Podiumsdiskussion über die vorgeburtliche Diagnostik in Barnstorf

Eine Wahl, die keine ist

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Das gemeinsame Kind ist für viele Paare die Krönung ihrer Liebe. Stellt sich jedoch heraus, dass das Kind höchstwahrscheinich mit einem Handicap geboren wird, sind die meisten stark verunsichert, wie sie sich verhalten sollen.

Barnstorf - Von Julia Kreykenbohm. Eine schwangere Frau sitzt bei ihrem Arzt. Er entnimmt ihr etwas Blut, untersucht es und in spätestens zwei Wochen weiß sie, ob das Kind in ihrem Bauch womöglich mit Down-Syndrom oder mit einem anderen Handicap geboren wird. Wenn ein solches Ergebnis vorliegt, stürzt das die Frau womöglich in einen Gewissenskonflikt und stellt sie vor die schwerste Entscheidung ihres Lebens: Soll ich das Kind bekommen oder abtreiben?

„Die moderne Medizin mit all ihren Möglichkeiten soll das Leben eigentlich leichter machen, dabei macht sie es oft noch schwerer und komplizierter“, sagt Magdalene Küppers-Schmelz vom „Stammtisch Gesundheit“ in Barnstorf. Das Leid werde nur verschoben – nicht beseitigt. „Die vorgeburtliche Untersuchung soll die Wahl ermöglichen, dabei hat die Frau sie nur scheinbar. In Wahrheit hat ihr Umfeld oft schon die Entscheidung getroffen und die Frau gerät unter Erwartungsdruck.“ Gesprochen werde über dieses Thema nicht. Jede Frau oder auch jedes Paar bleibe damit allein.

Der „Stammtisch Gesundheit“ möchte das ändern und hat deswegen die Veranstaltungsreihe „Unser Kind ist willkommen!?“ organisiert (wir berichteten). Diese enthält fünf Veranstaltungen, die das Thema aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchten. Vier davon sind bereits gelaufen und die Organisatorinnen ziehen ein positives Zwischenfazit. „Bei allen Veranstaltungen waren immer zwischen 20 bis 30 Besucher. Es wurde lebhaft diskutiert und es wurden viele Fragen gestellt“, berichtet Mitorganisatorin Sabine Düver. „Manchmal haben auch einige Gäste die Geschichte ihres behinderten Kindes erzählt und man merkte, was es für eine Befreiung für sie war, mal darüber öffentlich sprechen zu können.“

Als sehr informativ empfand Küppers-Schmelz den Abend, an dem Mitarbeiter von „Cara“, Beratungssstelle zu Schwangerschaft und vorgeburtlicher Diagnostik in Bremen darüber referierten, welche wirtschaftlichen Interessen bei dem Thema mit hineinspielen. „Da wird mit Angst ein Geschäft gemacht“, so Küppers-Schmelz.

Bewegend sei auch die vergangene Veranstaltung gewesen, in der drei Eltern von Kindern mit Handicap sehr offen und ehrlich ihre Geschichte erzählten. Sie berichteten von dem Schock nach der Geburt. Eine Mutter gab sogar zu, dass ihr erster Gedanke über ihrer Tochter gewesen war: „Die gebe ich weg“. Sie berichteten von Reaktionen des Umfelds, als Fragen kamen wie: „Hat das Geld für eine Abtreibung gefehlt?“ Von der Angst, das erste Mal mit dem Kind auf die Straße zu gehen und den vielen Hürden des Alltags. „Die Eltern zeigten, dass es kein Sonntagsspaziergang ist. Aber jeder im Raum spürte auch die übergroße Liebe, die sie für ihre Kinder empfinden. Das machte großen Eindruck, im ganzen Saal war es mucksmäuschenstill“, erinnert sich Küppers-Schmelz.

Den Mitgliedern des „Stammtisches Gesundheit“ ist es wichtig, die vorgeburtliche Diagnostik nicht zu verteufeln oder grundsätzlich gegen Abtreibung zu wettern. „Wir möchten nur, dass das Thema aus der Tabu-Zone herauskommt, dass man darüber spricht und über die Auswirkungen reflektiert wird “, so Düver. „Denn Tatsache ist, dass die Zahl der Kinder mit Down-Syndrom drastisch zurückgegangen ist, seit es diese vorgeburtliche Untersuchung gibt. Es wird also stark selektiert. Auf der anderen Seite wird ständig über Inklusion gesprochen. Das ist schon etwas seltsam.“

Unter diesem Thema steht auch die letzte Veranstaltung der Reihe am Mittwoch, 9. Dezember. Es wird eine Podiumsdiskussion im Rathaussaal in Barnstorf sein, die um 19.30 Uhr beginnt. Dort diskutieren Eckhart Schätzel, Pastor der Kirchengemeinde Lemförde, Sabine Hirtler, Mutter einer Tochter mit Handicap, Johannes Meyer, Schulleiter der Förderschule St. Vincenzhaus in Cloppenburg, Mareike Koch von der Beratungsstelle „Cara“, Christiane Rießelmann von der Lebenshilfe Grafschaft Diepholz und Grünen-Bundestagsabgeordnete Katja Keul aus Nienburg.

Natürlich sind auch alle Interessierten eingeladen, kräftig mitzureden und Fragen zu stellen. „Wir würden uns freuen, wenn Ärzte, Gynäkologen oder Hebammen dabei wären, um die Debatte zu bereichern“, so Düver, die die Moderation übernehmen will. Der Eintritt ist frei.

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