Kommunen suchen Antworten auf demographischen Wandel / Beispielhafte Projekte aus Barnstorf und Wallmerod

Auf dem Weg zu lebendigen Ortskernen

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Mehr als 40 kommunale Vertreter aus der Metropolregion Nordwest kamen beim ersten von drei Workshops im Barnstorfer Umwelt-Erlebnis-Zentrum (BUEZ) zusammen.

Brauns-Bömermann - Von Simone. Wie schaffen es Kommunen, Ortskerne als „Treffpunkt der Generationen“ zu revitalisieren und die Innenverdichtung als Chance für den demographischen Wandel zu verstehen? Dieser zentralen Frage gingen zahlreiche kommunale Vertreter zum Start einer dreiteiligen Workshop-Reihe im Barnstorfer Umwelt-Erlebnis-Zentrum (BUEZ) auf die Spur.

Der Veranstaltung, die von der Metropolregion Nordwest unterstützt wird, wohnten mehr als 40 kommunale Vertreter bei – mit dem Ziel des interkommunalen Austausches im Hinblick auf die alternde Gesellschaft und dessen Potenziale und Herausforderungen. Vor diesem Hintergrund hatte die Samtgemeinde Barnstorf als Gastgeber bereits einiges vorzuweisen. Als weitere „Leuchtturm-Kommune“ erwies sich die Verbandsgemeinde Wallmerod in Rheinland-Pfalz.

Barnstorfs Samtgemeindebürgermeister Jürgen Lübbers und Wallmerods Bauamtsleiter Michael Steudter füllten mit ihren Konzepten die geflügelten Worte aus Wissenschaft und Forschung mit Erfahrungen aus der Praxis. Das Stadium der einleitenden Fragestellungen haben die beiden Kommunen längst überwunden, sie sind aktiv auf dem Weg einer Erfolgsgeschichte mit Zukunft. Einer Zukunft mit Ortskernverdichtung, Baulücken- und Leerstandskataster, Belebung der Ortskerne, generationsübergreifende Wohnformen, Einbeziehung der Bürger in Entscheidungsprozesse und nicht zuletzt einem nachhaltigen Flächenmanagement durch Innenentwicklung, Flächenrecycling und Umnutzung, wie es in Barnstorf bereits an vielen Stellen deutlich wird.

„Wir haben ein Bürgerforum eingerichtet als Bindeglied zwischen Rat, Verwaltung und Einwohnern“, vermerkte Lübbers. Er zeigte den Zukunftsweg der Kommune auf und erinnerte an ein Schlüsselerlebnis, das ihn zur Bewusstseinsänderung brachte: „Ich habe das Wallmeroder Modell entdeckt und mir war klar, das wird schwer in der politischen Umsetzung, aber es ist das einzig Vernünftige“.

Rückblickend betrachtet gehörte tatsächlich eine ganze Menge Mut, Idealismus und Kampf dazu, den neuen Weg in der baulichen Entwicklung der Samtgemeinde Barnstorf zu gehen. Und auch das Eingeständnis, dass vorhergegangene Maßnahmen vielleicht nicht immer richtig waren. Die Summe vieler Aktionen führte schließlich nach Wallmeroder Vorbild zum Erfolg.

Das selbst definierte Leitbild „Barnstorf nachhaltig gut!“, verknüpft mit der Kampagne „Midden int Dörp“, wurde den Workshopteilnehmern vor allem bei Betrachtung eines innerörtlichen Sanierungsgebietes deutlich. An der Dr.-Rudolf-Dunger-Straße entstanden in den vergangenen Jahren durch das Engagement von Kommune und Wirtschaft mehrere Wohnungen „50plus“, ein Seniorenheim und das Mehrgenerationenhaus samt Mehrgenerationenspielplatz. Hinzu kamen Informationsveranstaltungen zu altersgerechtem Umbau und die Zusammenarbeit mit der TU Braunschweig zur Attraktivitätssteigerung im ländlichen Raum.

Flankierend erfolgte der Erwerb des Barnstorfer Bahnhofs und dessen barrierefreier Umbau, die Errichtung von Solaranlagen sowie Klimaschutzprojekte. Als jüngsten Erfolg führte Lübbers das geplante Baugebiet an der Walsener Straße in Barnstorf an. In diesem Zusammenhang solle ein bestehender Bebauungsplan aufgehoben werden, da er nicht sinnvoll in Bezug auf Innenverdichtung sei. Um ein geeignetes Grundstück von der Kirchengemeinde zu erwerben, sei zäh verhandelt worden.

Ein weiteres Stichwort im Workshop war „Jung kauft Alt“. Hintergrund sind die Sanierung und der Erhalt von alten, ortsbildprägenden Gebäuden. „Das klappt nicht immer“, räumte der Samtgemeindebürgermeister ein. Deshalb würden in Barnstorf Käufer und Verkäufer beraten. Sie könnten das initiierte Förderprogramm für Erwerb und Sanierung alter Bausubstanz, Abriss und Neubau an gleicher Stelle oder auch Bebauung von Baulücken in Anspruch nehmen. Alles unbürokratisch und mit Bescheid innerhalb eines Monats.

Solche Ideen unterstützte auch der Bauamtsleiter aus Wallmerod. Seine Kommune verfolge erfolgreich die Strategie, Ortskerne durch die Strategie „Innen statt Außen“ zu stärken. Dazu gehörten zeitgemäße Infrastruktur, aktive Generationen, funktionierende Dorfgemeinschaften sowie attraktive Region und innovatives Klima, erläuterte Steudter.

Zusätzlich waren in Wallmerod Ideen für eine Internet-Börse für Gebäude und Grundstücke, für ein Ideenwettbewerb für Umbauten, für die Förderung des Breitbandausbaus und für die Nahversorgung durch mobile Märkte gewachsen. Die Verbandsgemeinde war offenbar sehr konsequent vorgegangen, um ein „Dorf geschlossen!“ zu verhindern. Nach Angaben des Bauamtsleiters hatten die 21 Mitgliedsgemeinden seit dem Jahr 2003 keine Baugebiete mehr ausgewiesen. Der Südwestrundfunk betreute die Entwicklung schon vor Jahren und titelte: „Wallmerod ist ein Exportschlager“.

Die Aussage von Birgit Ahn von der Metropolregion Nordwest („Wir sind auf dem Weg zur Smart-Region durch intelligentes, integriertes Wachstum“) verblasste gegen so viel Engagement, Idealismus und Tatendrang. Der Ansatz von Demographie-Beraterin Dr. Anneli Röhr, den demographischen Wandel mit dem Klimawandel zu vergleichen, stimmte die Vertreter der Kommunen nachdenklich: „Erst wenn eine Problematik virulent ist, beschäftigt man sich mit dem Problem“. Röhrs These, warum die Kommunen teils ohnmächtig vor den realen Problemen stünden, war: Sie seien hoch komplex, noch nicht wahrnehmbar genug, führten zu Zielkonflikten und verursachten kurzfristig Kosten, die aber erst langfristig Nutzen brächten.

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