Ateliergemeinschaft malt Inneres nach außen

Kunst statt Kühe: Strukturwandel im Stall

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Für neun Malerinnen reichte die Diele und Kuhstall von Gastgeberin Ingrid Mattfeld nicht aus: Stellwände generierten einen Rundgang durch die Ausstellung, in der sich Tiere, Landschaften, Promis, Probleme und Abstraktes trafen. J Foto: Brauns-Bömermann

Mariendrebber - Von Simone Brauns-Bömermann. Viele Höfe landauf landab haben mit dem Strukturwandel zu kämpfen – auf dem Hof Mattfeld in Mariendrebber an der Moorstraße hat er bereits stattgefunden. Seit vielen Jahren stehen auf der Diele von Ingrid Mattfeld schon keine Kühe mehr. Aber die Diele, der alte Kuhstall, hat die Metamorphose, die Wandlung erfahren.

Zum elften Mal stellen die derzeit neun Damen der Ateliergemeinschaft Freystil aus Vechta regelmäßig im Wechsel auf dem Hof Mattfeld und bei Maria Themann in Hausstette aus. „Herrje, wir haben ja schon das elfte Mal Bilder zusammen aufgehängt!“, schießt es Beate Beck durch den Kopf, als sie wieder einen diagonalen Strich beim Zählen der Besucher am Samstag macht. In Summe kamen rund 100 Gäste am ersten Tag des Ausstellungs-Wochenendes, rund 230 Gäste waren es am Sonntag.

Vielfalt begeistert die Gäste

Das Gästebuch spricht den Besuchern aus den zwei benachbarten Landkreisen Vechta und Diepholz, aus denen die neun Künstlerinnen fast paritätisch kommen, aus den Herzen: „Jedes Mal freuen wir uns auf Eure Ausstellung – es ist immer wieder eine begeisternde Vielfalt!“ steht dort von Inge und Alexander. Bereits auf der ersten Seite erhält die Ausstellung der unterschiedlichen Malerinnen ihr Premium-Prädikat.

Und das hat wohl unterschiedliche Gründe: Der ganz besondere Ort, der auf weiße Museumswände verzichtet, die Malerinnen und ihre gänzlich unterschiedlichen Malweisen, Lebensmodelle, Ansichten und Charaktere und die familiäre Atmosphäre, wie die Gäste als Besucher der Vernissage bewirtet werden. In der Küche von Ingrid Mattfeld wuseln Frauen: „Wir sind Freunde und Nachbarn, ist doch klar, dass wir helfen“. Im Zelt die Kaffeetafel mit weiteren Bildern und Malereien und viel Gastfreundschaft. Jede packt an, jede schaltet um zwischen Werk-Erläuterung und Kuchenservice. Die Damen scheinen geschult zu sein in ihrem neben- und miteinander der Andersartigkeit.

Ausstellung: Evolution

So machen es die Bilder es ihnen nach, wenn der kraftvolle Elefant in Schwarz-Weiß von Maria Suelmann großformatig neben der zarten „Das ist die Wiese meines Hundes hinter dem Diepholzer Bahnhof“ von Mona Wolfskämpf hängt und beide sich akzeptieren. Sowohl Elefant und Löwe von Suelmann als auch Wiese, Esel und Ziegen von Wolfskämpf sind Werke aus 2017, Musen und Inspirationsquellen für die Malerinnen. Die Werke der seit Jahren eingeschworenen Malgruppe beleben den Kuhstall auf weißes Leinen gehängt, wo sonst die Köpfe der Kühe auf die Diele schauten, vor der grünen Holzverschalung, auf Türen, vor Gefach mit morbidem Charakter und man hofft, dass die Zeit, die auch fraß, genau hier stehen bleibt.

Mona Wolfskämpf ist eine der derzeit vier Malerinnen aus dem Landkreis Diepholz, die in der Ateliergemeinschaft Freystil (Vechta) mit fünf Frauen aus dem Landkreis Vechta ihrer Mal-Laune frönt. Rechts im Hintergrund: Ihre Lieblingsblumenwiese hinter dem Diepholzer Bahnhof. - Foto: Brauns-Bömermann

Aber die Ausstellung heißt Evolution, im Sinne von fortschreitender Entwicklung. Dass die Damen sich wieder weiterentwickelt haben, attestieren die Besucher: „Ich bin ganz begeistert“, meint Elisabeth Hey. Viele gleichlautende Äußerungen folgen. Hausherrin und Gastgeberin Mattfeld fasst es so zusammen in ihrer Begrüßung: „Kunst impliziert Freiheit und setzt Nachdenken voraus. Wir sind durch unsere Malerei zur Besinnung und Gelassenheit gelangt“.

Verschiedene Wege zur Gelassenheit

Jede Künstlerin hat etwa sechs Werke beigesteuert, Maria Themann brachte auch Skulpturen mit. Der Weg zur Gelassenheit ist für jede anders: Beate Beck experimentiert mit Packpapier, Metallspänen, die am Objekt rosten, Weiß und Beize und heraus kommt eine an Stalaktiten oder Unterwasserwelt anmutende amorphe Welt. Mona Wolfskämpf hat es mit den Tieren: Esel und Ziege, mit einmaligem Blickkontakt zum Betrachter. Maria Themann abstrahiert globale Gefahren und lässt sie grafisch sprechen. Maria Suelmann liebt Portraits, wagt sich an die Großen wie Boxlegende Cassius Clay, „Weil er so eine Aura hat“ ergänzt sie.

Carola Ludewig experimentiert mit immer gutem Ausgang, auch wenn es mal monochrom schwarz bleibt oder sie die Bilder entgegen der gedachten Ausrichtung hängt. „Wichtig ist, dass man immer ein wenig verrückt bleibt“, sagt sie. Annette Aschern ist durch und durch Kunsttherapeutin und eine wahre Künstlerin von Portrait und Akt. Sie malte die Einladungskarte zur Ausstellung „Evolution“: Eine junge Frau mit Schlangenhaut und Schutzhaltung gegenüber den liebsten Gefährten von Mattfeld, den Primaten.

Zu Anne Arens finden die Besucher Mystisches und Karola Schnabel beamt sich knallrot in den Kosmos oder grün-olive ins Moor. In der Waschküche signiert Mattfeld bereits am Samstag auf der Waschmaschine ihr neues Buch „Die Spiegelnovelle“, das erst am Sonntag Buchpremiere hatte. Und: Donald Trump schaut von der Leinwand in guter Gesellschaft zu: Ausgerechnet neben einem Primaten, der René Descartes Grundsatz des modernen Denkens zitiert: „Ich denke, also bin ich“.

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