Selbsthilfegruppe mit Pastoren im Gespräch

Gegen das Wort „Selbstmörder“

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Mitglieder der Selbsthilfegruppe Angehörige um Suizid (Agus) „Warum?!“ trafen sich i Barnstorf mit Pastoren zum kritischen Austausch.

Suizid. Ein geliebter Mensch nimmt sich das Leben. Die ersten Worte und Gesten, die die Schockstarre der Angehörigen und Hinterbliebenen durchbrechen, sind zentral.

Barnstorf - „Sie haben keine Schuld.“ Das sei kein großer Satz, habe aber eine große Aussagekraft, meinte Holger Plate aus Siedenburg. Er ist einer der Moderatoren und Betroffener in der Selbsthilfegruppe Angehörige um Suizid (Agus) „Warum?!“ in Barnstorf.

Plate hat gerade eine seiner landwirtschaftlichen Flächen brach gelassen, um Angehörigen die Chance zu geben, einen Obstbaum für verstorbene Kinder zu pflanzen. „Damit die Welt nach dem Unfassbaren nicht ganz stillsteht“, meint der Vater, der einen Sohn durch Suizid verlor und der, wie einige seiner Mitgliederkollegen, schlechte Erfahrungen mit den Reaktionen seitens der Kirchenvertreter gemacht hat: „Unser Pastor konnte nur sagen, dass unser Sohn sich nicht an die zehn Gebote gehalten hat.“

Damit solche Aussagen an Gewicht verlieren, ist die Gruppe in Barnstorf und durch einen Artikel aus der Kreiszeitung von Mai (Thema des Tages: „Woche für das Leben“ Kirchen setzen sich für Suizidprävention ein) an die Kirchenleute getreten: „Wir wünschen uns einen offenen Dialog und unsere Kritik ist rein konstruktiv“, so Reinhard Kück aus dem Leitungsteam.

Die Selbsthilfegruppe Angehörige um Suizid „Warum?!“ hatte zum Austausch die Vertreter der evangelischen und katholischen Kirchen ins Mehrgenerationenhaus eingeladen. Der Einladung folgten die evangelischen Pastoren Torben Schröder und Ilka Strehlow (Barnstorf), Gerald Engeler (Schwaförden, Sulingen), Elmar Orths (Twistringen) und der katholische Pfarrer Bernd Heuermann (Barnstorf, Diepholz).

Am Gespräch nahmen auch Maren Mimus vom Igel (Interessengemeinschaft Gesundes Leben) sowie Bestatter-Ehepaar Marion und Florian Krause aus Barnstorf teil.

Darüber, dass sie gefragt sind, wenn die Welt plötzlich still steht für die Zurückgelassenen, waren sich die fünf Pastoren offensichtlich klar. Welche Ausmaße die Pein um einen Selbstmord jedoch hat, erfuhren sie offen von den Mitgliedern, deren Angehörigen erst kurz oder bereits länger verstorben sind.

Was die sieben der ansonsten elfköpfigen Mitgliedergruppe um Silvia und Reinhard Kück eint, ist der Wunsch, nicht stigmatisiert zu werden aufgrund der Selbsttötung eines geliebten Menschen. Das Prozedere bei Freitod sei emotional und rational kaum zu verkraften, da sei die Wortwahl ganz wesentlich. „Wir wünschen uns, dass das Wort ,Selbstmörder’ ganz verschwindet“, sagt Silvia Kück als Einstieg in die zweieinhalbstündige Diskussion um die Verantwortlichkeit der Seelsorge. Die Betitelung als „Selbstmord“ sei verletzend und enthalte den Straftatbestand: „Suizid und Selbsttötung ist neutral.“

Schnell werden nach der Vorstellungsrunde mit genauer Beschreibung, wer starb und wie die ersten Stunden verliefen, die Defizite in der seelsorgerischen Versorgung deutlich. „Faktisch sieht die Krisenintervention im Landkreis Diepholz so aus: In der Notrufleitstelle wird entschieden, ob ein Seelsorger notwendig ist“, erklärte Pastor Orths. „Manchmal sind wir auf die Info der Bestatter angewiesen“, gestand Torben Schröder.

„Hier gilt es, von Seiten des Landkreises anzuknüpfen“, kommentierte Bernd Heuermann. „Der Landkreis Vechta macht es besser vor“, ergänzte Marlene Krause und beschrieb das dort funktionierende Netzwerk.

Dass der Umgang mit den Angehörigen im Suizidfall besonders ist, arbeitete Reinhard Kück heraus. „Wir nennen uns ,Warum?!’, weil die Antwort auf die Frage ,Warum hat er oder sie sich das und uns angetan?’ schwer bis gar nicht zu finden ist.“

Wie schwierig es sei, über den Akt der Selbsttötung als besondere Todesursache zu sprechen, wie Sprache versagt, das Unfassbare auszudrücken, und wie viel Hilfe notwendig ist, um das Weiterleben nach Punkt Null für die Hinterbliebenen möglich zu machen, erhielten die fünf Kirchenvertreter einen Einblick.

„Wir möchten eine gemischte Runde“, hatte Silvia Kück den Abend eröffnet und symbolisch Seelsorger neben Betroffene platziert. Nach der persönlich erlebten Kritik an kirchlicher Seelsorge, aber auch dem positiven Erleben eines Mitglieds, wollten die Mitglieder Details der Ausbildung im puncto „Umgang mit Suizid“ wissen. „Ich habe ein freiwilliges Seminar während des Studiums besucht“, erinnerte sich Ilka Strehlow. Die Mehrzahl der Seelsorger monierte aber das Fehlen der Vorbereitung auf die besondere Trauerarbeit.

„Was würden Sie sich von der Kirche wünschen?“, fragte Schröder. Ich wünsche mir, dass Sie die Suizid-Thematik in die Kirchenvorstände tragen und um mehr Empathie werben“, so Plate. „Seelsorge muss vor allem in den ersten Stunden konfessionsunabhängig funktionieren“, so ein Gruppenmitglied aus Bassum.

Von Seiten der Vertreter der Kirchen kamen die Vorschläge: „Lassen Sie uns das in der katholischen Dekanats- und Pastoralkonferenz und in der evangelischen Kirchenkreiskonferenz thematisieren.“

Auch Kirchen als geschützten Raum zu öffnen, vielleicht einen Gedenktag zu etablieren oder einen zentralen Ort auf dem Friedhof für offene, individuelle Trauer, wurden angedacht. „Wir planen einen Austausch mit der Polizei für nächstes Jahr“, erklärte Silvia Kück.

Der Gesprächsabend behandelte existenzielle Fragen von Leben- und Seelenzustand, Aufarbeitung von Versäumnissen im Umgang mit Betreuung von Hinterbliebenen, Bestattungskultur bei Selbsttötung und den fehlenden Raum zum Thema.

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