Die Filme brauchen keinen Untertitel

Camp vermittelt Sprache und Kultur an junge Flüchtlinge

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Leiterin Isabell Gerken (l.) geht mit den Jugendlichen Mahdi und Mosa (v.l.) noch einmal die unterschiedlichen Szenen durch.

Barnstorf - Von Luka Spahr. „Kamera ab! Ton ab! Action”, ruft Amene in den Raum. Ihr Regie-Anweisungen kommen flüssig über die Lippen. Aber die 14-jährige Afghanin, die inzwischen seit einem Jahr in Eydelstedt lebt, kann weitaus mehr. Sie hat sich bereits einen beeindruckenden Wortschatz aufgebaut und spricht fließend Deutsch. Beim Lernen geholfen hat ihr unter anderem das Sprachcamp im Barnstorfer Welthaus. Dort nimmt sie in den Sommerferien bereits zum zweiten Mal an einem Seminar teil und ist wieder begeistert.

Über einen Zeitraum von zwei Wochen sitzen die knapp 24 jungen Flüchtlinge aus Barnstorf und Umgebung täglich im Welthaus an der Bahnhofstraße zusammen. Haben in der ersten Woche noch viele didaktische Themen auf dem Tagesplan gestanden, ist in diesen Tagen vor allem Kreativität gefragt. Am heutigen Donnerstag findet das Finale statt. Die Teilnehmer wollen voller Stolz das Resultat ihrer Arbeit zeigen. Es sind fünf kurze Spielfilme, zwei Musikvideos und ein „Hinter den Kulissen“-Video. Passend zum Camp, das in diesem Sommer unter dem Motto „Film ab!“ steht.

Alles aus der eigenen Feder - vom Text bis zum Schnitt

Die Themen für die Beiträge haben die jungen Leute selbst ausgesucht. Alle Dialoge und Szenen sind selbst entwickelt und erstellt. Die Musikvideos basieren auf eigenen Songs und Texten. Und zwar in deutscher Sprache. Untertitel brauchen die Beiträge also nicht. Das Besondere: Alle Szenen werden mit Handy gefilmt. „Die jungen Menschen sind heute den ganzen Tag nur noch mit dem Handy unterwegs“, erklärt Seminarleiterin Isabell Gerken. „Daher dachten wir, wir greifen das Thema auf und lassen die Jugendlichen alle Szenen mit dem Handy drehen.“ Auch der Schnitt soll in einer App auf dem Handy passieren. Alles gar nicht so leicht bei so viel Material.

Das Seminar soll sich nah am Leben der Jugendlichen orientieren. Daher werden die Szenen mit dem Handy festgehalten.

Gerken, die mit 22 Jahren noch einen engen Bezug zur Altersgruppe der Teilnehmer hat, wird von einem jungen Team unterstützt. Fachliche Beratung für die Choreografien und Filmszenen gibt es von Theaterpädagogin Milena Spielvogel und Filmpädagoge Sander Fuchs. Sie klären die Jugendlichen über verschiedene Arten auf, zu schauspielern oder zu filmen. Seien es Halbtotale und Totale oder Emotionen beim Vorspielen: Die Jugendlichen verstehen und lernen schnell. Das liegt unter anderem auch an dem lehrenden Teil des Seminars.

Helfer müssen sich auf ganz unterschiedliche Sprachniveaus einstellen

In diesem Sommer sind die Lehramtsstudenten Clara Lambers und Cassandre Longo sowie Johanna Retz dabei. Sie haben in der ersten Woche viele Grammatikübungen mit den Jugendlichen gemacht und ihnen die deutsche Sprache und Kultur näher gebracht. Oft gar nicht so leicht, da die Jugendlichen teilweise ein stark unterschiedliches Sprachniveau haben, wie Lambers berichtet. Die Münsteraner Lehramtsstudentin betrachtet den Nebenjob beim Sprachcamp als schöne Herausforderung, um neben dem theoretischen Studium auch praktische Erfahrungen zu sammeln. Neben dem Vermitteln von Adjektiven wie zum Beispiel „erschöpft“, was als wichtige Emotion für den Dreh später benötigt wird, sind auch kulturelle Kompetenzen bei den Betreuern gefordert.

Gerken hat solche Erfahrungen bereits durch mehrfache Beteiligung gesammelt. Seit dem vergangenen Jahr ist sie regelmäßig an den zweimal im Jahr in Barnstorf stattfindenden Sprachcamps beteiligt. Zuletzt hat sie noch auf einer Parallel-Veranstaltung in Twistringen ausgeholfen. Die Eydelstedterin, die sich in einer Ausbildung zur Erzieherin befindet, mag die Arbeit mit ausländischen Kindern und Jugendlichen. Bisher hatte sie jedoch nur mit ganz jungen Leuten gearbeitet. Die Jugendlichen betrachtet sie daher als eine neue Herausforderung. „Manche sind zum Teil mitten in der Pubertät“, verrät sie lachend. Kein Wunder, dass einer der beliebtesten Insider-Witze auf dem Seminar ist, zu anderen zu sagen, „I love you“, was dann mit lautem Gekicher quittiert wird.

Theaterpädagogin Milena Spielvogel erklärt der Gruppe, wie sie die Szene am besten arrangieren kann.

Die Stimmung sei generell lustig und locker, berichten viele Teilnehmer. Es herrsche eine gute Mischung aus Arbeit und Entspannung. So wird nach dem Mittagessen – es gibt unter anderem Falafel aus der Welthaus-Küche – gerne bei lauter Musik ein afghanischer Tanz vorgeführt. „Das Seminar ist in diesem Jahr noch einmal ein bisschen besser als im letzten Jahr“, freut sich Amene. Die Regietätigkeit macht ihr Spaß. Neben einem lauten „Action!“-Ruf hat das Mädchen auch vor der Kamera eine tragende Rolle. Es spielt in der Gruppe die Figur einer Kopftuchträgerin, die von einem Jungen geliebt wird. Beinahe wie bei Romeo und Julia geht es in dem Stück zu. „Unser Sohn Niko hat sich in ein Kopftuch-Mädchen verliebt!“ – „Was? Eine Terroristin?“ – „Ich weiß es nicht! Was sollen wir machen?“, heißt es da etwa in einem Dialog unter Eltern.

Theaterpädagogin Milena Spielvogel freut sich über die Zusammenarbeit mit der Gruppe. Sie ist von den Deutsch-Kenntnissen der Jugendlichen beeindruckt. „Letztes Jahr war es manchmal noch schwierig, sich zu verständigen. Mittlerweile verstehen sie alles sehr gut und wir können sogar über Einstellungsgrößen und ähnliches sprechen“, so Spielvogel. Die Jugendlichen seien so motiviert, dass sie manchmal darauf verweisen müsse, nicht zu viel zu drehen. Schließlich muss später noch alles geschnitten werden.

Nun fiebern alle Beteiligten der großen Präsentation entgegen. Donnerstag um 17 Uhr heißt es im Welthaus: „Film ab!“. Und zwar nicht nur für die Teilnehmer, sondern auch für die Öffentlichkeit. Jeder interessierte Bürger ist eingeladen, bei einem kleinen Snack die Arbeit der Gruppe zu bewundern. Inklusive einer kleinen Eröffnungsrede der jungen Filmemacher – auf Deutsch versteht sich!

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