Reaktionen auf Kritik an „Klein-Klein-Planung“

„Infrastruktur muss rasch genug mitwachsen“

Halten die Vorgehensweise des Fleckens bei der Baulandentwicklung für richtig: Bürgermeister Stefan Wachholder und Gemeindedirektor Ingo Fichter (v.l.).
+
Halten die Vorgehensweise des Fleckens bei der Baulandentwicklung für richtig: Bürgermeister Stefan Wachholder und Gemeindedirektor Ingo Fichter (v.l.).

Harpstedt – Hermann Bokelmanns Vorschläge zum Wachhalten der Erinnerung an die Ermordung der Harpstedter Juden während der NS-Diktatur hat der Fleckenrat dem Vernehmen nach als konstruktiven Beitrag gewertet. Seine Kritik an der „Klein-Klein-Planung“ bei der Baulandentwicklung soll indes in den Ohren nicht weniger Ratsmitglieder nach Belehrung seitens des früheren Bürgermeisters geklungen haben, der schon lange nur noch von außen auf die Ratsarbeit blickt. Daran änderte auch Bokelmanns Beteuerung nichts, er wolle gerade nicht als Besserwisser auftreten.

Im Gespräch mit unserer Zeitung rechtfertigten der amtierende Bürgermeister Stefan Wachholder und Gemeindedirektor Ingo Fichter die Vorgehensweise des Fleckens beim Thema Bauland. Dass die Gemeinde nicht das Wohngebiet „Am Großen Wege“ in „Richtung Schlüter“ erweitert habe, sondern nun zum Koems hin voranschreite, habe auch mit der Anbindung der Hannoverschen Straße zu tun. Wachholder: „Dieses Thema wollen wir endlich mal vom Tisch haben.“ Für eine innerörtliche Anbindung sei Bebauung auf beiden Seiten der verlängerten Langen Straße (L 341) eine behördliche Forderung gewesen. „Es hieß sogar, wir müssten einen Gehweg auf Hochbord haben. Dafür hätten wir gegenüber von ID.-Bau die ganzen Bäume entfernen müssen, nur um da für viel Geld einen Bürgersteig hinzuzimmern. Nun wird der OD-Stein nicht versetzt, und wir bekommen eine außerörtliche Anbindung, aber keinen Kreisel“, so der Bürgermeister.

Zu Bokelmanns Zeiten seien große Flächen ausgewiesen worden, die „wer weiß wem“ gehörten, „fremden Leuten eben“, und dann sei ein Umlegungsverfahren (Grundstücksflächentausch-/Bodenordnungsverfahren) eingeleitet worden. Das berge aber zumindest Züge einer „gefühlten Enteignung“ in sich, urteilte Wachholder. „Wir sind seit vielen Jahren davon ab. Wir fahren doch ganz gut damit, dass wir benötigte Flächen als Gemeinde erst von den Eigentümern aufkaufen und dann daraus Bauland machen. Das ist eine saubere Sache: Alle bauen gleichzeitig. Wenn alle fertig sind, wird die Straße endausgebaut.“ So lasse sich ein Wohngebiet ohne Lücken und Brachen am besten realisieren, pflichtete Fichter bei.

Ich weiß gar nicht, wie oft damals der Umlegungsausschuss getagt hat. Das ganze Prozedere hat bestimmt zwei bis drei Jahre gedauert.“

Horst Hackfeld

Der stellvertretende Bürgermeister Horst Hackfeld, der sich telefonisch zum Thema äußerte, sah das genauso. Ein großer Vorteil sei zudem, die Baugrundstücke als Gemeinde erschlossen verkaufen zu können. Ein Umlegungsverfahren sei ja im Grundsatz eine schöne Sache, aber nicht selten langwierig. „Ich habe das mal mitgemacht – für die ,Loge’. Ich weiß gar nicht, wie oft damals der Umlegungsausschuss getagt hat. Das ganze Prozedere hat bestimmt zwei bis drei Jahre gedauert.“

Die (Neu-)Zuteilung der Grundstücke kann nach Hackfelds Erfahrung mit Neid und Begehrlichkeiten einhergehen. Es sei nicht leicht, eine Einigung mit allen Eigentümern zu erzielen, ohne dass sich jemand übervorteilt fühle. Unschöne Brachflächen seien ein zusätzliches Drama, das mangelnder Verkaufswille von privater Seite nach sich ziehen könne. Dem entgegenwirken könne die Gemeinde durch frühzeitiges Erschließen beziehungsweise damit, die Grundeigentümer gleich für die Erschließung zur Kasse zu bitten. Das baue auf einige indirekt Druck auf: „Eigentümer, die das Geld haben, bezahlen. Andere lassen stunden. Wieder andere aber verkaufen sozusagen zwangsweise ihr Grundstück.“

Mindestens 60 Baugrundstücke

Für die Baulandentwicklung in Richtung Koems, zwischen „Am Großen Wege“, „Am Schützenplatz“ und Moorlandsweg, gab es mit der Kirche nur eine Grundeigentümerin, mit der sich der Flecken einig werden musste (daher gibt es hier keinen Bedarf für eine Umlegung). Klein-Klein plant die Gemeinde gleichwohl nicht. Wachholder überschlug grob, dass die 4,4 Hektar für mindestens 60 Baugrundstücke reichen sollten.

Es ist gerade in der heutigen Zeit schwer vermittelbar, Wohnbauflächen im Köcher zu haben, sie aber dann nicht auf den Markt zu schmeißen.

Ingo Fichter

Warum der Flecken das Baugebiet „Am Großen Wege“ mit vier – „in Reihe geschalteten“ – B-Plänen entwickelt hatte, statt es bei einer großen Bauleitplanung zu belassen und abschnittweise zu erschließen (was Bokelmann für den richtigen Weg hält), erläuterte Ingo Fichter: Es sei gerade in der heutigen Zeit schwer vermittelbar, Wohnbauflächen „im Köcher zu haben, sie aber dann nicht auf den Markt zu schmeißen.“ Es sei aber auch eine taktische Entscheidung gewesen, zunächst ein kleineres Gebiet zu entwickeln, die Nachfrage zu sondieren und dann – wenn nötig – schnellstmöglich Bauland nachzulegen.

Was uns ein bisschen blöd hat dastehen lassen, war die Zinspolitik.

Stefan Wachholder

„Was uns ein bisschen blöd hat dastehen lassen“, so Wachholder, sei die Zinspolitik gewesen. Das dauerhaft niedrige Zinsniveau habe das Bauen auch Familien mit weniger hohen Einkommen ermöglicht. Deshalb seien die Baugrundstücke wie geschnitten Brot weggegangen, aber das sei eben nicht vorhersehbar gewesen.

Größer zu planen, wie es Bokelmann gern hätte, hat noch einen weiteren Haken: „Die Infrastruktur des Ortes muss schnell genug mitwachsen“, weiß Wachholder. Selbst wenn eine Gemeinde 100 Grundstücke in einem Jahr verkaufen könnte, gelänge es ihr schwerlich, genauso rasch einen neuen Kindergarten zu bauen. „Das muss Schritt für Schritt gehen“, findet der Bürgermeister.

Die ersten Fragen vieler Bauwilliger lauteten erfahrungsgemäß, so Fichter: „Wie gut ist die Breitbandversorgung?“, „Wo ist die nächste Schule, wo der nächste Kindergarten?“. Und: „Kriege ich einen Kita-Platz?“

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

Meistgelesene Artikel

Mann bedroht Frauen mit Schusswaffe – nach Stunden greift das SEK zu

Mann bedroht Frauen mit Schusswaffe – nach Stunden greift das SEK zu

Mann bedroht Frauen mit Schusswaffe – nach Stunden greift das SEK zu
Schwerer Zusammenprall auf der Bundesstraße 61 bei Heerde

Schwerer Zusammenprall auf der Bundesstraße 61 bei Heerde

Schwerer Zusammenprall auf der Bundesstraße 61 bei Heerde
Kater legt 250 Kilometer vom Harz nach Bassum zurück

Kater legt 250 Kilometer vom Harz nach Bassum zurück

Kater legt 250 Kilometer vom Harz nach Bassum zurück
Zirkusfamilie Köhler eröffnet Hüpfburgpark in Sulingen-Gaue zugunsten der Tiere

Zirkusfamilie Köhler eröffnet Hüpfburgpark in Sulingen-Gaue zugunsten der Tiere

Zirkusfamilie Köhler eröffnet Hüpfburgpark in Sulingen-Gaue zugunsten der Tiere

Kommentare