Junge Flüchtlinge reichen einer Nation die Hand

Pago Balke und die Zollhausboys gastieren im Meyer-Köster-Haus

Der Song „Swinging tram“ mit Gerhard Stengert (l.) und Shvan Sheikho entwickelte Eigendynamik. Aus einem Beingezappel entwickelt sich ein gemeinsamer Groove.

Barnstorf - Von Simone Brauns-Bömermann. „Wir schauen denselben Mond an, leben auf einer Erde, und wer den Islam mit Terror verwechselt, glaubt auch an den Weihnachtsmann.“ Bei der jüngsten Kulturveranstaltung im Meyer-Köster-Haus in Barnstorf fielen wahre Worte, die es erst einmal zu verdauen galt. Die Worte sprachen Schauspieler Pago Balke und seine Zollhausboys. Sie vermittelten den etwa 90 Besuchern, was Fremdsein und Flucht, Heimat und Ankommen bedeutet.

Der Name der Gruppe und des Projektes, für das Pago Balke den Hut aufsetzte, ist Programm: Das Zollhaus in der Überseestadt Bremen ist ein ehemaliges Hostel. In den vergangenen Jahren wurde es zur Zuflucht für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. Dort entstand auch die Idee, ein Programm mit und über die Neuankömmlinge zu machen. In Zusammenarbeit mit den vier Syrern Azad Kour, Ismaeel Foustok, Delyar Hamza und Shvan Sheikho entwickelte der bekannte Bremer Schauspieler eine Mischung aus Liedern, Poetry und Kabarett.

Balke treibt Zuhörern Schamesröte auf die Wangen

Dass die vier Flüchtlinge ausgerechnet auf Pago Balke trafen, erwies sich als Glücksgriff. Er formulierte eine Attacke gegen den Rechtspopulismus, die sich gewaschen hatte. Das Programm setzte sich aus den feinen Mitteln von Theater, Musik, Satire und Humor zusammen, die den Zuhörern die Schamesröte auf die Wangen trieb. Da könnte sich mancher Zuschauer in der Nacht zum Wahlsonntag vielleicht noch einen Anhang für seinen Wahlzettel geschrieben haben, um sich nicht allzu sehr zu schämen für die Aussagen, die in Bezug auf Flüchtlinge in Deutschland derzeit die Runde machen.

Es war, als gäben die minderjährigen Syrer einer Nation die Hand. Sie luden das Publikum mit poetischen, teils autobiografischen Texten auf eine Reise in ihre verlorene Heimat ein. Ganz ungefährlich für Deutsche: Kein Schlauchboot, keine Schlepper, kein Zurücklassen der Familie, kein Ertrinken, kein Trauma. Nur durch genaues Zuhören der individuellen Fluchtgeschichten, ihrer geheimen Träume für die Zukunft sowie ihrem Leben im Hier und Jetzt.

Die musikalische Inszenierung lag in Händen von Gerhard Stengert. Er begleitete die Truppe auf dem Marimbaphon. Die Songs entstanden auf Arabisch, Kurdisch, Englisch und Deutsch. Sie kamen als Blues, Rap oder auch als Ballade daher und trafen wie Pfeile. Die Texte der Flüchtlinge malten ein Bild von Flucht und Ankunft. Da war zum Beispiel das Stück „Coming from Aleppo to Paradice“, in dem es um eine Bremer Erstauffangstation mit dem verwirrenden Namen „Paradice“ ging.

Folter, Angst, Krieg, Terror und Hass

Die Lieder beleuchteten das Unvorstellbare des Krieges, den Tod eines Freundes, mit dem noch kurz zuvor Gitarre gespielt wurde, und sie machten das Heimweh nach Hitze und Regenduft in Syrien spürbar. „Wir leben unter der gleichen Sonne“, sangen die Flüchtlinge. Sie fühlen sich wie die Stadtmusikanten, wenn sie Zuflucht finden und fest an die neue Heimat glauben. Das wird im Song „Zollhausboys“ ganz deutlich.

Die Syrer halten Gericht über Assads Terrorregime, das sie kurzerhand „Daesch“ nennen, was übersetzt heißt: „Die, die Zwietracht säen“. Sie besingen Folter, Angst, Krieg, Terror und Hass. Die weitesten Gräben überwinden die Flüchtlinge mit der Zugabe: „Habibi, lass uns tanzen“. Da heißt es: „Wenn wir in helle Sterne schauen, uns richtig Romantik trauen, was macht es, ob da Allah wohnt, Jehova oder Jesus thront?“.

„Es ist mir peinlich, euch mit meinen Luxusproblemen zu langweilen. Ich ziehe den Hut vor euch“, wandte sich Pago Balke seinen jungen Mitstreitern zu. Er zeigte sich mit dem neuen Projekt sehr zufrieden. Die bisherigen Auftritte mit den Zollhausboys hätten so eingeschlagen, dass die Truppe noch versuche, den „Schlachthof“ in Bremen zu rocken. Wer sich im Barnstorfer Publikum nach dem Mega-Programm mit 28 Stücken noch fragte, wie Integration funktioniert, an dem war Samstagabend etwas vorbeigegangen.

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