Lehrling und Lehrmeister zugleich

Solawi Donstorf startet besonderes freies Ausbildungsprojekt auf dem Hollerhof

Philipp Müller im Gemüsetunnel: Der Azubi entscheidet gemeinsam mit seinen Mitstreitern selbst über seinen Lehrplan.
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Philipp Müller im Gemüsetunnel: Der Azubi entscheidet gemeinsam mit seinen Mitstreitern selbst über seinen Lehrplan.

Lehrling und Lehrmeister zugleich? Was wie ein Widerspruch daherkommt, ist bei der Solawi Donstorf Realität geworden. Azubis werde zu Betreibern des Hollerhofes.

Donstorf – Ein freies Ausbildungsprojekt soll künftig zum Betreiber der Solidarischen Landwirtschaft (Solawi) Donstorf werden. Philipp Müller, einer der künftigen Betreiber, stellte das Projekt jetzt einer kleinen Öffentlichkeit vor. „Wir wünschen uns schon länger einen Nachfolger“, erklärt Hildegard Stubbe, die sich aus dem Gemüseanbau zurückziehen möchte. „Jetzt haben wir die Möglichkeit, aus der Verantwortung herauszuwachsen und an ein wunderbares Projekt zu übergeben.“

Solawi Donstorf: Drei Azubis bilden sich selbst aus

Frei und Ausbildung – das sei doch ein Widerspruch in sich, heißt es in einer Pressemitteilung der Solawi Donstorf. Lehrjahre seien keine Herrenjahre, heiße der bekannte Ansatz klassischer Ausbildung – den wollen die künftigen „Herren“ der Ausbildung bei der Solawi Donstorf ändern: Seit Anfang November hat Philipp Müller auf dem Hollerhof in Donstorf seine Arbeit aufgenommen und mitgebracht hat der neue Gärtner eine Projektidee, von der die Mitglieder der Solawi begeistert seien. Zusammen mit zwei weiteren Azubis werde er den Betrieb führen, in dem er und seine Mitstreiter sich quasi selbst ausbilden werden.

„Den organisatorischen Rahmen für das Projekt müssen wir noch entwickeln“, erklärt Müller. „Es könnte zum Beispiel ein Verein werden.“ Hildegard Stubbe erläutert: „Die jungen Menschen brauchen einen Arbeitgeber, bei dem sie angestellt sein können.“ Damit sie völlig frei und selbstständig über Ausbildungsinhalte entscheiden können, sei die Idee aufgekommen, einen Verein zum Arbeitgeber zu machen. Stubbe hält viel von der Idee: „Es wird einen Lehrplan geben. Auch auf die Gefahr hin, dass er nicht direkt funktioniert und geändert werden muss.“

Unterstützung von Mentor Robert Franz

Aber ganz ohne Ausbilder wird die Gärtnercrew nicht sein. Robert Franz, der als Mentor die Arbeit und auch die Ausbildung kontinuierlich begleiten wird, sei ein erfahrener Gemüsegärtner und landwirtschaftlicher Berater. Bei ihm habe Müller im vergangenen Jahr sein erstes Lehrjahr auf einem anderen Solawi-Hof absolviert. „Aber die Azubis arbeiten komplett autark“, meint Stubbe. Es sei vorgesehen, dass Franz als Mentor zwar ständig erreichbar sei, aber nicht ständig vor Ort auf dem Hof.

Philipp Müller ist sein eigener Chef: Er freut sich auf dieses neuartige Projekt.

„Unsere Ideale sind ausgerichtet an einer Philosophie des Miteinanders. Wir fördern die Symbiosen, die Kulturpflanzen und Beikräuter miteinander eingehen, und forschen an Dauerkulturen, bei denen nicht mehr in regelmäßigen Abständen der Boden umgekrempelt wird“, erläutert Müller seinen Ansatz. Der Einsatz von Maschinen werde auf ein absolutes Minimum reduziert. „Wie soll sich vielfältiges Leben im Boden entwickeln, wenn ich regelmäßig seinen Aufbau zerstöre?“

Philipp Müller habe in seinem ersten Ausbildungsjahr die Arbeitsweise ohne Gerät kennengelernt und sei von den Erfolgen angetan. Auch andere Solawi-Mitglieder seien von den Arbeitsweisen des Ausbilders Franz überzeugt. „Robert hat nicht nur tolles Gemüse, sondern auch ein entspanntes Verhältnis zu Unkraut auf seinen Beeten“, berichtet Ulrike Westermann, die im eigenen Garten das Unkrautjäten fast komplett eingestellt hat. „Ich muss trotz Sandboden kaum noch wässern und meine Pflanzen sahen noch nie so gesund aus“, sagt sie über einen möglichen Zusammenhang damit.

Freie Ausbildung: nicht anerkannt, aber staatliche Prüfung nach viereinhalb Jahren möglich

Diese besondere Form der Ausbildung sei nicht staatlich anerkannt, berichtet Hildegard Stubbe. „Die Ausbildung an sich gehört nicht zu den regulären Ausbildungen und eine Prüfung kann auch nicht in der regulären Ausbildungszeit abgenommen werden“, sagt Marlies Logemann, Ausbildungsberaterin bei der Landwirtschaftskammer Niedersachsen, auf Nachfrage. Es sei allerdings möglich, eine staatlich anerkannte Prüfung nach viereinhalb Jahren abzulegen. Robert Franz sei laut Stubbe berechtigt, diese Prüfung abzunehmen. Ob die Azubis diese Prüfung am Ende ablegen, sei ihnen komplett freigestellt.

Aber auch der forschende Teil gehöre zur Arbeit, bei der immer wieder neue Erfahrungen gemacht und einbezogen werden sollen. „Intuitives Lernen an lebendigem Boden“, sagt Müller dazu. „Das ist nur möglich in einem gleichberechtigten Team, in dem jeder sich und seine Erfahrungen einbringen kann“, meint er. Der Austausch auf Augenhöhe soll mit dem Ausbildungsprojekt verwirklicht werden.

Solawi sucht noch neue Mitglieder für das kommende Anbaujahr

Unabhängig von dem Ausbildungsprojekt sei die Mitarbeit der Helfer auf und für den Hof weiter willkommen. Die Beschäftigung mit dem Umgang mit den Ressourcen Boden und Wasser werde von den Anwesenden als wünschenswert angesehen.

Vorerst werde jedoch das kommende Anbaujahr geplant und da werden ab sofort wieder neue Mitglieder aufgenommen – wenn auch erst einmal in begrenzter Zahl. Ein Limit von 50 Ernteanteilen möchte Philipp Müller gern für das erste Jahr einhalten, in dem sich das Projekt zunächst noch „zurechtruckeln“ soll.

Ernteanteile erwerben

Tel. 0160 / 3616904

E-Mail: info@solawi-donstorf.de

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