Sozialarbeiter berichten von ihren Erfahrungen

Flüchtlingsarbeit braucht neue und langfristige Strukturen

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Die Flüchtlingssozialarbeiter stoßen noch immer auf viele Hürden in ihrem Arbeitsalltag.

Landkreis - Eine geflüchtete Frau aus Syrien muss zum Frauenarzt. Da kein Dolmetscher zur Verfügung steht, wird kurzerhand der zehnjährige Sohn mitgeschickt, weil der schon ganz gut Deutsch spricht. Problem gelöst. Dass er womöglich Dinge übersetzen muss, die er nicht versteht, die ihn überfordern – und der Mutter auch vor ihrem Kind sehr unangenehm sind, wird dabei übersehen.

Eine Situation, die öfter vorkommt, wie Petra Mallwitz-Sainio von der Koordination Flüchtlingshilfe in Barnstorf weiß. „Im medizinischen Bereich gibt es viele Probleme bei der Verständigung. Da werden Kinder leider öfter als Übersetzer ge- und auch missbraucht. Darum braucht es mehr gute Übersetzer, Männer und Frauen, denn man kann sich vorstellen, dass keine Frau es als angenehm empfände, wenn ein Mann in der Situation übersetzt.“

An die 30 Personen sitzen an den Tischen im katholischen Pfarramt Twistringen und hören Mallwitz-Sainio zu. Sie kommen aus allen Teilen des Landkreises und haben mit der Flüchtlingssozialarbeit zu tun. Es ist eines der Arbeitstreffen des Psychosozialen Arbeitskreises Nord (PAN), die alle sechs Wochen stattfinden. Heute soll es um die Flüchtlingssozialarbeit gehen. „Die meisten Geflüchteten sind nun knapp zwei Jahre im Landkreis. Wir wollen hören, wie der Stand der Dinge ist, was gut läuft und was man noch verbessern kann“, sagt Maria Stenner-Dieckmann, die die Diskussion moderiert.

Eines wird in dem Gespräch schnell klar: Flüchtlingsarbeit ist langwierig und umfasst alle Bereiche des Lebens. „Das geht vor der Geburt los mit der Schwangerschaftsberatung und reicht bis zum Tod und was alles für eine Bestattung vorbereitet werden muss“, sagt eine der Frauen. Dementsprechend müsse die gesamte Flüchtlingsarbeit angelegt sein. Es reiche nicht, jemandem die Sprache beizubringen, eine Wohnung zu beschaffen und ihn dann wieder sich selbst zu überlassen. „Die eigentliche Arbeit geht erst dann los“, sagt Sven Heimann von der Flüchtlingssozialarbeit Syke/Hoya.

Langfristige und vor allem neue Strukturen müssen geschaffen werden, damit auch die Mitarbeiter von Behörden flexibler auf die besonderen Bedürfnisse der Geflüchteten reagieren können. „Wenn Eltern einen Ausweis für ihr Neugeborenes beantragen wollen, schicke ich sie ins Rathaus. Wohin schicke ich Geflüchtete?“, fragt eine Vertreterin des Familienzentrums Bassum.

„Wir rechnen mit 400 bis 500 Menschen im Jahr“

Eine Vertreterin des Vereins „Lebenswege begleiten“ aus Bruchhausen-Vilsen regt an, den Flüchtlingen noch stärker das deutsche System zu erklären, das für viele doch befremdlich sei.

Aber nicht nur die Flüchtlinge bräuchten mehr und vor allem auch individuell zugeschnittene Hilfe, auch die ehrenamtlichen Unterstützer müssten mehr geschult werden, da sie oft mit Rechtsfragen konfrontiert werden oder auch emotional an ihre Grenzen kommen. „Wir haben in Stuhr viele Helfer mit Herz, die teilweise schon an ihre eigenen Ressourcen gehen“, weiß Erika Rennhack. Denen müsse man auch beibringen, Grenzen zu ziehen.

Außerdem müssten die Sozialarbeiter, die sich um Flüchtlinge kümmern, langfristige Verträge bekommen, weil sich nur so ein Vertrauensverhältnis zwischen ihnen und den Hilfesuchenden aufbauen könne, in dem sich die Menschen öffnen und über Probleme sprechen.

Aber auch mehr Therapeuten werden benötigt, und die Gesellschaft müsste mehr über Traumatisierung und deren Folgen informiert werden. „Diese hört ja nicht auf, nur weil jemand Haus und Arbeit hat, und kann sich noch bis in die nachfolgenden Generationen auswirken“, hieß es.

All diese Verbesserungsvorschläge müssten zeitnah umgesetzt werden, fordert Rahmi Tuncer vom Verein Pro Asyl, denn demnächst stehe bei vielen anerkannten Flüchtlingen der Familiennachzug an. „Wir rechnen mit 400 bis 500 Menschen im Jahr.“ Es brauche mehr Integrationskurse, Flüchtlingssozialarbeiter, Runde Tische von Behörden und Helfern, damit diese sich besser vernetzen können, und Begegnungsstätten, um Vorurteile und Ängste zwischen den Neubürgern und Einheimischen abzubauen. „Seit die AfD soviel Zuspruch hat, nehmen die Anfeindungen zu.“

Nach all diesen Beiträgen meldet sich Hans Kaluza von der Caritas noch mal zu Wort, weil ihm bei dieser ganzen Diskussion eine Sache sehr am Herzen liegt: „Flüchtlingsarbeit ist keine Defizitarbeit. Sie bietet auch viele Chancen, schafft Vielfältigkeit, man lernt voneinander – und es macht auch viel Spaß.“ 

juk

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