Barnstorfer verbringt elftes Schuljahr in Indien / Engagement für „Fridays For Future“

Gang zum Bäcker mit Stein zum Schutz

Anis El Gumati macht ein Selfie vor einer Tempelanlage.
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Anis El Gumati macht ein Selfie vor einer Tempelanlage.

Barnstorf – In eine fremde Kultur eintauchen, in ein Land fernab der eigenen Heimat. Ein Schuljahr im Ausland verbringen. Ein Traum vieler Schüler. Der Traum des Schülers Anis El Gumati aus Barnstorf. Doch statt USA, Australien oder Neuseeland als Ziel, entschied der 16-Jährige sich für einen Auslandsaufenthalt in Indien. Neben dem regulären Schulbesuch dort engagierte sich der Gymnasiast bei Fridays for Future (FFF) und organisierte in Indien eine Klimademonstration. Über seine Erfahrungen im Auslandjahr berichtet der Schüler im Gespräch mit unserer Zeitung.

„Ich bin aus dem Flugzeug in Neu Dehli ausgestiegen und war erst einmal geschockt. Von den über 40 Grad Celsius und einer extrem hohen Luftfeuchtigkeit abgesehen, tummelten sich Massen an Menschen in den Straßen. Der Verkehr war das reinste Chaos. Solche Bilder kannte ich bisher nur aus dem Fernsehen oder dem Internet“, erzählt Anis über seinen ersten Tag in Indien. Er habe schon länger den Wunsch gehabt, die elfte Klasse im Ausland zu verbringen. An Indien habe ihn das komplett Fremde der Kultur gereizt. „Etwas ganz Neues kennenzulernen war für mich auschlaggebend“, sagt Anis.

Über eine Agentur hat er seine Gastfamilie und Schule gefunden. Und so machte der 16-Jährige sich im August 2019 auf den Weg Richtung Asien. Nach einer Orientierungswoche ging es für ihn in seine Gastfamilie und in die Schule. „Insgesamt gehen 18 000 Schüler auf meine Schule dort. Allein in meiner Klasse waren 150 offiziell angemeldet. Da viele Inder in den höheren Schichten aber Privatunterricht bevorzugen, waren von den 150 meist nur gerade mal acht regelmäßig anwesend“, berichtet der Barnstorfer.

Bis zum 14. Lebensjahr gibt es in Indien eine Schulpflicht. Die Fächerauswahl, so Anis, sei relativ ähnlich mit der hier in Deutschland. Ab der zehnten Klasse könne man zudem aus den Zweigen Medizin, Finanzen und Buchhaltung, Kunst/Soziales oder auch Ingenieurwesen wählen. „Ich habe zum Beispiel die Fächer Psychologie, Tanzen und auch Buchhaltung gehabt“, erzählt der Gymnasiast. Das indische Schulsystem fordere im Vergleich zum deutschen viel mehr das Auswendiglernen Inhalten und weniger das eigenständige Denken, musste Anis feststellen.

Insgesamt würden die Schüler seiner Schule um die zwölf Stunden am Tag mit schulischen Dingen verbringen. „Witzig war, dass die Schule keine feste Anfangszeit hatte, sondern diese sich immer nach dem Stand der Sonne gerichtet hat“, berichtet Anis lachend. Die Geschlechter seien in Indien strikt – auch in der Schule – getrennt, sodass im Unterricht die Mädchen meist hinten und die Jungen vorne sitzen.

Außerhalb der Schule hat der Barnstorfer Schüler aber auch eine ganz fremde Kultur kennenlernen dürfen. „Mir ist aufgefallen, dass der familiäre Zusammenhalt deutlich stärker ist, als hier in Deutschland. Auch ist die gesellschaftliche Spaltung stärker ausgeprägt als hier. Einfach formuliert: Jeder hat zwar ein Dach über dem Kopf. Bei den einen ist es Wellblech, bei den anderen ist es das einer Villa. Eine Mittelschicht gibt es nicht“, erklärt Anis.

Angst habe er, auch während der Corona-Pandemie, fast nie gehabt. „Das Einzige: Ich musste zum Bäcker einen Stein mitnehmen, um mich gegebenenfalls vor Straßenhunden zu schützen“, sagt Anis. Es habe ihn sehr beeindruckt, wie viele Tiere auf der Straße herumlaufen. Von Elefanten über Antilopen und Kühen hin zu Hunden sei alles auf den Straßen Indiens zu finden.

Eines der größten Highlights von Anis El Gumati während seines Indienaufenthaltes war, dass er mit Freunden dort eine „Fridays for Future“-Demonstration geplant und durchgeführt hat. „Es hat uns viel Überzeugungsarbeit gekostet, dass wir solch eine Demonstration in der Schule stattfinden lassen durften.“ Das Interesse an dem Thema Klimawandel sei in Indien nicht so hoch, wie hierzulande, da dort viele vorrangig zunächst mit ihrer eigenen Armut zu kämpfen hätten, vermutet Anis als Grund für die geringe Resonanz. Trotzdem seien sie mit Schildern auf die Straßen gegangen und es habe allen sehr viel Spaß gemacht.

Den Beginn der Corona-Pandemie erlebte der Barnstorfer in Indien. „Direkt vor meinem Haus wurde ein Corona-Krankenhaus eröffnet“, erzählt Anis. Das Auswärtige Amt hat ihn dann nach neuneinhalb Monaten Aufenthalt – früher als geplant – zurück nach Deutschland geholt. Dafür sei er rückblickend sehr dankbar.

Eine interessante Information hat Anis zum Abschluss des Gespräches noch: „Curry, wie wir es kennen, wird in Indien kaum gegessen. Dafür gibt es eine große Anzahl an anderen leckeren Speisen dort, an die sich unser europäischer Magen erstmal gewöhnen muss. Die ersten zwei Monate bedeuteten auch für mich erst einmal nur Durchfall.“

Trotzdem, er empfehle jedem einen Auslandaufenthalt, um eine fremde Kultur und Sprache kennen zu lernen. Aber auch für die Persönlichkeitsentwicklung bringe solch er viel. Anis: „Ich habe mich immer gefühlt wie ein Sohn der Familie und des Landes.“

Von Jan Scholz

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