Psychologe Jürgen Kramer will mit Projekt den Schulalltag bereichern

Lebenskunst im Unterricht

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Diplom-Psychologe Jürgen Kramer hat sein Zusatzstudium in der Tasche. Nun freut sich der 62-jährige Aldorfer auf die Umsetzung in der schulischen Praxis.

Von Simone Brauns-Bömermann. Dass Schule sich im Aufbruch befindet, dazu gibt es diverse Fachliteratur. Doch die Realität zeigt, dass das Lernen häufig noch ohne Berücksichtigung von lebensrelevanten Themen stattfindet, sei es aus Zeit- oder Lehrkräftemangel. Gleichwohl sieht der Bildungsauftrag der niedersächsischen Schulen durchaus solche Themenfelder, nämlich die Persönlichkeitsbildung, vor. Hier schlummert noch einiges im Dunkeln. Etwas Licht in die Sache möchte Jürgen Kramer, Diplom-Psychologe aus Aldorf, bringen. Er setzt sich für ein Lernen mit Lebensbezug ein und arbeitet bereits an einem entsprechenden Modellprojekt.

Im Alter von knapp 60 Jahren wagte Kramer den Spagat: Er schrieb sich an der Donau-Universität Krems in Österreich ein und studierte „Integrative Human Therapie und Agogik“. Sein neues Wissen brachte er in das Projekt „Lernfeld Liebe und Lebenskunst“ ein. Dabei arbeitete der Psychologe mit Schülern des Hildegard-von-Bingen-Gymnasiums in Twistringen zusammen. Seine Abschlussarbeit zum Erlangen des akademischen Grades „Master of Science“ (Integrative Therapie) hat einen markanten Titel: „Der Liebe wegen“.

„Ich musste dieses Zusatzstudium für mich persönlich machen, denn zumeist komme ich als Psychotherapeut auf den Plan, wenn schon gelitten wird“, erklärt der heute 62-Jährige rückblickend. Er meint seine Patienten, die ihn konsultieren, wenn sie bereits leiden. Dafür gibt es natürlich die verschiedensten Gründe. Doch Fakt ist: Oft hat das Leiden mit Liebe zu tun. Hier will der Psychologe nun ansetzen. Durch die Aneignung des richtigen Handwerkszeugs sollen junge Menschen auf das Leben und damit auf die Liebe vorbereitet werden.

Mit seiner Idee stieß Kramer am Twistringer Gymnasium gleich auf offene Türen. Über die Schuldiplom-Sozialarbeiterin Maria Stenner-Diekmann kam der Kontakt zu Schulleiter Martin Lütjen zu Stande. Nach Prüfung der Vorschläge wurde im Dezember 2012 das „Projekt im Prozess“ auf den Weg gebracht. 18 Schüler der zwölften Jahrgangsstufe waren im Boot. Vier Monate widmeten sie sich dem Thema „Liebe und die Gestaltung von Liebesbeziehungen“. Dabei stand Kramer den Pädagogen des Gymnasiums hilfreich zur Seite. „Für mich begann eine sehr spannende Phase und ich wusste schon damals, dass es eine Fortsetzung geben wird.“

Elf Doppelschulstunden à 90 Minuten standen für die Beteiligten zur Verfügung, um dem Phänomen „Liebe“ sowie seinen Verflechtungen und Konsequenzen auf die Schliche zu kommen. Das Zeitfenster füllten Schüler und Coach Kramer beispielsweise mit Themen von Genderdifferenz, Liebe in modernen Zeiten und der Frage: Was braucht Liebe?. Auch über die „Kunst des Trennens“ wurde lebhaft diskutiert.

Hatte sich Kramer zu Beginn der soziologischen Feldstudie selbst viele Fragen zum Thema „Liebe und Lebenskunst“ gestellt, näherte er sich nun Theorien an, die Aussagen darüber treffen, dass sich Lebenskunst nicht nur auf das Selbst, sondern auf das geliebte und liebendes Gegenüber bezieht. Oder die Lebenskunst dort beginnt, wo man das Geheimnis des eigenen Daseins findet. „Nämlich die eigene Mitte und die daraus erwachsene Sorge um das eigene Leben“, erläutert der Psychologe.

Die Auswertung des Schulprojektes ergab: Die angehenden Abiturienten erlangten neue Erkenntnisse für das eigene Leben, Hilfe für schwierige Situationen in Beziehungen und Verständnis für andere. Die Schüler hätten viel dazu gelernt, stellt Kramer fest: Anwendbares fürs Leben und zum „Darüber nachdenken“. Mit der logischen Folge, dass für die Schüler in Twistringen zu 100 Prozent festgestanden habe: Das muss weiter „unterrichtet“ werden. Inzwischen ist ein zweites Projekt am Gymnasium gelaufen, im September geht es in einer weitere Runde. Dann lautet das Thema: „Lernfeld Liebe und Lebenskunst“.

Die Projektarbeit des Aldorfers könnte buchstäblich Schule machen. Kramer, der inzwischen sein Studium erfolgreich abgeschlossen hat, und Lütjen wollen die Idee in weitere Schulen im Landkreis Diepholz transportieren und im folgenden Schritt auch im Land Niedersachsen anstoßen. Die Vision heißt: Auf dem Weg zum Schulfach „Lebenskunst“. Kramers persönliche Vision ist: „Ein Lernfeld integrative Lebenskunst“.

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