Keine Übergriffe im Landkreis Diepholz bekannt

Integrationsberater: „Flüchtlinge schämen sich für Köln“

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Rahmi Tuncer

Landkreis Diepholz - Von Julia Kreykenbohm. Das Telefon klingelt bei Rahmi Tuncer in diesen Tagen häufiger als gewöhnlich. Verschiedene Menschen rufen den Integrations- und Migrationsberater des Landkreises Diepholz an – doch sie alle stellen dieselben Fragen: „Was halten Sie von den Vorfällen in Köln? Was sagen Sie denn dazu?“ Sie klingen teilweise fordernd, aufgebracht. „Man hat schon den Eindruck, dass man sich rechtfertigen muss“, sagt Tuncer bedrückt.

Für ihn und seine Mitstreiter von Pro Asyl ist das, was durch die Silvesternacht ausgelöst wurde, ein schwerer Schlag. Seit Langem arbeiten sie unermüdlich daran, Brücken zwischen Flüchtlingen und Einheimischen zu bauen, Verständnis zu wecken und Voruteile zu beseitigen. Sie organisieren Veranstaltungen, bieten Gespräche an und haben auf diese Weise viele zarte Pflanzen für ein friedliches Zusammenleben gesät. Doch die geraten nun in Gefahr, gnadenlos zertrampelt zu werden von einer Woge des Hasses.

„Es wird nun wieder sehr viel verallgemeinert. Alle Muslime werden mit diesen Männern, die die Frauen in Köln, Hamburg und anderen Städten belästigt haben, in einen Topf geworfen“, berichtet Tuncer. Doch das, was die Täter gemacht hätten, ginge nicht mit dem zusammen, was der Islam lehre. „Nach dem Koran hätten sie so etwas nie tun dürfen.“

„Das Problem ist das anerzogene Frauenbild“

Aber woher kommt dann diese völlige Respektlosigkeit gegenüber den Frauen? „Das Problem ist das Frauenbild, das den jungen Männern häufig in ihren Heimatländern durch die konservativ geprägten Medien von europäischen Frauen vermittelt wird“, erläutert Tuncer. „Das freie Leben, auf das wir hier so stolz sind, wird dort negativ bewertet. Es wird gesagt, eine Frau, die nachts unterwegs ist, sucht das sexuelle Abenteuer. Die Frauen werden als die Provokateure dargestellt.“

Also sollten Frauen nachts zu Hause bleiben? „Auf keinen Fall“, betont Tuncer. „Wir müssen unser Leben genauso weiterführen wie bisher. Die Frauen dürfen ihren Lebensstil nicht ändern. Es ist das Bild dieser jungen Männer, das wir ändern müssen.“

Dass das nicht einfach wird, ist Tuncer bewusst, denn schließlich wurden diese Jugendlichen jahrelang durch diese Erziehung geprägt. Hinzu käme der Alkohol, den die meisten nicht gewohnt seien. „Außerdem sind auch viele gescheiterte Existenzen darunter. Doch ganz egal, warum sie es letztendlich getan haben, alle diese Täter müssen zu Rechenschaft gezogen werden.“

Syrer und Araber haben Angst vor den Folgen der Vorfälle

Diese Haltung teilen auch viele Flüchtlinge im Landkreis Diepholz, mit denen Tuncer gesprochen hat. „Die syrischen und arabischen Jugendlichen sind voller Hass auf diese jungen Männer, die so ein schlechtes Licht auf die Flüchtlinge werfen. Sie schämen sich für ihre Landsleute und sagen: ,Wir wünschten, wir wären dort gewesen, dann hätten wir uns diese Idioten vorgeknöpft‘.“ Aber sie haben auch Angst, welche Folgen die Vorfälle in den Großstädten für sie haben werden.

Im Landkreis Diepholz ist Tuncer kein einziges Ereignis bekannt, bei dem männliche Flüchtlinge Frauen belästigt haben. Arno Zumbach, Pressesprecher der Polizei, bestätigt diese Einschätzung. „Wir haben bisher im gesamten Kreis keinen Vorfall gemeldet bekommen. Die Polizei arbeitet genauso wie bisher, allerdings sind die Beamten durch die Ereignisse in Köln besonders sensibilisiert.“

„Dürfen Thema nicht wieder abreißen lassen“

Doch wie geht es jetzt weiter? „Wir müssen reden. Mit den jungen, männlichen Flüchtlingen und vor allem über sexualisierte Gewalt. Man darf dieses Thema nicht nach ein paar Wochen wieder abreißen lassen, sondern muss sich sachlich, aber kritisch damit auseinandersetzen.“ Von vermehrten Abschiebungen hält Tuncer nichts. Er wünscht sich eine Gesellschaft mit einer gemeinsamen Wertebasis, geprägt von Anerkennung und Wertschätzung.

Pro Asyl arbeite daran, indem sie weitere Aktionen planen, um Menschen zusammenzubringen. Wer Fragen hat, kann sich jederzeit an Tuncer wenden.

http://welthaus-barnstorf.de/menue/projekte/proasyl/

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