Mit „Oper op de Deel“ auf Hof Hibbeler in Rechtern ins Schwarze getroffen

Klappstühle und knallrotes Klavier

Rotes Klavier und blaues Licht: der chilenische Tenor Luis Olivares Sandoval und Pianistin Suwon Kim auf der Deele des Hofes Hibbeler in Rechtern. Foto: Brauns-Bömermann

Rechtern - Von Simone Brauns-bömermann. Es waren nicht die Bretter der „Scala“ in Mailand, obwohl die auch in die Jahre gekommen sind wie die Diele in Rechtern. Es war ein schlichtes Podest mit grünem Filzteppich wie das Grasgrün der benachbarten Wiesen, das die rund 80 Besucher der ersten „Oper op de Deel“ am Freitagabend auf dem Hof Hibbeler begrüßte.

Aber es waren die Klänge, die in der Scala, der Metropolitan Opera in New York und dem Royal Opera House in London aus Opern- und Operetten erklingen. Der Kulturverein „StadtLandFluss“ aus Rechtern hatte mit dem Kultur-Import aufs Land voll ins Schwarze getroffen. Wer nach dem Event noch meinte „Hier ist doch nichts los kulturell“ erntete schlicht ein müdes Lächeln.

Den Konzertabend hatte der Kulturverein „StadtLandFluss“ mit Unterstützung von Treffpunkt Kultur Barnstorf organisiert. Der Verein hat sich zur Aufgabe gemacht, Kunst und Kultur auf dem Land zu fördern.

Zu Gast war der chilenische Tenor Luis Olivares Sandoval, Mitglied im Ensemble des Bremer Theaters. Seine angekündigte Mitstreiterin, die Sopranistin Mariella Baier, war krankheitsbedingt ausgefallen.

Die Begleitung am Klavier übernahm die Pianistin Suwon Kim, die aus Heidelberg angereist war, um endlich einmal auf einem knallroten Klavier und der unverbauten Diele zu spielen.

Wie kamen das knallrote Klavier, der Tenor aus Chile und die Pianistin aus Südkorea nach Rechtern?

In der Musik und Kunst ist das kein Novum: Ensembles sind sehr gemischt mit unterschiedlichsten Nationalitäten, Klaviere kann man für Events leihen, offensichtlich auch knallrote, und Rechtern ist von Bremen rund 70 Kilometer weit entfernt. Verflechtet man diese Zutaten mit dem Netzwerk von Heimo und Ulrike Schulte, die erst seit zwei Jahren in Rechtern wohnen und vorher jahrelang in den Genuss von kulturellen Angeboten in der Hansestadt kamen, wird ein Schuh draus.

Gepaart mit dem Mut, für die Schönheit des Landes, seiner bestechenden Einfachheit und den Eigenarten der Gehäuse zu stehen, stand dem außergewöhnlichen Opern- und Konzertabend auf der Diele nichts mehr im Wege.

Bis auf die Pflanzen zur Dekoration der Bühne vielleicht. „So viele grüne Pflanzen hier, ich verspüre ein bisschen Allergie“, scherzte Luis Olivares Sandoval, doch seiner Tenorstimme konnten sie nicht wirklich die Luft nehmen.

Dietz und Mary Tretschok aus Bremen, versiert in der Organisation unorthodoxer Auftritte profilierter Künstler, moderierten den Opernabend.

Am Genuss des Abends konnte nichts hindern: Kein Klappstuhl, kein fehlendes Blattgold oder Samtvorhang.

Wie ein Diamant hatten die Stimme von Luis Olivares Sandoval und das einfühlsame Spiel von Suwon Kim das Geschehen ergriffen. Die Atmosphäre verstärkte die Arien aus Oper, Operette, den Ohrwürmern italienischer und lateinamerikanischer Lieder.

Luis Olivares Sandoval könnte auch „Der Hahn ist tot“ singen, die Frauen würden immer dem Charme seiner Stimme erliegen.

Pathos und großen Atem erlebte das Publikum auf der Diele „mitten im Grünen“. Der Bogen des Konzertes spannte sich von „Liedermachern“ wie dem Italiener Paolo Tosti und Stefano Donaudy, hin zur Arie „Una Furtiva Lagrima“ aus Gaetanos Donizettis Oper „L’Elisir d’Amore“ (Das Elixier der Liebe). Wäre die Bühne nicht vor dem hölzernen Dielentor gewesen, hätte man sich mit dem gefühlvollen Lied über die Macht der Liebe auf einem südländischen Balkon mit der Hauptfigur Nemorino gewähnt, der beobachtet, wie sein Liebestrank bei seiner Angebeteten zu wirken beginnt.

Pianistin Suwon Kim und Tenor Sandoval sind ein gefühlvoll aufeinander abgestimmtes Duo an Klavier und mit Gesang. Wie heimisch der Tenor bei anspruchsvollen Partien von Verdis, Mozarts und Lehàrs zartesten Arien ist, teilte er eindrucksvoll. Wie sich verzehrende Liebe anhört, transportierte er aus Lateinamerika. Die melancholische und energiebeladene Tenorfreude verkörperte Sandoval in Rechtern. Der Anschein, Lateinamerika läuft den Italienern den Rang ab bei guten Tenören, trügt nicht. Tatsächlich kommen Supertenöre heute vor allem aus Peru, Mexiko oder Argentinien. Luis Olivares Sandoval ist prädestiniert, den Wunsch nach „Küss mich viel“ („Bésame mucho“ nach Consuelo Velàsquez) ins schmachtende Publikum zu schleudern, macht den Spagat für Rechtern zwischen Belcanto und lateinamerikanischem Liebeslied.

Wie schön, dass sich „Bremen“ auf den Weg ins Umland gemacht hatte..

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