Viele Freunde, wenig ÖPNV

Studie: Geflüchtete bleiben gerne auf dem Land – wenn die Umstände passen

Dr. Peter Mehl sitzt mit Kopfhörern und Mikrofon vor einer Bücherwand und referiert.
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Teils mit technischen Problemen, aber absolut faktensicher, präsentierte Dr. Peter Mehl vom Thünen-Institut Studien über Geflüchtete auf dem Land.

Landkreis Diepholz – Leben zu viele Geflüchtete in Deutschland? Die meisten Befragten einer Studie aus 2016 sagten: Ja. Doch dann wurden sie gefragt: „Es ist gut, sich für Flüchtlinge zu engagieren.“ – Würden Sie dieser Aussage zustimmen? Die Mehrheit antwortete: Ja.

Mit auf den ersten Blick widersprüchlichen Fakten wie diesen befasste sich am Donnerstagabend eine Online-Veranstaltung vom Verein Niedersächsischer Bildungsinitiativen (VNB), der Volkshochschule und der Ländlichen Erwachsenenbildung (LEB). Der Titel: „Zukunft für Geflüchtete in ländlichen Räumen Deutschlands?“. Statt der rechtspopulistischen Frage „Wie werden wir die wieder los?“ nachzugehen, diskutierten die rund 23 Teilnehmer darüber, wie man für Geflüchtete in der Region eine gute, lebenswerte Umgebung schaffen kann, in der sie gerne bleiben.

Fachlichen Input gab es von Dr. Peter Mehl. Der Sozial- und Politikwissenschaftler ist stellvertretender Leiter des Thünen-Instituts, das sich als Bundeseinrichtung der Erforschung von ländlichen Räumen, Wald und der Fischerei verschrieben hat. Im digitalen Gepäck hatte Mehl Statistiken und Umfrageergebnisse von diversen Forschungseinrichtungen. Praktische Erfahrung steuerte unter anderem Michael Röder bei, der beim VNB in Barnstorf seit Jahren mit Geflüchteten arbeitet.

Auch wenn der Landkreis Diepholz nicht unter den bundesweit acht untersuchten Regionen war, die Mehl vorstellte: Übertragen ließen sich die Ergebnisse dennoch – beispielsweise aus dem Nachbarkreis Vechta. Dem gelang es mit Abstand am besten, die Geflüchteten – und damit potenzielle Fachkräfte – in der Region zu halten, so Mehl. Er stellte klar: Dass alle Geflüchteten irgendwann in die Städte gehen, „das stimmt so definitiv nicht“.

In einer empirischen Studie fanden die Forscher heraus: Der schlechte öffentliche Nahverkehr auf dem Land ist ein großes Problem für Geflüchtete, häufig gebe es dafür aber ein gutes soziales Klima. Etwas anders stellte sich die Lage in fast allen Punkten in sächsischen Landkreisen dar. Dort gab es weniger gesellschaftlichen Rückhalt. Dabei sei dieser immens wichtig, wie Michael Röder betonte: „Ohne Unterstützer und Ehrenamtliche wäre meine Arbeit unglaublich schwierig und kaum zu machen.“

Das Thema Mobilität nahm ebenfalls einen großen Teil in Mehls Vortrag ein. Dass man es ohne Auto auf dem Land schwer hat und Fahrradfahren nicht für jeden eine Option ist, deckte sich mit der Erfahrung der Veranstaltungsteilnehmer. Marion Rolle vom VNB berichtete, dass es teils schwierig für Geflüchtete sei, Sprachkurse zu erreichen. Eine andere Teilnehmerin beklagte allein beim Supermarkt-Einkauf „extreme Probleme“. Eine Iranerin berichtete von der schwierigen ärztlichen Versorgung ihres behinderten Sohns. „Mit dem ÖPNV sind im Grunde alle acht Landkreise nur bedingt zufrieden“, fasste Mehl die Forschung zusammen.

Einen weiteren Schwerpunkt nahm das Thema Wohnraum ein. Die Iranerin beschrieb große Probleme bei der Suche nach barrierefreiem Wohnraum nahe Bruchhausen-Vilsen. Peter Mehl widerlegte derweil die gängige Annahme, auf dem Land gebe es grundsätzlich viel Wohnraum: „Das ist schlicht und einfach nicht richtig.“ Den Eindruck hat auch Michael Röder: „Die Wohnraumsituation ist ähnlich schlimm wie in mittelgroßen Städten.“

Aber was kann eine ländliche Kommune tun, damit sich Geflüchtete bei ihr wohlfühlen? Es gebe da kein Kochrezept, bei dem man einfach nur die richtigen Zutaten hinzufügen muss, lautete die ernüchternde Antwort von Peter Mehl. Einige entscheidende Faktoren seien jedoch in einem Policy-Brief nachzulesen, der in Kürze auf der Homepage des Thünen-Instituts veröffentlicht werden soll. Bis dahin lohne vielleicht ein Blick nach Vechta. „Da kann man sich ein bisschen was abgucken“, vermutet Mehl.

Michael Röder formulierte zum Ende der Veranstaltung noch einen Wunsch bezüglich der hauptamtlichen Geflüchtetenarbeit in der Region: „Für mich wäre das Wichtigste auf Landkreisebene, vorhandene Strukturen längerfristig zu stabilisieren.“ Nur dann könne jeder erkennen: „Vielfalt kann unglaublich Spaß machen und gewinnbringend sein.“

Weitere Infos zur Studie:

www.thuenen.de/index.php?id=7827

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