügsame Pflanze

„Der Verkauf läuft während des ganzen Jahres“, berichten die beiden Landwirte. Und nennen auch die jährlich regelmäßig wiederkehrenden Arbeitsschritte von der schwimmenden Aufzucht der Stecklinge, dem Pflanzen nach den Eisheiligen Mitte Mai, dem dreimaligen Mähen für stabilere Stängel und mehrfachen Hacken während der Vegetation, dem notwendigen Anhäufeln für eine größere Stabilität der Stängel bei böigen Winden und dem Entfernen der Blüten in der abschließenden Erntephase. 

Die Anforderung an den Boden seien bei Tabakpflanzen nicht besonders hoch. Sie benötigten nur sehr wenig Stickstoffdüngung, so Schwichtenberg. „Im Sinne des Gewässerschutzes ist Tabak somit eine Vorzeigekultur“, ergänzt Rudnick. Und wenn Tabakpflanzen die Köpfe nach wochenlanger Hitze mal hängen ließen, helfe schon ein kurzer Regenguss, um das Wachstum wieder auf Kurs zu bringen.

Seit Generationen

Jörg Rudnick bewirtschaftet seinen Betrieb in dritter Generation. Er ist verheiratet und Vater von zwei Kindern. Hauptkulturen seines reinen Ackerbaubetriebes mit Direktvermarktung sind Spargel (von April bis Juni), Erdbeeren (Juni und Juli) und Kartoffeln (August und September). 

Jens Schwichtenberg, ebenfalls verheiratet und Vater von zwei Kindern, bewirtschaftet in vierter Generation das 750 Jahre alte Gut Adelhorn. Er betreibt Ackerbau und eine Schweinemast, ist Besitzer eines Privatwaldes und Mitgesellschafter einer 750-kW-Biogasanlage. Beide Firmeninhaber hoffen, dass eines ihrer Kinder irgendwann in ihre Fußstapfen treten wird und die Höfe weiterführen.  ges

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