Doppel-Interview zur Krise

Herbe Umsatzverluste durch Corona - egal ob Handel, Handwerk, Dienstleistung oder Produktion

Verzweiflung in der Gastronomie: Sie hat besonders stark unter den wirtschaftlichen Folgen der Pandemie gelitten. Deshalb demonstrieren Betroffene in Hannover.
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Verzweiflung in der Gastronomie: Sie hat besonders stark unter den wirtschaftlichen Folgen der Pandemie gelitten. Deshalb demonstrieren Betroffene in Hannover.
  • Anke Seidel
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Ob Handel oder Handwerk, Dienstleistung oder Produktion: Corona hat zahlreichen Betrieben im Landkreis Diepholz extreme Veränderungen gebracht – manche sogar an den Rand des Ruins. Im Interview nehmen Ludolf Roshop als Vorsitzender des Wirtschaftsausschusses in der Industrie- und Handelskammer (IHK) sowie Kreishandwerksmeister Matthias Wendland Stellung zur Lage. Die Fragen stellte Anke Seidel.

Corona hat die Wirtschaftswelt verändert. Herr Roshop, wie viele in der Industrie- und Handelskammer organisierte Betriebe sind Ihrer Kenntnis nach in Existenznot geraten?

Ludolf Roshop: Wir haben die Auswirkungen im Landkreis Diepholz vielleicht nicht so stark gespürt wie in anderen Regionen. Aber gelitten haben auch bei uns die klassischen Betriebe in den Bereichen Tourismus – wie Reisebüros zum Beispiel – oder Gastronomie und Transportwesen. Oder denken wir an Zeltaufbau-Unternehmen sowie Veranstalter und Eventbetriebe. Sie werden auch weiterhin die Folgen der Pandemie spüren. Bei vielen Betrieben werden sie sich auch erst später zeigen.   Zwar können einige Betriebe jetzt wieder starten. Aber es reicht bei Weitem nicht aus, weil es bei Veranstaltungen immer noch begrenzte Personenzahlen gibt. Das wird sich sicherlich noch bis Endes des Jahres hinziehen.

Matthias Wendland: Das Handwerk generell ist mit Sicherheit weit weniger betroffen von Existenznöten als andere Wirtschaftsbereiche wie zum Beispiel die Gastronomie. Trotzdem gibt es im Handwerk Betriebe, die sich nun um ihre Existenz sorgen. Zwischen den einzelnen Gewerken gibt es aber große Unterschiede. Für ein Resümee ist es meiner Meinung nach viel zu früh. Wenn sich in anderen Wirtschaftsbereichen zunächst keine Erholung einstellen sollte, dann werden sich diese Probleme auch noch stärker auf das regionale Handwerk auswirken. Steigende Arbeitslosenzahlen in anderen Bereichen gefährden dann natürlich die Auftragslage von Privatkunden im Handwerk; und auch unsere Zulieferbetriebe werden dann Probleme bekommen können. Insgesamt gehen wir davon aus, dass die Umsatzausfälle durch die Pandemie bis zum Jahresende nicht wieder aufgeholt werden können.

Welche Branchen leiden im Handwerk besonders unter den Folgen der Pandemie?

Matthias Wendland: Am stärksten fielen die Umsatzrückgänge bei den persönlichen Dienstleistern im Handwerk aus – vor allem bei den Friseuren. Es ist mir ein Anliegen, bei den Kunden noch einmal um Verständnis für die coronabedingten Maßnahmen bei den persönlichen Dienstleistungen zu werben: Der zusätzliche Aufwand, den unsere Mitgliedsbetriebe betreiben müssen, wie zum Beispiel das Haarewaschen vor den übrigen Leistungen, die Datenerfassung und ähnliches dienen dem Ziel, die Pandemie einzudämmen. Sie sind Bestandteil dessen, was auch die Berufsgenossenschaften zu Recht erwarten. Unsere Fortschritte in der Bekämpfung der Pandemie sollten wir nicht leichtfertig aufs Spiel setzen, indem wir dies infrage stellen. Stark betroffen waren aber natürlich auch die Gesundheitshandwerke wie zum Beispiel Zahntechniker und die Lebensmittelhandwerker, die zugleich Catering betreiben, beziehungsweise Cafés. Auch das Kraftfahrzeug-Handwerk verspürt die Krise stark.

Hat es Kündigungen gegeben – oder steht zu befürchten, dass Menschen ihre Arbeitsplätze verlieren?

Ludolf Roshop: Direkte Kündigungen hat es meines Wissens noch nicht gegeben. Da hilft uns die Kurzarbeit. Das ist schon ein wichtiges Instrument, um diese Zeit zu überbrücken. Bedenken muss man ja auch: Wenn wir weniger Waren brauchen, wird weniger transportiert und am Ende weniger produziert.       Ganz wichtig ist es, trotz allem weiterhin Auszubildende einzustellen. Das ist mein Appell! Damit wir auch in der Zeit nach der Coronapandemie gute Fachkräfte haben. Matthias  Wendland: Mein Eindruck ist, Kündigungen waren bislang kein Instrument, um auf die Krise zu reagieren. Das ist ein Zwischenfazit; in Zukunft wird es davon abhängen, wie schnell eine Erholung eintritt.

Das wichtigste Instrument zur Vermeidung von Arbeitslosigkeit in den am stärksten betroffenen Gewerken ist natürlich aktuell die Kurzarbeit. Viele Betriebe nutzen dieses Instrument. Denn es ist natürlich allen bewusst, wie wichtig es ist, die Fachkräfte im Betrieb zu halten, um nach der Krise einen guten Start hinlegen zu können.

Sind Umsätze aufgehoben – oder nur aufgeschoben?

Ludolf Roshop: Die Umsätze sind aufgehoben. Wer jetzt nicht zum Essen gegangen ist, der holt das später nicht nach. In den vergangenen Monaten haben die Menschen außerdem viele Waren – Textilien zum Beispiel – im Internet bestellt. Diese Umsätze werden nicht nachgeholt. Wir werden damit leben müssen, dass die Betriebe in diesem Jahr weniger haben. Aber trotzdem müssen wir optimistisch in die Zukunft schauen – und die Umsätze vielleicht 2021 nachholen. Matthias  Wendland: Ob Umsätze aufgehoben sind hängt davon ab, wie schnell die wirtschaftliche Erholung in allen Bereichen unserer Wirtschaft eintritt. Gelingt dies schnell, dann gehe ich von „aufgeschoben“ aus. Wenn sich aber keine schnelle Erholung zeigt, dann wird eine deutliche Konsumzurückhaltung auch die Auftragslage im Handwerk gefährden.

Hat die Soforthilfe wenigstens Linderung verschafft?

Ludolf Roshop: Die Soforthilfe hat in der ersten Zeit Linderung verschafft. Ich glaube, dass die Überbrückungshilfe II, die jetzt kommt, ganz wichtig ist. Kredite sind für viele Betriebe keine Lösung. Und wenn wir an die zahlreichen Beitragsstundungen denken, die Krankenkassen eingeleitet haben, dann müssen die zurückgezahlt werden – genauso wie Kredite. Viele Betriebe haben in diesen Zeiten gelernt, wie wichtig es ist, Liquidität zu haben. Langfristig müssen wir uns mehr Gedanken darüber machen, wie wichtig Liquidität für die Zukunft ist. Matthias Wendland: Ja, das hat die Soforthilfe, auch wenn das Anlaufen der Verfahren sehr holperig war, Anträge verschwanden und Mittel dadurch erst verzögert kamen. Wichtig war, dass unsere Mitglieder möglichst schnell über die Maßnahmen informiert wurden, damit sie Hilfen in Anspruch nehmen konnten und ich glaube, das konnten wir leisten. Trotzdem: Ein solch historischer Einbruch in der Wirtschaftsleistung konnte nicht kompensiert werden.

Was müsste der Bundestag aus Ihrer Sicht dringend entscheiden, um die Wirtschaft vor weiteren Schäden zu schützen?

Ludolf Roshop: Der Bundestag sollte lernen, vielleicht auch mal Steuern abzuschaffen und viele Dinge zu vereinfachen – damit uns die Bürokratie nicht so stark belastet. Er sollte Gesetze durchforsten und vielleicht auch mal den Mut haben, etwas ganz abzuschaffen. Wir dürfen nicht vergessen, dass Homeoffice und Internet-Käufe auch nach der Pandemie verstärkt bleiben werden. Es wird nicht mehr so sein wie früher. Wichtig ist ebenso, Kurzarbeit im Akutfall länger ausdehnen zu können. Damit verhindern wir zusätzliche Kündigungen. Beim Handel, der unter der Pandemie stark gelitten hat, muss über Öffnungszeiten neu nachgedacht werden. Sie müssen so gestaltet werden, dass Einzelhändler gegen die Online-Konkurrenz eine Chance haben. Denn das Internet hat 24 Stunden am Tag und in der Woche geöffnet. Deshalb muss man mehr als bisher über verkaufsoffene Sonntage nachdenken. Wir wollen ja vermeiden, dass die Rückgänge in den Innenstädten noch stärker sind. Mal shoppen zu gehen, das gehört zu unserer Kultur doch dazu.

Matthias Wendland: Am wichtigsten ist nach meiner Einschätzung der Erhalt der Liquidität der Unternehmen. Hier wurden mit den jetzt beschlossenen Überbrückungshilfen weitere wichtige Schritte angefangen; diese müssen auch im weiteren Jahresverlauf bedarfsgerecht justiert werden. Unsere Kommunen und alle staatlichen Ebenen dürfen Investitionen durch coronabedingt höhere Ausgaben nicht aufschieben, sondern müssen durch zusätzliche Projekte die Nachfrage stabilisieren.

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